Baabe auf Rügen erhält als erster Ort den Titel „allergikerfreundliche Gemeinde“. Mehrere Hotels, Ferienhäuser, Cafés, ein Supermarkt und eine Bäckerei stellen sich auf die speziellen Bedürfnisse von Allergikern ein. Ein Rundum-Sorglos-Paket ist das allerdings nicht. Von Yamina Merabet

Baabe ist allergikerfreundlich - jetzt auch mit Zertifikat© Picture-Alliance
Die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF) verlieh am 8. Mai dem Ostseebad Baabe auf Rügen den Titel „allergikerfreundliche Gemeinde“. Damit erhält erstmals ein ganzer Ort das Gütesiegel für allergikerfreundliche Produkte und Dienstleistungen. Mehrere Hotels, Ferienhäuser, Cafés, ein Supermarkt und eine Bäckerei stellen sich auf die speziellen Bedürfnisse von Allergikern ein. Das Ziel: Betroffene sollen ein größeres Angebot für einen allergikergerechten Ferienaufenthalt vorfinden.
Im Supermarkt gibt es nun zum Beispiel für Nahrungsmittelallergiker gluten- und laktosefreie Lebensmittel und Fertiggerichte oder auch milchfreies Eis. Beim örtlichen Bäcker kann man ei- und nussfreie Backwaren kaufen. Und die Hotels bieten für Milbenallergiker Betten, die mit milbendichten Schutzbezügen ausgestattet sind. Die Gemeinde hat auch eine Pollenfalle aufgestellt und kann so täglich informieren, wie stark Heuschupfengeplagte belastet sind.
Torsten Zuberbier, Leiter der gemeinnützigen Stiftung ECARF, erklärt die Idee des Projektes: "Wir wollten einen pragmatischen Ansatz finden, wie man als Allergiker auch den Urlaub möglichst beschwerdefrei und ohne Einbuße an Lebensqualität verbringen kann. Dabei sind es ganz viele kleine Angebote: Dass ich auch in vielen Cafés meinen laktosefreien Cappuccino trinken kann oder als Hausstaubmilben-Allergiker in milbenfreien Zimmern ohne Teppichboden schlafen kann." Das Ostseebad wurde ausgewählt, weil es sich um eine überschaubare Gemeinde handelt, die als Luftkurort bereits über gute Voraussetzungen verfügt, sagt der Allergologe.
Der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) sieht das Projekt nicht nur positiv. "Wir fürchten vor allem mehr Verwirrung bei den Betroffenen", sagt Sonja Lämmel, eine der Sprecherinnen der Patientenvereinigung. Allergiker könnten sich in falscher Sicherheit wähnen. Auch könnte eventuell der Eindruck entstehen, dass nur noch zertifizierte Urlaubsorte für Allergiker geeignet seien. "Sind andere pollenarme Gegenden nicht mehr zu empfehlen – zum Beispiel der Harz oder das Hochgebirge, in denen es keine Hausstaubmilben gibt? Was ist mit Hotels und Restaurants im Schwarzwald, die sich auf Allergiker eingestellt haben?", fragt Sonja Lämmel. Zudem stelle sich die Frage, welche unabhängigen Institute die Kriterien für ein allergikerfreundliches Hotel oder Restaurant überprüfen.
Ein weiteres Problem: Es gibt nicht den einen Allergiker mit typischen Problemen. Heuschnupfengeplagte oder Asthmatiker haben andere Bedürfnisse als jemand, der stark auf viele Nahrungsmittel reagiert. Die Konzentration der Allergene spielt ebenfalls eine Rolle: Was für den einen noch harmlos ist, kann für den empfindlicheren Allergiker schon lebensbedrohlich sein. Da jede Allergie anders ist, müssen Betroffene immer individuell beraten und geschult werden.
Fazit: Das Projekt Baabe hat Modellcharakter und wird die Öffentlichkeit für die Probleme von Allergikern im Urlaub sensibilisieren - was auch dringend nötig ist. Nach Angaben der ECARF ist mittlerweile jeder Dritte in Europa von einer Allergie betroffen.
Doch allergikerfreundlich heißt nicht allergenfrei: Auch in Baabe stehen Birken, auf die Heuschnupfengeplagte reagieren. Eine Garantie für einen beschwerdefreien Urlaub gibt es nicht. Die Verantwortung für seine Allergie muss Jeder selbst übernehmen – ob im Harz, an der Ostsee oder im Hochgebirge.