Schätzungsweise 2,4 Millionen Menschen in Deutschland sind Insektengift-Allergiker - aber viele wissen es gar nicht. Allergologe und Notarzt Wolfgang Sieber erklärt, weshalb ein Piks lebensbedrohlich werden kann und wie eine Hyposensibilisierung schützt. Interview: Anika Geisler

Aua! Die Biene kommt in die Spritze, die Spritze auf die Haut, die Biene sticht: Nur so kann Sieber sicher testen, ob seine Patientin nach einer Hyposensibilisierung noch allergisch auf das Gift reagiert© Armin Brosch
Nein, denn in diesen speziellen Fällen geht es keineswegs nur um einen lapidaren Stich auf der Haut. Allein im Einzugsgebiet unseres Krankenhauses gibt es jedes Jahr 50 echte Notfälle, weil Menschen nach einem Bienen- oder Wespenstich schwere allergische Symptome entwickeln. Diese Beschwerden sind oft lebensbedrohlich.
Ich bin einmal zu einer jungen Frau auf einen Bauernhof gerufen worden, die von einer Wespe in den kleinen Finger gestochen worden war. Anfangs war gar nichts Besonderes passiert, sie hatte nur den Schmerz vom Stich gespürt. Dann aber hatte sie kalte Schweißausbrüche bekommen, ihr Blutdruck war abgesackt, und sie war zusammengebrochen. Als ich ankam, dämmerte sie immer mehr weg, ich musste sie schließlich reanimieren. Das war sehr dramatisch, zumal ihre drei kleinen Kinder währenddessen vor dem Notarztwagen standen. Wir konnten die Frau aber retten – sie ist wieder gesund.
Nein. Sie hatte vorher noch nie in besonderer Weise auf einen Stich reagiert. Das ist eben das Fatale an einer Bienen- oder Wespengiftallergie: Lebensgefährliche Symptome können auch erst beim zweiten, fünften oder zehnten Stich auftreten.
Beim allerersten Stich im Leben reagiert normalerweise noch niemand so heftig. Aber der Körper mancher Menschen bildet spezielle Antikörper gegen das Insektengift. Die meisten von uns bekommen bei weiteren Stichen eine Hautquaddel, die juckt - mehr nicht. Es gibt aber eben auch Menschen, deren Körper schon ab dem zweiten Mal innerhalb von Minuten drastisch reagieren kann, mit allergischen Symptomen bis hin zum sogenannten anaphylaktischen Schock. Man schätzt, dass in Deutschland drei Prozent der Bevölkerung - das sind 2,4 Millionen Menschen - einen Allergieschock nach einem Insektenstich entwickeln können. Zu den Beschwerden gehören unter anderem Atemnot, ein Kreislaufkollaps oder Herzversagen. Im schlimmsten Fall können die Betroffenen sogar ins Koma fallen oder sterben. Auf diese Weise hat ein Patient von mir - ein Dachdecker, der berufsbedingt häufig mit Wespennestern zu tun hat und sich derzeit gegen Wespengift therapieren lässt - seinen Vater verloren, der ebenfalls Dachdecker war. Er lag nach einem Stich zweieinhalb Jahre im Koma und starb schließlich.

Die Biene sticht© Armin Brosch
Nein. Es gibt zwar unterschiedliche Hautund Bluttests, die nachweisen, ob man prinzipiell Antikörper gegen Insektengift gebildet hat und ob das wenige oder viele sind. Diese Tests sind aber keine Vorhersagen, ob man beim nächsten Stich zusammenbrechen wird. Letztlich weiß man das erst, wenn es passiert. Allerdings müssen die allergischen Reaktionen nicht immer so schwer sein wie im Fall der jungen Frau auf dem Bauernhof oder des verstorbenen Dachdeckers. Sie können auch erst einmal milder ausfallen: großflächiger Hautausschlag, ausgedehntes Jucken, Schwindel, Übelkeit, Durchfall, Erbrechen oder Benommenheit. Da sollten bei den Betroffenen und vor allem bei den Ärzten die Alarmglocken klingeln, dass es eine Insektengiftallergie sein könnte.
Wer einmal stärker als mit einer bloßen Quaddel an der Einstichstelle reagiert hat und bei wem die speziellen Antikörper gegen Insektengift nachgewiesen worden sind, der sollte sich hyposensibilisieren lassen, das zahlt die Krankenkasse. Hyposensibilisieren heißt: Der Betroffene bekommt entweder einige Tage in einer Klinik oder einige Wochen lang in einer allergologischen Praxis nach einem speziellen Schema bestimmte Dosen des Insektengifts gespritzt. Danach verabreicht der Hausarzt oder Allergologe in der Regel noch drei bis fünf Jahre lang regelmäßig Spritzen in größeren Abständen. Abgesehen davon sollte der Betroffene immer ein Set mit Medikamenten bei sich tragen, die er sich im Notfall selber verabreichen kann. Darin sind eine Spritze mit Adrenalin, ein antiallergisches Mittel und Cortison enthalten. Man bekommt es auf Rezept in jeder Apotheke.
Nein, die Nachbetreuung solcher Fälle ist in Deutschland äußerst schlecht. Eine wissenschaftliche Untersuchung von Notarzteinsätzen bei Insektenstichen im Raum München ergab zum Beispiel, dass nur jedem fünften Patienten geraten wurde, zum Allergologen zu gehen. Lediglich vier Prozent wurde eine Hyposensibilisierung empfohlen, und nur zwei Prozent bekamen ein Notfallset, um sich für den nächsten Stich zu wappnen.
Ich denke, dass die Dunkelziffer groß ist. Manche Erkrankte merken gar nicht, dass sie gestochen worden sind. Andere schämen sich, dass sie so heftig auf ein kleines Tier reagieren und sagen dem Doktor nichts. Und viele Ärzte kommen nicht auf die Idee, dass ein Stich die Ursache der Beschwerden sein könnte, und stellen ganz andere Diagnosen: ein Asthmaanfall bei Atemnot beispielsweise oder ein Herzinfarkt bei Herz-Kreislauf-Beschwerden. Die wahre Ursache, ein Stich, wird also bei manchen Not- und Todesfällen gar nicht erkannt. Es gibt auch Studien, die den Schluss nahelegen, dass in einigen Todesfällen, bei denen nur "plötzlicher Herztod" auf dem Totenschein steht, in Wirklichkeit ein Insektenstich schuld gewesen sein könnte. Das gleiche Prinzip - das Nichtentdecken - könnte bei jenen Sportlern zutreffen, die aus heiterem Himmel auf dem Fußballplatz oder beim Marathonlauf bewusstlos umfallen oder tot zusammenbrechen und bei denen man nicht weiß, warum. Bunte Trikots, Schweißgeruch, hektische Bewegungen - all das reizt Bienen und Wespen. Und wer beim Sport voller Adrenalin ist, merkt einen Stich vielleicht gar nicht oder macht erst einmal ehrgeizig weiter - bis es zu spät ist.
Die Erfolgsraten nach dieser Behandlung sind sehr hoch: Für Wespengift liegen sie nahezu bei 100 Prozent, für Bienengift bei 80 bis 90 Prozent. Am Ende der Therapie muss man eine sogenannte Stich-Provokation unter ärztlicher Aufsicht über sich ergehen lassen, als eine Art Abschlussprüfung. Das heißt, dass ein echtes Insekt den Patienten sticht.
Und wie machen Sie das im Krankenhaus? Unser Hausmeister ist Imker, der besorgt für solche Fälle eine Biene. Wenn wir eine Wespe brauchen, bringt sie eine unserer Krankenschwestern mit, die zu Hause ein Wespennest hat. Ich stecke das Insekt in eine dicke Spritze, schneide vorne die Spitze ab und drücke die Öffnung auf die Haut des Patienten. Dann ärgere ich das Tier mit dem Spritzenkolben, bis es zusticht.
Fast alle haben große Angst vor diesem Test, weil sie noch vom letzten Stich traumatisiert sind. Einer meiner Patienten hat vorher sogar sein Testament gemacht. Aber zum einen erkennen die Ärzte daran, ob sie die Hyposensibilisierung beenden können oder doch - wie in wenigen Fällen - mit einer höheren Dosis weitermachen müssen. Und die Patienten wissen danach genau, ob ihnen Bienen oder Wespen nichts mehr anhaben können. Das ist doch wesentlich besser, als ein Leben lang Angst vor dem Sommer haben zu müssen und sich nicht mehr rauszutrauen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2008