Wer fast das ganze Jahr Schnupfen, Augenjucken, Luftnot oder Hautprobleme hat, ist weniger leistungsfähig. Auch die Lebensqualität nimmt ab. Was sich für Allergiker ändern müsste, sagt Prof. Dr. Torsten Zuberbier, Allergieexperte an der Berliner Charité und Leiter der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF).

Allergien machen den Alltag zum Kampf: Informationen helfen (Corbis)
Die Frage geht viel weiter: Warum sollen wir uns als Gesellschaft überhaupt für Allergien interessieren? Da ist die Antwort ganz klar: Wir verschwenden volkswirtschaftlich unglaubliche Ressourcen durch eine verminderte Leistungsfähigkeit bei Allergikern. Aus Untersuchungen weiß man, dass die geistige Leistung um dreißig Prozent sinkt, wenn man unter einer akuten Pollenallergie leidet, ähnlich wie bei einer Erkältung. Das beginnt schon in Schulen, geht weiter in Studium, Ausbildung und Arbeitsalltag. Allergien haben sich zur heimlichen Volkskrankheit entwickelt: In Europa reagieren inzwischen mehr als 30 Prozent der Bevölkerung allergisch auf Nahrungsmittel oder Inhalationsallergene wie Pollen oder Tierhaare. Schon in wenigen Jahren soll jeder Zweite an einer Allergie leiden. Trotzdem werden Allergien in der Öffentlichkeit nach wie vor verharmlost. Für die Betroffenen ist der Umgang mit Krankheit im Alltag mindestens genauso wichtig wie eine gute Behandlung. Und das ist die entscheidende Botschaft: Durch einfache Maßnahmen kann man fast 99 Prozent der Allergiker vor den Krankheitssymptomen durch unbeabsichtigten Kontakt mit allergieauslösenden Stoffen schützen. Hier beginnt der Verbraucherschutz.
Nahrungsmittelallergiker müssen zum Beispiel besser informiert sein. Im Restaurant bedeutet es, dass ich nachfragen kann, welche Inhaltsstoffe im Gericht verwendet wurden oder dass der Koch entsprechend geschult ist. Hilfreich wäre es schon, wenn er etwa nicht mit dem gleichen Löffel in verschiedenen Suppen rührt und damit Gerichte versehentlich „verunreinigt“. Das passiert in guten Restaurants sowieso nicht, aber in Imbissen oder Schnellrestaurants ist dies nicht selbstverständlich. Weiter geht es bei Tierhaarallergikern, die nicht selten in öffentlichen Räumen wie in Zügen oder in Hotels Probleme bekommen. Gerade Katzenhaar-Allergene bleiben relativ lange als Schwebstoffe in der Luft. Es wäre ein Einfaches, einzelne Zugwaggons nicht nur rauchfrei, sondern auch tierhaar- beziehungsweise haustierfrei zu halten, auch könnten einzelne Hoteletagen für Haustiere komplett gesperrt werden. Oft muss man gar nicht mit großen neuen regulatorischen Maßnahmen arbeiten, sondern nur gesunden Menschenverstand einsetzen und das Engagement aller Beteiligten fördern.
Wir vergeben das Siegel nur dann, wenn das tägliche Leben von Allergikern nachweislich verbessert wird. Zum einen prüfen wir Produkte wie Nahrungsmittel, Kosmetika, Waschmittel oder Reinigungshilfen. Andererseits begutachten wir Dienstleister wie Hotels, Restaurants, Cafés oder Schnellimbisse. Die Beratung der Unternehmen durch die ECARF ist bewusst kostenfrei. Die Firmen kommen auf uns zu, aber wir haben auch einige Betriebe wie Hotels selbst kontaktiert, von denen wir uns einen großen Gewinn für Allergiker versprechen. Zunächst beraten wir die Unternehmen und legen fest, was geändert werden muss. Nahrungsmittel müssen zusätzlich durch ein unabhängiges Prüfinstitut auf ihre Inhaltsstoffe getestet werden. Erst wenn alle Forderungen erfüllt sind, vergeben wir das Siegel. Mit dem Qualitätssiegel wollen wir Allergikern eine bessere Lebensqualität ermöglichen, aber auch das Bewusstsein für das Problem Allergien in der Öffentlichkeit schärfen.
Gerade bei Nahrungsmittelallergien ist es schwierig, den Auslöser zu finden, da Mahlzeiten aus vielen Zutaten bestehen. Vor allem in Fertiggerichten und in stark verarbeiteten Nahrungsmitteln finden sich typische allergieauslösende Zutaten wie Soja, Erdnüsse, Sellerie oder Gewürzmischungen. Um das Qualitätssiegel zu bekommen, müssen auf der Verpackung alle häufigen allergieauslösenden Inhaltsstoffe angegeben werden - und zwar über die gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnung hinaus: Seit Ende 2005 ist die EU-Verordnung zur Lebensmittel-Kennzeichnung in Kraft getreten, die Liste der ECARF beinhaltet aber noch mehr allergieauslösende Stoffe (siehe Tabelle unten).
Ein großes Problem für Nahrungsmittelallergiker sind geringe Spuren allergieauslösender Lebensmittel, die eigentlich gar nicht im Fertigprodukt enthalten sein dürften wie Nüsse in reiner Vollmilchschokolade oder Milch in Orangensaft. Die Ursache liegt hier im Herstellungsprozess: Durch dieselben Transportmittel oder Geräte laufen unterschiedliche Produkte. So können unbemerkt Verunreinigungen entstehen. Dies kann fatale Folgen haben: Bei Nussallergikern reichen manchmal schon kleinste Mengen aus, um eine schwere allergische Reaktion mit Atemnot oder Kreislaufbeschwerden auszulösen. Für die Siegelvergabe muss der Nahrungsmittelhersteller gewährleisten, dass die Rohstoffe bei Transport, Lagerung und in den Produktionsgeräten vor Verunreinigungen geschützt werden. Zusätzlich erfolgt eine intensive Schulung der Mitarbeiter. Auch nach der Siegelvergabe werden die Produkte regelmäßig durch ein unabhängiges Prüfinstitut kontrolliert.
Viele Allergiker reagieren auf Kosmetika oder Waschmittel mit Hautirritationen oder Atemwegsbeschwerden. Die Regeln für Kosmetika werden zurzeit noch im Beirat der ECARF abgestimmt. Allergikergeeignete Produkte unterliegen einer besonderen Sicherheitsprüfung. Sie dürfen zwar Duft- und Aromastoffe oder Konservierungsmittel enthalten, diese müssen aber unter einem Schwellenwert liegen, so dass sie keine allergischen Beschwerden mehr auslösen können. Auch Geräte wie Raumluftbefeuchter oder Matratzenreinigungsgeräte werden geprüft. Sie müssen den Gehalt an allergieauslösenden Stoffen in Innenräumen deutlich verringern, die wichtigsten Innenraumallergene sind Hausstaubmilben, Pilzsporen, Tierhaare oder Pollen, die durchs offene Fenster in die Zimmer gelangen.
Welche Anforderungen stellen Sie an ein allergikerfreundliches Hotel oder Restaurant? Für Allergiker sind gerade unbeabsichtigte Kontakte in öffentlichen Räumen problematisch. Ein Hotel muss spezielle Allergikerzimmer oder besser eine ganze Etage für Allergiker zur Verfügung stellen. Milbendichte Matratzen und Bettwäsche schützen Hausstaubmilben-Allergiker. Aus den Räumen sind Haustiere, Teppichböden und stark allergene Pflanzen wie Ficus benjamini oder Gestecke mit blühenden Hasel- oder Birkensträuchern verbannt. Restaurants und Cafés müssen haustierfrei sein, Gerichte mit allergenarmen Produkten anbieten sowie ihr Personal auf spezielle Schulungen schicken. Welche Produkte und Firmen haben die Hürde geschafft und sind nachweislich „allergikerfreundlich“? Mittlerweile haben zwei Hotelketten das Qualitätssiegel erhalten. Bei den Produkten sind ein spezielles Putz- beziehungsweise Staubwischtuch, ein Raumbefeuchter und ein Matratzenreinigungssystem zertifiziert worden, das mit ultraschallähnlichen Wellen arbeitet. Bei Nahrungsmitteln haben wir mehrere Anfragen zum Beispiel für Backwaren oder Feinkost bekommen. Von der Prüfung bis zur Siegel-Vergabe kann es je nach Größe der Produktion aber bis zu sechs Monate dauern; bisher sind zwei Hersteller zertifiziert worden – einer produziert Schinken, der andere Wiener Würstchen.
Richtlinien der Europäischen Union für Zutaten in Lebensmitteln