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Ratgeber Allergie

23. August 2007, 16:09 Uhr

Allergiekinder sind weniger gefährdet

Bei Allergien reagiert das Immunsystem zu heftig. Genau das scheint ein wichtiger Faktor zu sein, der Allergiekinder eher vor dem häufigsten Blutkrebs schützt. Das zeigen aktuelle Ergebnisse der britischen Kinderkrebsstudie.

Bei Allergien reagiert das Immunsystem zu heftig, das scheint Allergiekinder eher vor dem häufigsten Blutkrebs zu schützen (Corbis)

Ann M. Hughes von der Universität York hatte mit Kollegen die Daten von mehr als 800 jungen Leukämiepatienten und über 1.300 Kontrollpersonen analysiert. Die wichtigste Erkenntnis: Bei Kindern, die früher an Ekzemen oder Heuschnupfen litten, verringert sich das Risiko für eine akute lymphoblastische Leukämie (ALL) um 30 bis 40 Prozent. Bei Kindern mit allergischem Asthma konnten die Forscher diesen Effekt nicht feststellen. Die ALL ist mit 80 Prozent die häufigste Leukämieform im Kindes- und Jugendalter - insgesamt erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 500 Kinder neu daran. Für die zweithäufigste Blutkrebsart, die akute myeloische Leukämie, konnte Ann M. Hughes keinen Zusammenhang mit Allergien finden.

Frühe Kontakte mit Bakterien sind entscheidend

Was genau für diesen Schutz vor dem Blutkrebs verantwortlich ist, wissen die Wissenschaftler bislang nicht. „Uns fehlt noch die exakte biologische Erklärung“, sagt Cornelia Eckert, Forscherin aus der Klinik für Kinderkrebsheilkunde der Charité. Vermutlich sind ganz frühe Kontakte mit Antigenen entscheidend - wenn also Kinder im ersten Lebensjahr mit Bakterien, Viren oder anderen Fremdstoffen konfrontiert werden. Das Immunsystem lernt aus dem Fremdkontakt und die Abwehrzellen reifen. Im Idealfall liegen die verschiedenen Zelltypen, vor allem T-Helfer-1- und T-Helfer-2-Zellen, in einer natürlichen Balance vor. Kritisch wird es, wenn Kinder nicht genügend Antigene kontaktiert haben. Dann können bestimmte Abwehrzellen, die T-Helfer-2-Zellen, verstärkt reagieren - eine Allergie bildet sich aus.

Balance zwischen den Abwehrzellen fehlt

Andererseits scheint das Immunsystem auch daran beteiligt zu sein, wenn eine akute lymphoblastische Leukämie entsteht. „Kinder, die im ersten Lebensjahr mit Antigenen in Kontakt kommen - zum Beispiel in der Kinderkrippe oder durch ältere Geschwister -, sind eher geschützt vor dieser Leukämie“, sagt Cornelia Eckert. Das Immunsystem scheint sich dann besser auszubilden. Werden hingegen die T-Helferzellen schlechter trainiert und fehlt die Balance zwischen den unterschiedlichen T-Helfer-Zellen, steigt das Blutkrebsrisiko. Damit es überhaupt zu einer Leukämie kommt, muss bereits vor der Geburt des Kindes noch etwas anderes passiert sein: eine Mutation in einer der blutbildenden Zellen.

Das bedeutet: Sowohl bei der Allergie als auch bei der Leukämie ist die Immunabwehr der T-Helferzellen aus dem Gleichgewicht geraten. Aber wie kann die Allergie dann vor der Leukämie schützen? „Forscher nehmen an, dass die überschießende Immunreaktion bei der Allergie das Ungleichgewicht bei der Leukämie wieder ausbalanciert“, sagt Cornelia Eckert. Bereits in den 50er Jahren vermutete man, dass diese Überreaktion dabei hilft, die bösartigen Zellen schneller zu entdecken und zu vernichten.

Auf keinen Fall Allergien verstärken

Sollten Eltern also die Allergien ihrer Kinder noch verstärken? „Auf keinen Fall, auch Allergien bergen große Gesundheitsrisiken und man sollte nicht die eine Krankheit gegen die andere aufwiegen“ sagt Cornelia Eckert. Außerdem ließen sich Allergien und die Leukämie heute sehr gut behandeln. Hinzu kommt: Während die Allergie bei Kindern ein Massenphänomen ist, gehört die Leukämie zu den seltenen Krankheiten.

Zwar sieht die Wissenschaftlerin in den Studienergebnissen noch keinen Ansatz für eine neue ALL-Therapie: „Wir lernen aber so das komplexe Immunsystem besser zu verstehen. Dabei hilft uns auch die Forschung zur Allergie und zur Leukämie. Irgendwann könnte dieses Wissen auch dazu dienen, neue Behandlungsverfahren zu entwickeln.“

Die akute lymphoblastische Leukämie (ALL) ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems. Sie kann in jedem Alter auftreten, am häufigsten sind jedoch Kinder zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr betroffen. Jungen erkranken etwas häufiger als Mädchen. Unbehandelt breiten sich die Leukämiezellen in kurzer Zeit im gesamten Körper aus. Sie stören die normale Blutbildung und schädigen Organe schwer. Während die Krankheit früher kaum zu beeinflussen war und viele Kinder daran starben, können Ärzte heute dank moderner Untersuchungsmethoden und standardisierter Behandlungsformen fast 80 Prozent der Kinder dauerhaft heilen.

Arnd Schweitzer

 
 
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