40 Jahre Matula-Express

20. Juni 2002, 14:28 Uhr

Viertürige Alfas mit Sportlerherz haben Tradition, seit die Giulia 1962 auf die Straßen kam. Etliche Nachfolger wollten ihren Platz - bekommen hat ihn nur der aktuelle Alfa Romeo 156.

Alfa Romeo Giulia Nuova Super©

Das Jahr 1962 liegt schwer im Magen. In Norddeutschland brechen die Deiche. Der Holocaust-Organisator Adolf Eichmann wird hingerichtet. In Kuba messen Nikita Chrustschow und der schicke Ire John F. Kennedy ihre Kräfte und führen die Welt an den atomaren Abgrund. Zeit für eine kräftige Seelenmassage in automobiler Form. Das Land, das der motorisierten Welt so herrliche Worte wie Superleggera, Targa Florio und Ferrari beschert hat, schenkt uns am 27. Juni 1962 die benötigte Erleichterung: Alfa Romeo stellt im Mailänder Vorort Arese die Giulia vor.

Vier Türen, vier Zylinder

In den 60ern gab es eben noch keinen Porsche Cayenne für den frisch gebackenen Papi. Aber die Giulia: Vier Türen und ein Kofferraum für Kinder und Gewissen, Sportfahrwerk und 113 PS im Topmodell 1600 ti Super für den juckenden Gasfuß. Damit lief die Giulia 190 Klamotten und kredenzte dem grinsenden Fahrer eine »Überlegenheit, die man nur in Maßen ausnutzen darf, wenn man nicht die übrigen Verkehrsteilnehmer ängstigen will«, wie es in einem Stuttgarter Automagazin hieß.

Vorsprung durch Technik

Kantig und aufrecht war das Design des ersten Sprosses der viertürigen Alfa-Sportlimousinen. Trotzdem war sie mit einem Cw-Wert von 0,34 erstaunlich windschlüpfrig. Die Tropfenform eines 74er Citroen CX war dagegen Abfall. In Verbindung mit den fünf serienmäßigen Gängen spurtete die schnelle, leichte Italienerin so manchem schwergewichtigen Hubraumriesen locker davon. Das Konzept der Sportlimousine schlug am Markt voll ein. Lange bevor der erste GTI über die Straßen fegte, schöpfte die Giulia den Rahm der wohlhabenden Käuferschichten mit Hang zum Bleifuß ab.

Ablösung versäumt

In 16 Jahren verließen mehr als eine halbe Million Giulias die Fließbänder. Dabei musste sie sich einige optische Verschlimmbesserungen gefallen lassen. 1978 kam mit der Giulietta der erste ruhmlose Nachfolger. Alfa hatte sich zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht; einfach verpennt, sich gegen 3er BMW und Golf GTI rechtzeitig zu wehren. Von hier an hielt nur noch einer die Fahne der viertürigen Alfas hoch: Josef Matula alias Claus Theo Gärtner, der in der ZDF-Reihe »Ein Fall für Zwei« zeigte, dass er im Grunde nur ein gezähmter Rennfahrer ist.

Matula

Ab 1981 jagte 'Matula' einen Alfa nach dem nächsten über die vorabendliche Krimipiste, während seine beleibten Kompagnons wie Günther Strack schwere BMWs chauffierten. Sogar den unsäglichen Alfa 75 nahm sich Claus Theo Gärtner zur Brust, und keiner weiß so recht, wie viel Geld er dafür bekommen hat. Erst die Teilnahme an der deutschen Tourenwagenmeisterschaft mit dem Alfa 155 brachte wieder Glamour in die Viertürer.

Wieder entdeckt

So richtig zu neuem Leben kam die Giulia mit dem bildschönen Alfa 156. Er, und nur er, ist der legitime Nachfolger. Seit 1997 kann Alfa wieder erfolgreich gegen die Konkurrenz aus Bayern und anderswo anstinken. 250 PS hat die Kraft-Version 156 GTA. Und keiner erinnert sich mehr an den buckligen 75, wenn er den Namen Alfa Romeo hört. Stattdessen blinken sechs blankpolierte Ansaugrohre im Hirn auf und lassen das höher schlagen, was auf jedem anständigen Motor steht: Cuore Sportivo. Ein Sportlerherz.

Christoph M. Schwarzer

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