Mit dem Wald-und-Wiesen-Bullen Cayenne hofft Porsche auf Erfolge abseits befestigter Straßen. Der Stern begleitete die Entwicklung und Erprobung des neuen Autos exklusiv auf drei Kontinenten.

Aufwändige Tests im Südwesten der USA© Harald Schmitt
Wie gut, wenn stets ein Konddom zur Hand ist, denn es kann sogar Motorschäden verhüten. Stefan Knirsch behält es vom Fahrersitz aus stets im Blick. Das Latexprodukt flattert vor der Windschutzscheibe im Fahrtwind und ist über einen Schlauch mit dem Motor verbunden.
Zweckentfremdet dient es als Messinstrument für die Druckverhältnisse im Triebwerk. Und als Ersatzteil für einen Luftballon, der nach rund 800 Kilometern durchs winterliche Kanada spröde geworden ist und schlapp gemacht hat. Jetzt also ein Kondom. Marke Durex, elektronisch getestet. Genau das Richtige für einen Ingenieur.
»Im Kurbelgehäuse sollte immer Unterdruck herrschen«, sagt Stefan Knirsch, Projektleiter für die Motorentwicklung. Die Straße vor ihm liegt im grau-blauen Schatten der Rocky Mountains. »Solange sich das Gummi nur bis auf Faustgröße ausdehnt, ist alles in Ordnung. Falls es aber mehr wird, müssen wir den Motor abstellen. Sonst wird das Öl in die Brennräume gedrückt, wodurch die Katalysatoren zerstört werden.«
Ende Januar 2001. Noch sind es knapp anderthalb Jahre bis zum geplanten Serienanlauf des neuen Porsche Cayenne. Aber der Motor muss, zusammen mit dem Rohbau der Karosserie, sehr früh fertig werden, weil die Entwicklung anderer Bauelemente sonst nicht beginnen kann. Knirsch betrachtet seine Arbeit als die eines Lieferanten: »Ich muss zum Zeitpunkt X einen Motor bereitstellen, der ganz bestimmte Kriterien erfüllt.« Fertig entwickelt, muss der Achtzylinder eine Lebensdauer von mindestens 160000 Kilometern erreichen und 340 PS leisten. Und selbstverständlich alle Abgas- und Geräuschvorschriften erfüllen.
Schon vor einem Jahr hat Knirsch das erste Exemplar des neuen Achtzylinders während einer Erprobung in Australien gefahren. Jetzt sind bereits viele Teile des neuen Triebwerks mit den Serienwerkzeugen gefertigt.
Noch in der Dämmerung ist eine Gruppe von Ingenieuren und Mechanikern von Calgary aus Richtung Norden aufgebrochen. Die eilige Geländewagen-Karawane besteht aus einem BMW X5, einem Mercedes ML 430, einem Jeep Cherokee sowie zwei Ford Excursion als rollende Werkstätten. Und aus vier Autos, die merkwürdig aussehen. Mattschwarz. Die Bleche sind zu großen Teilen mit unförmigen Kunststoff-Paneelen, die Lufteinlässe mit Maschendraht verkleidet. Es handelt sich um so genannte Erlkönige. Frühe Cayenne-Prototypen, bis zur Unkenntlichkeit getarnt.