Das Projekt ist einmalig in der Männerbranche. Bei Volvo durften Frauen ein Auto bauen. Komplett, vom Entwurf an. Die Überraschung: Der Sportflitzer, auf dem Genfer Autosalon erstmals gezeigt wird, ist ziemlich maskulin geraten. Jedenfalls außen.

Eine Hand voll internationale Journalisten schaut sich beim Vorführtermin den Prototyp des Frauen-Volvos an.© Harald Schmitt
Das Projekt ist einmalig in der Männerbranche. Bei Volvo durften Frauen ein Auto bauen. Komplett, vom Entwurf an. Die Überraschung: Der Sportflitzer, auf dem Genfer Autosalon erstmals gezeigt wird, ist ziemlich maskulin geraten. Jedenfalls außen.
Wenn Männer ein Auto entwickeln - was meistens der Fall ist - dann gehen sie strikt nach Plan vor. Dieser Plan heißt "Lastenheft". Darin steht alles geschrieben, was das Auto einmal haben soll: Die Art des Motors und seine PS-Zahl, Fahrleistungen, Anzahl der Türen, das komplette Programm, das Männer halt so interessiert. Das neue Auto muss natürlich geiler sein als die Modelle der Konkurrenz, auch das steht geschrieben ("Beschleunigung besser als Modell xy, Federung sportlicher als Modell yz"), schließlich wollen Männer, die das Auto kaufen sollen, damit auch am Stammtisch eine gute Figur machen.
Wenn Frauen ein Auto entwickeln - was nun erstmals der Fall ist - dann gehen sie strikt nach Gefühl vor. Sie malen sich zunächst eine passende Kundin dafür aus, wie jetzt bei Volvo geschehen. Die Dame heißt Eve. Diese Eve soll super aussehen, genug Geld verdienen, Single sein, immer geschäftig, mittags zum Einkaufen flitzen und abends zum Yoga. Das neue Auto soll Eves Bedürfnissen entsprechen, es braucht also viel Platz für Sportzeug und Prada-Tüten. Es darf nicht trutschig oder nach Familie aussehen, schließlich will eine Crémeschnitte wie Eve beim Flirt an der Ampel eine gute Figur darin abgeben.

Nicht nur Männer finden Flügeltüren toll© Harald Schmitt
Die Frauen, die sich Eve ausgemalt haben, sind allerdings fast alle verheiratet und Mütter, und sie fahren Volvo-Kombis. Nun sitzen sie in diesem Herrenhaus südlich von Göteborg auf hellen Sesseln und erzählen bei Kaffee und Kerzenlicht, wie das war, ein Auto für Eve zu entwickeln. "Es gab viel Kuchen, irgendeine hatte immer gebacken", sagt Maria Widell Christiansen, 44, braune Locken bis zum Kinn, Jeans-Rock mit der Aufschrift "Born to be wild". Sie ist die Design-Koordinatorin und eine von fünf Projektleiterinnen. "Obwohl die Arbeit sehr zeitintensiv war, gab es keine Scheidung, aber sieben Schwangerschaften!", sagt sie und lacht.
Das gemeinsame Baby heißt "Your Concept Car"; ein Concept Car ist eine Studie, an der die Reaktion der Öffentlichkeit getestet werden soll. Volvo wird diese Studie auf dem Genfer Salon nächste Woche präsentieren, vermutlich als etwas ganz Revolutionäres, weil reine Frauen-Kiste. Und die Herren der Branche, die sich davon einen fahrbaren Lippenstift oder eine Einbauküche auf Rädern versprechen, werden ziemlich erstaunt sein, wenn sie dieses Auto zu Gesicht bekommen.
Es sieht nämlich aus wie so eine Rakete aus einem James-Bond-Film: "Your Concept Car" ist ein silbergrauer Sportwagen mit lässigen Flügeltüren, fetten Reifen, kantigen Scheinwerfern und scharf abgeschnittenem Heck. Denn Frauen, das wissen die Damen von Volvo, wollen keine typischen Frauen-Autos mit Kulleraugen-Scheinwerfern und XXL-Stoßstangen, die ihnen suggerieren: Ihr mögt es niedlich und seid zu blöd zum Einparken.
"Wir wollten ein Auto bauen, bei dem man das Gefühl kriegt: Wow, ich will das, weil es so geil aussieht!", sagt die Exterior-Designerin Anna Rosen, 27, die am Art Center College of Design in Pasadena, Kalifornien, studiert hat. "Und dann: Wow, ich brauche das, weil es so praktisch ist!"
Bei einem Workshop im Oktober 2001 war die Amerikanerin Martha Barletta, Expertin in Sachen Marketing für Frauen, bei Volvo zu Gast und fragte: Wie würde ein Auto aussehen, das Frauen entwickeln? "Und dieser Gedanke ließ uns nicht mehr los", sagt Maria Widell Christiansen. Sie ist seit 17 Jahren bei Volvo mit der Ausstattung von Autos beschäftigt, aber "Your Concept Car" nennt sie "die Herausforderung meines Lebens". Das ist vielleicht etwas dick aufgetragen, denn sie hat zwei Töchter, drei und sieben, und Kinder aufzuziehen ist ja auch nicht ohne. Aber die Frauen hier wirken alle ein bisschen überdreht, sie reden ohne Punkt und Komma. "Das ist wie eine Therapie-Stunde für uns", sagt Widell Christiansen und lacht. "Wir hatten ein Geheimnis - nun dürfen wir endlich darüber sprechen." Und dann erzählt sie von all den irre pfiffigen Sachen, die sich hinter diesem Geheimnis verbergen.
In ihrem Wagen kommt die Luft am Armaturenbrett aus zarten Rillen und nicht aus dicken Düsen, die mit ihrem Getöse die Frisur verwehen. Es gibt einen Laptop, der die Einstellung von Sitz, Seiten- und Rückspiegel individuell speichert, damit man nicht lange rumruckeln muss, wenn sich vorher der 1,98 Meter große Lover am Steuer breit gemacht hatte: einfach Knöpfchen drücken - ssst - fährt sich alles wieder von allein zurecht.
Zitat "Wir wollten ein Auto bauen, bei dem man das Gefühl kriegt: Wow, ich will das, weil es so geil aussieht! Und dann: Wow, ich brauche das, weil es so praktisch ist!" Exterieur-Designerin Anna Rosén