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Der Mann, der im Niemandsland am schnellsten E-Auto der Welt tüftelt

Ausgerechnet im automobilen Niemandsland Kroatien tüftelt Mate Rimac mit einem Team von Garagenbastlern und Rennsportverrückten an den schnellsten Elektrowagen der Welt. Besuch bei einem PS-Junkie.

Von Christian Cohrs

  Mate Rimac, Autonarr und Tüftler aus Zagreb. Seine Firma Rimac Automibili beschäftigt 130 Ingenieure und Auto-Enthusiasten

Mate Rimac, Autonarr und Tüftler aus Zagreb. Seine Firma Rimac Automibili beschäftigt 130 Ingenieure und Auto-Enthusiasten

Diese ziemlich unwahrscheinliche Geschichte beginnt so: Da ist dieser Typ, Mitte 20, in einem kleinen Balkanland, der sich in den Kopf gesetzt hat, den besten Sportwagen der Welt zu bauen. Wobei halt, eigentlich beginnt die Geschichte noch früher. Mit einem Jungen, der Autos liebt, der sich mit 18 seinen ersten BMW E 30 kauft, 84er-Baujahr, und diesen auf der Rennstrecke so sehr triezt, dass ihm der Motor explodiert. Der dann, Tüftler der er ist, in seiner Garage einen Elektromotor in den BMW baut, immer weiterbastelt und optimiert, bis das Auto in 3,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigt und von Guinness World Records die schnellste je mit einem elektrischen Auto gefahrene Viertelmeile attestiert bekommt: 11,85 Sekunden.

Das war 2012. Da hatte Mate Rimac schon längst seine Firma gegründet: Rimac Automobili. Im Jahr zuvor hatte er auf der IAA in Frankfurt die erste Studie des Concept One vorgestellt: ein rein elektrisch angetriebener Sportwagen. Über 1000 PS stark, von 0 auf 100 in unter drei Sekunden, gebaut komplett in Handarbeit, Stückpreis 500.000 Euro. Nach fünf Jahren Entwicklung ist das Serienmodell nun fertig. Anfang März soll es auf dem Genfer Autosalon vorgestellt und anschließend an den ersten Kunden ausgeliefert werden.

Die Elektrorenner von Rimac Automobili
  Mit dem rein elektrisch angetriebenen Concept One will Mate Rimac das Sportwagenfahren an sich auf eine völlig neue Stufe heben.    Leistung: 1088 PS/800kW    Drehmoment: 1600 Nm    Höchstgeschwindigkeit: 300 km/h  Beschleunigung 0-100 km/h: 2,8 Sekunden  Gewicht: 1948 kg  Leistungsgewicht: 1,79 kg/PS  Batteriekapazität: 82 kWh

Mit dem rein elektrisch angetriebenen Concept One will Mate Rimac das Sportwagenfahren an sich auf eine völlig neue Stufe heben.

Leistung: 1088 PS/800kW

Drehmoment: 1600 Nm

Höchstgeschwindigkeit: 300 km/h

Beschleunigung 0-100 km/h: 2,8 Sekunden

Gewicht: 1948 kg

Leistungsgewicht: 1,79 kg/PS

Batteriekapazität: 82 kWh

Das Firmengelände von Rimac Automobili liegt knapp 20 Kilometer vom Zentrum der kroatischen Hauptstadt Zagreb entfernt. Früher war hier eine Citroën-Niederlassung, alles etwas in die Jahre gekommen - bis auf den sehr cleanen Showroom, in dem der CEO in T-Shirt und Turnschuhen empfängt. Entspannt auf einem weißen Sofa sitzend, erzählt Rimac, Unternehmersohn, wie er mit zehn Millionen Euro Startkapital seine Vision vom Sportwagen der nächsten Generation hat Wirklichkeit werden lassen - "from scratch".

Ansonsten spricht er fließend Deutsch: Acht Jahre seiner Kindheit hat Rimac in Frankfurt am Main verbracht. Tatsächlich entsteht das komplette Fahrzeug vor Ort. Von der Entwicklung bis zum Zusammenschweißen des Chassis und dem Backen der Karbonkarosserie. Die Batterien wurden ebenso in-house entwickelt wie die Antriebstechnologie und die Software, die das Ganze steuert. "Soweit ich weiß, sind wir die am stärksten vertikal integrierte Firma der Welt", sagt Rimac.

  Der Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe der Business Punk

Der Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe der Business Punk

Dazu wurde sie nicht ganz freiwillig. Anfangs hatte Rimac - allein schon aus Zeitgründen - sehr wohl im Sinn, Teile zuzukaufen. "Aber wenn du als kleine Firma zu diesen Zulieferern gehst, wollen die erst gar nicht mir dir reden", erklärt er. Und wenn doch, verlangen sie Unsummen für Bauteile, die technisch überholt sind, weil die State-of-the-Art-Sachen natürlich den Großkunden aus der Industrie vorbehalten sind.

Also musste Mate Rimac ganz von vorn anfangen. Und in Kroatien, einem Land ohne Automobilbautradition, heißt das wirklich ganz, ganz von vorn: "Bevor wir das Produkt aufbauten, mussten wir die Firma aufbauen, dann das Team, dann das Know-how", sagt Rimac. Tatsächlich war Adriano Mudri, Designer des Concept One, zunächst der Einzige, der überhaupt praktische Erfahrung in der Autobranche vorweisen konnte. Der Rest: Rennsportenthusiasten und Garagenbastler wie Mate Rimac selbst.

Hacker und Bastler

Der CEO schätzt Quereinsteiger, die vielleicht kein Ingenieursdiplom, dafür reichlich DIY-Erfahrung mitbringen, erklärt Miro Zrncevic, ein ehemaliger Autojournalist, nun Testfahrer und PR-Mann in Personalunion. Darum fänden sich unter seinen Kollegen einige Leute wie Rimacs "Mad Scientist" Zvonimir Sucic. Dem wurde im Alter von zwölf Jahren der Umgang mit funkgesteuerten Geräten verboten, nachdem er sich ins Kommunikationssystem des Präsidentenpalasts gehackt hatte. Einstellungsgrund war jedoch, dass Sucic seit 2001 in seiner Garage elektrisch angetriebene Motorräder zusammengebastelt hat. Von ihm stammte die Idee zum Greyp Bike. Das an eine Motocross-Maschine erinnernde Elektromotorrad wird inzwischen unter dem Dach einer eigenen Firma bei Rimac gebaut. Zu den Kunden gehört unter anderem die Polizei von Abu Dhabi.

Einen anderen seiner Leute stellte Mate Rimac vom Fleck ein, nachdem er sich das Downhillbike angeschaut hatte, das der Typ selbst konstruiert und zusammengeschweißt hatte. "Kroatien ist ein kleines Land, die Leute haben wenig Geld, aber große Wünsche", sagt Zrncevic. "Wenn du etwas nicht kaufen kannst, musst du lernen, es selbst zu bauen." Aus diesem Grund habe Kroatien - und damit Rimac - großartige Ingenieure. Und: "Die Leute haben keine Angst, neue Sachen zu lernen."

In der Werkstatt von Rimac Automobili

Jedes Kabel im Concept One - davon hat der E-Sportwagen viele - wird von Hand verlegt

Rimac sammelt solche Menschen; Garagenbastler, Autoenthusiasten, Uni-Dropouts. Das Durchschnittsalter der inzwischen auf 130 Leute angewachsenen Belegschaft - rund drei Viertel davon Ingenieure - beträgt 29 Jahre. Inzwischen wird es schwierig, qualifizierte Leute zu finden, um die für 2016 angepeilte Verdopplung der Belegschaft hinzubekommen. Rekrutieren im Ausland ist schwierig: "Unsere Löhne sind gut", sagt Rimac. Und: "Kroatien ist ein wunderschönes Land. Wenn man einen okayen Lohn hat, gibt es keinen besseren Ort zum Leben." Doch er spricht von überdurchschnittlichen Löhnen in einem Land, wo das mittlere Gehalt 800 Euro beträgt - unattraktiv für Ingenieure, die auch in Deutschland oder Schweden einen Job finden.

Immerhin, zwei Deutsche sitzen derzeit in der Batterieentwicklung. "Ich habe mit den Jungs gesprochen, wieso wollt ihr hier arbeiten?", sagt Rimac. Die hätten gemeint, sie wollen an Elektroautos arbeiten, aber Tesla in den USA sei ihnen zu weit weg, und sie hätten keine Lust, nur ein winziges Rädchen in einer riesigen Entwicklungsabteilung zu sein. Einer war zuvor bei einem Autokonzern. Dort habe er zwei Monate warten müssen, ehe ihm ein spezielles Teil zur Verfügung gestellt wurde. Hier gehe er einfach zu den Kollegen nebenan.

Der Chef ermuntert seine Leute zum interdisziplinären Austausch. Seit Kurzem gibt es öffentliche Vortragsabende, wo jeder erzählen kann, woran er gerade arbeitet – oder welches Thema auch immer ihn beschäftigt. Mate Rimac überlegt, im Sommer ein paar Open-Air-Arbeitsplätze zu bauen. In einem ungenutzten Gebäude entsteht gerade eine Kantine, in der es Mittagessen geben soll, kostenlos bis auf Fleisch - Rimac ist Vegetarier. Am liebsten würde er sogar einen Gemüsegarten auf dem Firmengelände anlegen. Alles ziemlich ungewöhnlich für ein Unternehmen in Kroatien, wo die Zeitung anruft, wenn man bei Facebook ein Foto der drei Firmenhunde postet, und eine Geschichte machen will. Hunde im Büro, verrückt.

In der Werkstatt von Rimac Automobili

Hightech, aber doch Handwerk - auch in der Karbonteilefertigung

So nett die Startup-Nummer ist - irgendwann muss Geld verdient werden. Bis ein Hightech-Unternehmen das tut, vergeht deutlich mehr Zeit als in einer App-Bude. Erst recht, wenn man eine eher unerfahrene Mannschaft hat, die, an hochspezialisierte Maschinen gestellt, erst einmal viel ausprobieren, wegwerfen, herumbasteln muss, bis etwas klappt. "Wir machen sehr viele Fehler. Das kostet Zeit und Geld", sagt Rimac. Der unmittelbare Output profitiert auch nicht gerade, wenn der Chef seine Leute ermuntert, ihre Nasen gerne in Projekte der Kollegen zu stecken, wenn sie etwas interessiert. So lernen zwar alle irrsinnig viel, aber eben nicht unbedingt das, was es gerade braucht, um Zeitpläne einzuhalten.

"Die ersten drei Jahre hatte ich nie das Geld für die nächsten Gehälter auf dem Konto", gesteht Rimac. Inzwischen jedoch hat er seine Firma breiter aufgestellt. Denn: "Als Autohersteller allein würden wir es nicht schaffen." Geld wird mit Entwicklungsaufträgen verdient, unter anderem für einen großen deutschen Autokonzern. Rimac plant außerdem, seine Batterien in höheren Stückzahlen zu produzieren, Technologien an andere Hersteller zu lizenzieren, er will im Bereich des autonomen Fahrens mitspielen. Einen funktionierenden Prototyp haben seine Ingenieure bereits fertig. Um seine Pläne und Projekte umsetzen zu können, sammelt Rimac derzeit in einer zweiten Finanzierungsrunde einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag ein. Klingt also alles gut. Was aber, falls es doch alles nicht klappt?

Mate Rimac gewinnt sogar dem Worst-Case-Szenario eine gute Seite ab: "Selbst wenn hier in einem halben Jahr die Lichter ausgehen … All die Leute, die durch diesen Prozess durchgegangen sind, die haben so viel mitgenommen, das ist so wertvoll für das Land", sagt Rimac.

In der Werkstatt von Rimac Automobili

Bastelstunde: Die Karosserie wird aus diversen Karbonteilen in mehreren Schichten zusammengebacken

Ein Skype für Kroatien

Wie es um das Know-how dieser Leute bestellt ist, kann man zum Beispiel in der Halle sehen, wo die Ingenieure sitzen. Dort stehen Whiteboards, über und über mit mathematischen Formeln vollgeschrieben. Fahrdynamik. Auch für Laien anschaulich wird die Bedeutung der kryptischen Zeichen durch ein Video, das ein Ingenieur auf seinem Rechner vorführt. Es ist eine Aufnahme vom Bergrennen Pikes Peak im Juni 2015. Blick aus dem Cockpit des Tajima Rimac E-Runner. Der Wagen wurde als aufgebohrte Version des Concept One für den japanischen Rennfahrer Nobuhiro Tajima gebaut. Die Tonspur des Clips klingt wie ein sehr, sehr wütender Bienenschwarm - das Sirren der Elektromotoren, die den Rennwagen in 2,2 Sekunden aus dem Stand auf 100 Stundenkilometer beschleunigen.

Wirklich eindrucksvoll werden diese Werte, wenn man sieht, über was für eine Strecke der 65-jährige Tajima den Wagen jagt. Links: brauner Berg, geradeaus: eine ziemlich schmale, kurvige Bergpiste, rechts: nichts. Dann der Moment, an dem man bitte aufpassen soll, da hätte die Elektronik beim Bremsen einen kleinen Aussetzer gehabt. Gleich noch einmal in Zeitlupe. Der Wagen zuckt nach rechts auf den Abgrund zu, zappelt etwas hin und her, ehe die Elektronik sich wieder einkriegt, das Auto stabilisiert und Pilot Tajima - Spitzname "Monster" - wieder beschleunigt. Am Ende erreicht der Japaner nicht nur das Ziel, er wird Zweiter, hinter einem anderen Elektroauto. "This was a scary project", sagt Zrncevic. Aber ein lehrreiches - auch im Hinblick auf das zweite Rimac-Modell, an dem bereits gearbeitet wird. 2017 soll es fertig sein. Vielleicht. Wenn alles gut läuft. Der Concept One sollte eigentlich ja auch schon 2014 ausgeliefert werden.

Vielleicht wäre das mit dem Timing sogar hingekommen, hätte Mate Rimac vor ein paar Jahren einfach Ja gesagt. Damals bekam er das Angebot, mit dem kompletten Laden nach Deutschland umzuziehen. Doch er wollte in Zagreb bleiben. Die richtige Entscheidung? Rimac zögert. "Ich weiß es nicht." Er sagt aber auch: "Du brauchst ja überall eine Success-Story." Estland wäre nicht Estland, wenn es Skype nicht gegeben hätte. Und Rimac Automobili könnte Kroatiens Skype werden.

Ein bisschen ist es das schon. Wen man in Zagreb auch fragt, der Name Mate Rimac sagt jedem etwas. Ihm werden inzwischen regelmäßig Unternehmerpreise verliehen, und der europäische Ableger des US-Onlinemagazins "Politico" kürte Mate Rimac Ende 2015 zum wichtigsten Kroaten. Es scheint also, dass er genau am richtigen Ort ist. Oder, wie Mate Rimac es selbst sagt: "Enzo Ferrari war in Modena, Ferdinand Porsche war in Stuttgart. Ich bin halt in Zagreb."

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