Limousine, Kombi und Allrad-Coupé in einem ist der neue BMW 5er Gran Turismo. Er soll eine eigene Nische begründen und verwöhnte Lifestyle-Kunden von der Konkurrenz abwerben. Der stern hat den Modellstrategen in die Karten geschaut. Von Peter Weyer

Ein leicht getarnter Prototyp des neuen BMW in voller Fahrt
Pompöse Auftritte liegen ihm nicht. Er spricht leise und beherrscht, selbst in hitzigen Diskussionen. Dennoch kann Klaus Dräger mit Leidenschaft sein Ding durchziehen. Wie derzeit das Projekt mit dem internen Kürzel 07, das der BMW-Vorstand für Forschung, Entwicklung und Einkauf mit Herzblut vorantreibt.
Hinter 07 steckt das neue Gran-Turismo-Modell der weißblauen Automarke. Verkaufsstart im Spätsommer. Als Appetitanreger zeigen die Münchner den Neuling bereits auf dem Genfer Automobil-Salon als "Concept"-Studie. Die ist noch ein optisch leicht verändertes Schaustück, aber das Serienmodell ist längst fertig und ähnelt der Studie fast wie ein Zwilling.
Die technischen Gene stammen aus dem neuen 5er-Modell. Ebenfalls fertig, ebenfalls noch geheim. Trotz der gemeinsamen Basis ist der 5er Gran Turismo jedoch ein völlig neuartiges Modell, weltweit ohne Vorläufer. Der neue Wagen, behauptet der promovierte Ingenieur Dräger, bringe erstmals drei Karosseriekonzepte unter einen Hut: luxuriös wie eine Limousine, variabel wie ein Kombi und abenteuertauglich wie ein echter Geländewagen. Optisch soll der Alleskönner obendrein als elegantes Coupé daherkommen.
Derlei fast schon wundersame Qualitäten gießen die Verlautbarungs-Poeten des Hauses in Sätze wie diese: "Das neue Fahrzeugkonzept richtet sich an eine anspruchsvolle Zielgruppe, die den Wunsch nach stilvoller Eleganz, luxuriösem Wohlbefinden und beeindruckender Variabilität auf individuelle Weise mit den Anforderungen ihres aktiven Lebensstils in Einklang bringen will."
Hinter den säuselnden PR-Sentenzen steckt allerdings eine kühle, mit wissenschaftlicher Methodik erarbeitete Modellstrategie: neue Nische finden, neue Nische begrifflich festlegen und sofort versuchen, sie zu besetzen. Produktmanager Thomas Giuliani sagt: "Es gibt eine klare Marktentwicklung und eindeutige Kundenwünsche in Richtung solcher Modellinnovationen. Das ist Fakt."
Aufwendige Studien sowie etliche Geschmacks- und Akzeptanztests, sogenannte Produkt-Kliniken, ließen daran keinen Zweifel. Und dann fügt Giuliani hinzu: "In diesem Segment wollen und müssen wir das erforderliche Wachstum sichern." Denn mit dem 5er Gran Turismo soll insbesondere um neue Zielgruppen gebuhlt werden, die bislang nicht BMW-Fans sind. Angepeilt wird, sagt Jan-Christiaan Koenders, Leiter der Markenführung und -steuerung, das "liberale Milieu".
Das sind Leute, so ermittelten die bayerischen Zukunftsdeuter, deutlich jenseits der Armutsschwelle und mit designorientiertem Standesbewusstsein, die mindestens 55.000 Euro für das Einstiegsmodell berappen können. Leute, die laut BMW-Peilung statt des biederen "Handelsblatts" lieber das durchgestylte Wirtschaftsmagazin "brand eins" lesen. In diesem "Milieu", ist sich Giuliani sicher, gibt es ein klares "Wanderungsbedürfnis".
Im Klartext: Gefühlt liberale Feingeister und Durchblicker wollen auch automobil mal was modisch Neues. Wichtig dabei, weiß Stratege Koenders, ist aber unbedingt Understatement. Bloß kein Protz mehr wie bei den SUVs, den inzwischen schief angesehenen üppigen Geländewagen der fetten Jahre. Trotzdem will der anspruchsvolle Kunde, wie die BMW-Trendspürnasen zu wissen meinen, in der oberen Mittelklasse nicht wirklich verzichten. Es soll nur keiner auf Anhieb merken.
Technisch bedeutete die Vermischung der unterschiedlichen Karosserietypen eine harte Herausforderung. Im BMW-Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) an der Münchner Knorrstraße war ein 30-köpfiges Team ein Jahr lang nur damit beschäftigt zu prüfen, ob der Gran Turismo überhaupt realisierbar ist.
Die Heckklappe, die unbedingt mehr Komfort und Nutzwert zugleich bieten sollte, war vergleichsweise schnell erledigt. Es gibt zwei in einer. Eine Klappe unterhalb der Heckscheibe öffnet zunächst nur einen kleinen Gepäckraum, der aber wie in einer Limousine gegen den Innenraum abgeschottet ist. Die Trennung verschwindet jedoch, sobald die komplette Hecktür mitsamt der kleineren Klappe hochschwenkt.
Weitaus kniffliger war die Architektur der zweiten Passagier-Reihe. Ein echter Knackpunkt. Dort liefen unterschiedliche Konstruktionsanforderungen auf Kollisionskurs: erhöhte Sitzposition, Fußraum so groß wie in der 7er-Limousine, Kopffreiheit wie im hohen Geländemonster X5 und hoch genug, um ein Fahrrad aufrecht, wenn auch ohne Vorderrad, mitnehmen zu können - alles unter einem flachen und hinten stark abfallenden Dach im Coupé-Format.
Öfter als für Entwicklungschefs üblich kreuzte Klaus Dräger als Motivator bei seiner Entwicklertruppe auf. Sein häufiges "Leute, da müssen wir durch" haben die Ingenieure noch heute in den Ohren. Den Durchbruch schafften die Entwickler mit Türen ohne Fensterrahmen. Ingenieurmäßig weder neu noch sexy. "Dennoch", so Klaus Dräger, "sie bringen die entscheidenden Zentimeter für einen niedrigen Dachverlauf." Allerdings haben sie einen dummen Nachteil: "Sie sind die teuerste aller denkbaren Lösungen." Und die einzige. Ohne sie wäre der BMW 5er Gran Turismo fast gescheitert.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 09/2009