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Der kleine Hai

Adlerblick und Doppelniere im Rückspiegel - der Schrecken aller Bummelanten auf der Autobahn. Ab September gibt es in der Kompaktklasse einen bayerischen Verfolger.

Der Einser tritt an und will den Etablierten mit Heckantrieb, einer einzigartigen Fahrdynamik und einer Preisgestaltung auf Premium-Art das Fürchten lehren. Von vorn tritt der Kleine als echter BMW auf. Die bewährten Bayern-Signale "Adlerblick und Doppelniere" garantieren den markentypischen Wiedererkennungseffekt. Die Haube wölbt sich weit zurück, der Fahrgastraum ist einen Tick zu kurz geraten angesichts der Hauben-Dimension. Doch der längs eingebaute Motor sitzt hinter der vorderen Achse und benötigt mehr Länge. Das kleine Ungleichgewicht der Proportionen signalisiert die erwünschte Sportlichkeit. Kurze Überhänge vorne und hinten schärfen den knackigen Auftritt. Ein prägnante Mittellinie über die ganze Fahrzeuglänge gibt weiteren Schwung. Ausgestellte Radkästen und eine anschwellende Verbreiterung unten an den Seiten sorgen für Muskelpakete und Taillierung im Erscheinungsbild. Der Wagen wirkt kräftig, dabei gefällig, ohne verstörende Experimente, das Ganze abgeschmeckt mit einer Portion pubertärer Sportlichkeit.

Macht Sie der kleine Bayer an?

Knackarsch

Von der Seite betrachtet, schließen die hinteren Kotflügel muskulös die Seitenlinien ab. Die fünfte Tür zahlt den Preis, sie sitzt tatsächlich wie eine echte "Klappe" eingequetscht zwischen Rücklichtern und Hinterbacken. Darunter endet die Heckpartie relativ weit oben, mit dem Nebeneffekt, dass man dem Einser auch ohne Froschperspektive weit unters Blech-Kleidchen schauen kann.

Piloten-Sessel

Bitte Platz nehmen und aufs Knöpfchen gedrückt, der Drehschüssel ist passé. Der Fahrer wird vom Einser sportlich und bequem beherbergt. Die Mittelkonsole neigt sich leicht zu ihm hin. Die Instrumente sind perfekt abzulesen. Materialen und Verarbeitung entsprechen dem Premium-Anspruch der Marke. Fahrer und Beifahrersitz in der optionalen Sportausführung sind top. Sie bieten Halt in den Kurven und unendliche individuelle Einstellungsoptionen. Einzig in der Kompaktklasse ist die Verstellbarkeit der Seitenwülste. So lässt sich das Gestühl stufenlos von XXL-Schwergewichten auf Model-Maße anpassen.

Mission erfüllt

Ein Raumwunder will er nicht sein. Diese Zielvorgabe ist gelungen umgesetzt, der Einser ist es auch nicht. Zumindest in der zweiten Reihe gibt es keinen Zentimeter zuviel. Fußraum, Kopffreiheit, alles zwickt wie im alten Konfirmationsanzug. Ein Nachteil ist das nicht, der Wagen wurde für zwei Personen gebaut, weitere Passagiere sind Gäste mit begrenztem Aufenthaltsrecht. Die hinteren Türen wurden tief in den hinteren Holm hinein geschwungen, das sieht gut aus, besonderes weit lassen sie sich aber dennoch nicht öffnen. Der Kofferraum bietet 330–1150 Liter Volumen, bei zwei Passagieren ist das mehr als ausreichend.

Lass die Kurve nur kommen

Bei der Fahrdynamik schlägt der Einser richtig zu. Die optimale Gewichtsverteilung durch den Heckantrieb führt zur Kurvenerlebnissen der superben Art. Ein Radstand von 2,66 Meter bei einer Länge von 4,22 Metern und die präzise Lenkung produzieren den Extra-Schuss Kurven-Endorphin. Lenkverhalten und Spurtreue suchen ihresgleichen und werden es in der Kompaktklasse zurzeit nicht finden Das Fahrwerk ist sportlich straff abgestimmt, ohne die Passagiere zu foltern.

Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas

So ein Fahrwerk will in Stimmung versetzt werden. Doch die Benziner haben ihre Schwierigkeiten, die Spaß-Versprechen des Unterbaus einzulösen. Selbst mit dem Top-Modell 120i will die pure Freude am Fahren nicht aufkommen. Da können sich die schönsten Landstraßen in Bayern noch so sehr krümmen. Trotz einer Leistung von 150 PS wirkt der 1200 kg schwere Wagen untermotorisiert. Richtig zur Sache geht es erst ab 5000 Umdrehungen. Ein Leistungsbereich, in dem sich dauerhaft nur Krawall-Fahrer so richtig zu Hause fühlen. Dort jault der Motor und genehmigt sich einen tiefen Schluck. Bei Durchstarten aus niedrigeren Umdrehungs-Dimensionen geschieht ohnehin nicht das, was man vom Einser erwarten will. Für ein gesittetes Familienfahrzeug wäre das alles sehr ordentlich, doch Sehnsüchte nach "unbändiger Kraft" oder gar "Leistungsexplosionen" lassen sich mit dem Triebwerk nicht befriedigen. Wie der Lateiner (s.o.) schon sagt: " Der Wille ist zu loben, wenn auch die Kräfte nicht ausreichten." Benziner-Freunde mit Fahrambitionen sollten die zu erwartenden Aufrüstungsrunden unter der Einser-Haube abwarten.

Diesel rules

Zum Glück steht der 120 d Diesel mit 163 PS ganz anders seinen Mann. Der Wumms von 340 Newtonmeter Drehmoment sorgt für das gewünschte Prickeln und Beben. Der Motor schlägt zu wie ein bayerischer Stier, grollendes Beben beim Beschleunigen garniert mit einem kernigen, sonoren Sound. So stimmt die Kombination mit dem Fahrwerk.

Premium-Preise

Zum Verkaufsstart im September stehen zwei Benziner und zwei Diesel bereit. Mit 115 PS ist der 116i Benziner ausgestattet, der gefahrene 120 i verfügt über 150 PS. Sie werden begleitet von zwei Dieseln (118d mit 122 PS und der gefahrene 120d mit 163 PS). Der Einser startet auf der Preisliste mit bekömmlichen 19.800 Euro, knapp unter der magischen 20.000er Marke. Bei der Wahl einer spaßverträglichen Motorisierung und angesichts der BMW-typischen Aufpreispolitik für sinnvolle Extras, sollten sich Kaufinteressenten allerdings auf eine Preisregion jenseits von 25.000 Euro einstellen.

Die Qual der Wahl

Golf, Astra und Co werden sicher nicht die Hauptkonkurrenten des bayerischen Newcomers. Wildern wird der Einser im Revier des Audi A3 und des Alfa Romeo 147. Mit seinem Fahrwerk hat er das Zeug, den Rivalen die Hölle heiß zu machen. Wenn die Motorisierung komplett ist und die erweiterten BMW-Modellpalette beim Händler steht, wird sich der neue Terrier gewiss auch in der eigene Firma bemerkbar machen und sich fest im Markanteil des klassischen 3er verbeißen.

Gernot Kramper

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