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26. Oktober 2008, 18:08 Uhr

Zweite Runde

Der erste Versuch des chinesischen Autoherstellers Brilliance, in Europa Fuß zu fassen, endete in einem Desaster. Miese Qualität und ein katastrophaler Crashtest sorgten dafür. Mit dem BS4 soll nun alles besser werden.

Der neue Brilliance BS4 soll vor allem sicherer geworden sein© Hersteller/PressInform

Eberhard Niering, Chef der CADS GmbH, die zuständig ist für die technische Betreuung der europäischen Brilliance-Importeure, übt sich in Selbstkritik: "Wir waren im Prinzip nicht in der Lage, das Auto zu liefern, das wir für Deutschland gebraucht haben." Die Markteinführung der Limousine BS6 Ende 2006 geriet denn auch zur mittleren Katastrophe: kaum Händler, kaum Service und vor allem ein Crashtest, der nichts Gutes mehr übrig ließ an dem chinesischen Neueinsteiger. Mit dem BS4, den Niering und Brilliance Deutschland-Chef Hartwig Hirtz jetzt vorstellten, soll das alles anders werden.

Die ersten 270 Autos seien in Bremerhaven angekommen, ein paar hundert weitere schon auf See. Das Händlernetz umfasse nun 124 Autohäuser, die 15 weitere Marken im Angebot hätten - "darunter sogar Mercedes-Benz". Bis zum Jahresende sollen es 150 Händler sein, 250 seien angepeilt. Das neue Auto sei vor allem sicherer geworden: "In die europäische Version des BS4 sind mehr als 60 zusätzliche Verstärkungen eingeflossen", sagt Niering.

Ein Blick in den Motorraum zeigt ein wenig was davon. Domstreben werden in der Regel beim Tuning nachträglich eingebaut, um die Torsionsfestigkeit der Karosserie zu erhöhen. Einbauten ab Werk sind selten und meist nur bei leistungsstarken Sportwagen zu finden. Jetzt auch beim Brilliance BS4. "Unsere eigenen Tests haben gezeigt, dass wir bei einem offiziellen EuroNCAP-Crashtest mindestens drei Sterne erreichen würden", fasst Niering zusammen.

Will heißen: Brilliance hat gelernt und ist nun fit für den europäischen Markt.

Blick ins Detail

Der erste Eindruck vom BS4: Niering und Hirtz könnten Recht haben. Optisch ist der von Pininfarina gezeichnete Chinese zwar sicher nicht der Brüller - aber im Heer der Kompaktklasse kann er locker mithalten. Die Linienführung wirkt modern und dynamisch. Innen sieht es nach Platz und Leder aus - zumindest bei der teureren "Deluxe" Ausführung. Die CD-Anlage ist von Clarion und hat einen USB-Anschluss, der Motor kommt von Mitsubishi. Auch innen sehen die Sitze und Instrumententräger frisch und modern aus. Manches, wie die dem Fahrer zugewandte Mittelkonsole und die breiten runden Schalter mit den eindeutigen Piktogrammen drauf würde man sich in den Modellen so manch anderer Hersteller sogar wünschen.

Die Probleme - leider - beginnen bei der Sicht auf die Details.

Fangen wir mit dem Innenraum an. Dass die Plastik-Materialien sich nun nicht mehr schlechter anfühlen als in anderen preiswerten Kompakten sei zugestanden. Und auch da gibt es schlecht abgegratete Kanten wie beim BS4 an den Türstaufächern oder der kleinen Ablage in der Mittelkonsole. Nur gibt es bei ihnen kaum noch konstruktive Schlampereien wie beim BS4 - zum Beispiel das Kabel, das aus dem Dachhimmel zum Innenspiegel führt. Ein akustisches Signal bei nicht angelegten Sicherheitsgurten gibt es nicht, es glimmt nur ein kleines rotes Warnlämpchen auf - über dem Kopf des Fahrers und damit außer Sicht. Der Intervallschalter des Scheibenwischers klackt lauter als der Blinker.

Auch mit dem erhofften üppigen Platz wird es in der Realität dann nichts - zumindest für Passagiere, die nicht den asiatischen Konfektionsgrößen entsprechen. Wer über 1,80 misst, hat vorne selbst bei tief gestellten Sitzen allenfalls noch eine Handbreit Luft zwischen Scheitel und Wagenhimmel. Hinten sorgt die abfallende Dachkante dafür, das auch dieser Sicherheitsabstand nicht mehr da ist. Die Außenspiegel sind ziemlich klein geraten und vom Fahrersitz ist die Sicht auch sonst zum Teil arg eingeschränkt. Der Rückspiegel etwa verdeckt beim Blick nach rechts rund ein knappes Viertel der Frontscheibe. Die C-Säulen und die kleinen hinteren Fenster lassen kaum Sicht nach schräg hinten. Und was ganz hinten passiert, kann man zum Teil nur erahnen: Die Höcker der Rücksitze und die kleine Heckscheibe sorgen dafür.

Gefährliche Höcker

Die Rücksitze sind denn auch in mehrfacher Hinsicht ein ganz spezieller Fall. Auf den ersten Blick sehen sie richtig sportlich und wohl geformt aus. Wer Platz nimmt erlebt das anders. Harmlos weil nur auf Dauer unbequem ist die niedrige Sitzfläche, die einen nur mit stark angewinkelten Beinen sitzen lässt. Und dass die Lederoberfläche etwas rutschig ausgefallen ist, mögen die Zeit und grobe Jeans heilen.

Gefährlich wird es hinten jedoch beim Thema Kopfstützen - die gibt es nicht. Die Höcker sind fester Bestandteil der Rücklehne und lassen sich nicht in der Höhe verstellen. Was bei kleinen Passagieren und Kindern kein Problem ist, kann für Große tödlich werden. Die rundlichen Höcker reichen dann genau bis unterhalb des Nackens - bei einem Heckaufprall schnellt der Kopf darüber unweigerlich nach hinten. Das dürfte nicht jedes Genick aushalten. Und weil das Dach so knapp darüber thront, knallt auch noch die Stirn dagegen.

Ärgerlich auch der Kofferraum. Der ist mit 430 Litern zwar durchaus ordentlich dimensioniert. Öffnen lässt er sich aber nur von innen oder mit dem Schlüssel selbst - einen Handgriff, der über die Zentralverriegelung gesteuert wird, gibt es nicht. Hinter der Heckklappe gibt es zudem nur eine enge Luke, durch die man Ladegut wie beispielsweise Getränkekästen nur verkantet und somit unnötig kraftaufwändig bugsieren kann. Immerhin gibt es unter dem Ladeboden ein vollwertiges Ersatzrad.

Auch beim Thema Leistung enttäuscht der BS4 gründlich. 100 kW/136 PS gibt Brilliance als Leistung für den 1.8-Benziner an und ein Drehmoment von 165 Nm. Laut Datenblatt soll das für 195 km/h Spitze und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 11,8 Sekunden reichen. In Stadt und Land lässt sich der BS4 denn auch ganz angenehm fahren. Er hat keine Probleme, im Verkehr mit zu schwimmen und flott von einem Ortsschild zum anderen zu kommen.

Müder Motor

Doch einmal auf der Autobahn ist es nicht mehr weit her mit den 136 PS. Die 195 km/h ließen sich mit dem Testwagen auch auf zehn Kilometern freier, gerader Strecke nicht annähernd erreichen. Ab 150 km/h geht dem Chinesen langsam die Puste aus, mehr als 180 km/h waren nicht drin. Vielleicht ganz gut so: ESP gibt er frühestens ab 20010. Der Verbrauch von 8,7 Litern Benzin auf 100 km ist auch nicht gerade bescheiden. Die Federung ist straff, nicht unangenehm und nur manchmal etwas ruppig. Die Lenkung ist gefühllos und lässt immer wieder mal Antriebskräfte spüren.

Das alles können andere deutlich besser - zumal der 1.8-Liter-Brilliance in der Deluxe-Ausstattung mit 19.990 Euro gewiss kein Schnäppchen mehr ist und ihn der simple Zukauf des Clarion-Radios schon über die 20.000-Euro-Marke schießt. Und genau besehen ist selbst der preiswerteste BS4 mit 1,6-Liter-Motor (74 kW/100 PS) und einem Preis von 15.990 Euro nicht wirklich billig. Den Skoda Octavia zum Beispiel gibt es mit einer vergleichbaren, aber deutlich sparsameren Maschine bereits für 350 Euro mehr - ebenfalls ohne ESP, aber ansonsten auch nicht wirklich schlechter ausgestattet. Ganz zu schweigen vom Thema Logan.

"Brilliance," sagt Hartwig Hirtz, "ist keine Billigmarke."

Plus und Minus

  • Geräumiger Kofferraum
  • keine lange Aufpreisliste
  • einfache Bedienbarkeit
  • übersichtliches Cockpit
  • ausgewogenes Fahrwerk
  • Kein ESP erhältlich
  • vorne und hinten wenig Sitzkomfort für größere Passagiere
  • Sicherheitsmängel bei den Rücksitzen
  • kleine Kofferraumluke
  • nach oben schwacher Motor
  • gefühllose Lenkung
  • hoher Verbrauch
Jürgen Wolff / pressinform
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
susiwolf (27.10.2008, 08:56 Uhr)
Versuche....
....Der Schnurrbartträger Dieter Zetsche schreit nach einem 'Joint-Venture'...
Infrage kommt nicht nur eben dieser chinesische Hersteller, sondern auch der indische Konzern 'Ratan Tata' NeuDehli oder Dacia/Renault in Rumänien.
In Modifikation dieses "Versuchskaninchens" internationaler Zusammenarbeit möge Daimler nun
ernsthaft erwägen, chinesische Bastel- und Kopierarbeit in ein richtiges Auto zu verwandeln.
...
Politische Unterstützung sei erwünscht -sozusagen auf interregionaler Ebene-
von Merkel's Angela. Sie hat als Physikerin auch Erfahrung in Agitation und Propaganda.
Weiterer Teilnehmer dieser Runde sei der kampferprobte Major aus Moskau, Wladimir Wladimirowitsch, der in seiner Position als Ministerpräsident chinesisch/russische Verbindungen aufleben lassen könnte, und -unter dem Haupt von Mercedes-, den noch offenen Markt in Russland befrieden könnte.
...
Denkbar wäre eine 'brilliante' Version im Gemenge von Smart, Nano und Dacia.
...
Dem Drängen der Chinesen möge ein Gipfeltreffen der mächtigsten Männer der Welt vorausgehen, um die Ausdehnung dieses 'Brilliance' in die richtigen Bahnen zu lenken.
...
Klimaschutz, überlasteter Straßenverkehr, also der Alptraum der Umweltschützer, wäre dabei nur zweitrangig.
...
'Brilliance' als 'stern'geprüfter 3-Zentner-Koloß mit über 200PS; das ist doch ein neues Tätigkeitsfeld?
...
und der Seelenstreichler Zetsche könnte mit gestutztem Schnurrbart das ängstliche Nasenflügelzittern und Augenbrauenbeben mit Gelassenheit der weihnachtlichen Zwangspause entgegensehen.
dutchinmex (26.10.2008, 23:41 Uhr)
Heutzutage
gibt es kaum noch Leute, die autofahren können, oder besser gesagt: nicht damit total überfordert sind wenn es mal kein oder kaum elektronische Fahrunterstützung gibt. Ein Auto word heutzutage verkauft wegen der für Hirnlose gedachte Nutzlosigkeiten, so wie z.B. der elektronische Pfadfinder, oder der Kofferdeckel, die unbedingt nicht von innen oder mit Schlüssel geöffnet werden soll (wie "gestern" und unzumutbar ist doch sowas!), sondern per Abstandsbedienung. Oder eine kraftstoffverschlingende Klimaanlage, denn es gibt ja drei Sonnentage im Jahr und Fenster öffnen (elektrisch, natürlich, mit Kurbel ist ja so voriges Jahrhundert) kann man jemanden doch nicht zumuten. All diese Nutzlosigkeiten machen inzwischen praktisch die Hälfte der Produktionskosten eines Autos aus.
feingold (26.10.2008, 22:41 Uhr)
Na klar...
@ mister-mister
und was wäre etwas "Vernünftiges"?
Ich hoffe doch sehr, daß Sie nicht etwa bmwaudibenz und ähnliche Spielzeugartikel meinen,sondern ein beheizbares Fahrzeug mit 80 PS, das der geschulte Fahrer locker ohne ESP um die Ecke kriegt.
Ich möchte Sie höflichst bitten, im Zusammenhang mit Autos nicht den Begriff "vernünftig" zu verwenden.
mister-mister (26.10.2008, 20:51 Uhr)
ESP ab 20010
Da haben wir ja noch jede Menge Zeit, bis das Land der Fälscher und Täuscher ein Auto entwickelt hat, das annähernd die Bezeichnung verdient.
Bis dahin gilt - den Schrott einsammeln, recyceln und als Rohstoff für was Vernünftiges hernehmen.....
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