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Abgasfreies Sparwunder

Zwölf Euro knöpft London Autofahrern ab, die in die City wollen - täglich. Nur, weil sie im falschen Wagen sitzen. Der Elektro-Smart fährt umsonst, leise und abgasfrei. Das Pilotprojekt läuft über vier Jahre. Gesparte Maut: 10 000 Euro.

Von Michael Specht

Das richtige Auto am richtigen Ort. Schön, wenn es so wäre. Der Alltag sieht anders aus. Große 400-PS-Limousinen und dicke SUV quälen sich durch Innenstädte, verstopfen die Straßen und finden keinen Parkplatz. Zudem sitzt meist nur eine Person im Wagen. Zeitgemäß ist das nicht mehr. Ein Grund, warum es seit fast zehn Jahren den Smart gibt. Für den City-Einsatz zweifellos die intelligenteste Form der Fortbewegung. Der kurze Zweisitzer ist imagemäßig in vielen Großstädten bereits zur Kult-Kiste geworden. Keine andere Marke steht so für urbane Mobilität wie Smart.

Elektroautos fahren "free of charge"

Jetzt dreht die Firma das Rad noch ein Stück weiter. Mit einem Pilotprojekt, das zunächst über vier Jahre laufen soll. Tatort: London. Hier werden 100 Fortwo-Modelle mit Elektroantrieb getestet. Bei Erfolg soll das Projekt auf andere Großstädte ausgedehnt werden. Warum gerade London? Ausschlaggebend ist zum einen die Lärm- und Abgasbelästigung in der Innenstadt (sinkende Lebensqualität), zum anderen die so genannte "congestion charge", frei übersetzt so etwas wie eine Staugebühr. Täglich acht englische Pfund müssen Autofahrer berappen, die mit ihrem Wagen in die City wollen. Doch es gibt einige Ausnahmen: Hybridfahrzeuge oder auch welche mit reinem Elektroantrieb zum Beispiel sind "free of charge".

Besonders für Flottenkunden wie Lieferdienste, die täglich dutzende ihrer Autos im Innenstadtbereich laufen haben, wären die Elektro-Smart von Vorteil. Der CO2-Ausstoß der Firma sinkt, das Image steigt und eine Reihe von steuerlichen Anreizen sowie Zuschüsse seitens der Regierung ergeben ein durchaus attraktives Paket. Allein die gesparte City-Maut summiert sich in vier Jahren auf gut 10 000 Euro.

Diese Summe wird der Smart "ed" (electric drive) auch sicher mehr kosten als ein herkömmlicher mit Benzin- oder Dieselmotor. Den genauen Preis wollte Smart nicht verraten. Nur so viel: Man dürfe den Neuwagenpreis nicht vergleichen, sondern muss die Kosten über die gesamte Nutzungsdauer sehen. Nach den vier Jahren sei man aber kostenmäßig gleichgestellt. Vermietet werden die Smart für etwa 600 Euro im Monat.

Der E-Smart hat nur noch einen Gang - den zweiten

Technisch eignet sich das Heckantriebsmodel des kleinen Zweisitzers ideal für den E-Motor. Er nennt sich Permanent-Magnetmotor und leistet 30 kW (41 PS). Wer denkt, das ist zu wenig Power, irrt. Von Null auf 50 km/h geht der E-Smart besser los als eine Brabus-Version mit mehr als doppelt so viel Leistung. Der Grund liegt in der Natur des Elektromotors. Gegenüber Verbrennungsmotoren besitzt er den überragenden Vorteil, schon ab der Drehzahl Null das höchste Drehmoment zu mobilisieren. Man kennt dieses Phänomen vom Heimwerkern. Kein Akku-Schrauber würde sonst die Kraft haben, die Schraube ins Brett zu drehen.

Munter surrt der Smart "ed" los, leise und abgasfrei. Auf dem "Schalthebel" steht nur noch ein D, N und R, denn Gänge müssen wegen des hohen Drehmomentes nicht mehr gewechselt werden. Einer reicht. Und dies ist der zweite. Alle anderen Zahnräder flogen raus. Selbst der Rückwärtsgang. Muss der Smart zurücksetzen, wird einfach der E-Motor umgepolt. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 112 km/h begrenzt, was für die chronisch verstopfte "City of London" allemal langt. Wer bedacht fährt und nicht ständig die Klimaanlage eingeschaltet hat, kommt auf eine Reichweite von 115 Kilometer. Das ist mehr als doppelt so viel, wie die durchschnittliche Tagesfahrstrecke von 95 Prozent aller Autofahrer.

Einmal voll tanken für zwei Euro

Die Batterie (136 Kilo schwer) nennt sich Sodium-Nickel-Chlorid und liegt tief verpackt in der Mitte im Sandwichboden. Die Lebensdauer ist mit zehn Jahren angesetzt. Dann nimmt sie der Hersteller zurück, recycelt das wertvolle Nickel. Weniger als vier Stunden dauert es, sie bis auf 80 Prozent ihrer Maximalleistung wieder aufzuladen. Bei 100 Prozent sind es acht Stunden. "Tankkosten": zwei Euro.

Am Beispiel London demonstriert Smart, wie künftig Mobilität in Großstädten aussehen könnte, ohne die Menschen weiterhin mit Lärm und Abgasen zu belästigen. Dass etwas in dieser Richtung getan werden muss, zeigt auch die Statistik: 2008 wird erstmalig die Hälfte der Menschheit in Städten leben.

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