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27. Juli 2008, 09:35 Uhr

Von der Knutschkugel zur Knallbüchse

Beim Namen Abarth kriegen Rennsportfans leuchtende Augen. Nach dem Grande Punto lässt Fiat jetzt auch seinen kleinen 500 vom Skorpion stechen und macht aus dem Frauenliebling ein kraftstrotzendes Männerspielzeug. Von Michael Specht

Die Farbe nennt sich Campovolo-Grau. Es ist eine Hommage an die alten Rennwagen des Carlo Abarth© Hersteller

Bislang ist die Neuauflage des Fiat 500, vor einem Jahr mit großem Brimborium inszeniert, recht fest in Frauenhand, auch wenn hin und wieder mal ein Mann hinter dem Lenkrad gesichtet wird. Wen wundert’s? Das Design, so toll gelungen es auch ist, trägt nun einmal feminine Züge - und darauf fährt eben mehr die Damenwelt ab.

Männer wollen’s härter, muskulöser, profilierter. Vor allem aber brauchen sie mehr Leistung, damit man flott von der Ampel kommt und auf der Autobahn nicht neben einem Mercedes Sprinter verhungert. Die 100-Serien-PS im Cinquecento hören sich zwar gut an, doch in der Praxis, so befanden Autotester in Fachmagazinen, fühlen die sich ziemlich müde an. Im Kleinwagen-Lifestyle-Segment bevorzugen Männer deswegen lieber Mini. Den Cooper gibt es mit 120, 175 PS und jetzt auch als Version "John Cooper Works" mit 211 PS.

Abarth ist Motorsport der 60er-Jahre

Die Lust auf den Cinquecento wecken soll nun die Marke Abarth, die Fiat im vergangenen Jahr reanimierte und zu einem wichtigen Imageträger ausbauen will. Abarth war in den 60er-Jahren gleichbedeutend mit Rennsport und röhrenden Motoren. Die aufgestellten Heckhauben der kleinen Fiat, die frech entlang der Strohballen am Pistenrand preschten, bleiben unvergesslich. Abarth war im Prinzip so eng mit Fiat verbunden wie einst Oettinger mit VW oder Alpina mit BMW. Für diverse Fiat-Modelle gab es Abarth-Tuning-Kits und sportliche Auspuffanlagen für eine Reihe anderer Marken.

Unter der Haube des neuen 500 Abarth sitzt ein potentes Turbo-Triebwerk. Mittels Benzindirektenspritzung leistet der Vierzylinder 135 PS und 180 Newtonmeter Drehmoment. Wird die Sporttaste gedrückt, sorgt eine Over-Boost-Funktion für noch mehr Durchzugskraft. Für den Sprint von null auf 100 km/h gibt Fiat 7,9 Sekunden an, was so manchen Sportwagenfahrer an der Ampel verblüffen dürfte. Auf der Autobahn reicht die Power für eine Spitze von 205 km/h. Auch damit lässt sich der Vordermann ein wenig verwirren. Wem diese Leistung noch immer nicht reicht, kann weiter aufrüsten, auf rund 160 PS. Dieser Tuning-Kit heißt "Esseesse" (steht für SS = Super Sport) und wird motorsportzünftig in einer großen Holzkiste angeliefert. So getunt, rennt der Abarth dann 211 km/h und schafft den Sprint 0-100 km/h dann in 7,4 Sekunden.

Sieben Airbags für die Sicherheit

Kurven durchzieht der kleine Fronttriebler weitgehend neutral, das nervige Zerren der Vorderräder bei zu viel Gas unterbindet ein elektronisches Sperrdifferenzial. Verwunderlich ist nur, warum Fiat seinem kleinen Kraftpaket lediglich ein betagtes Fünfganggetriebe spendiert hat. Doch auch damit lässt es sich präzise und leicht schalten. Großzügiger war Fiat bei der Sicherheitsausstattung. Als erster im Segment verfügt er über sieben Airbags. Zudem sind ESP, ABS, ASR, ein Bremsassistent und Hill Holder an Bord. Letzterer unterstützt den Fahrer beim Anfahren an Steigungen. Die Sitzposition ist zu hoch

Größeren Menschen (ab 1,80 Meter) werden im Abarth 500 die etwas zu hohe Sitzposition und das nur in der Höhe verstellbare Lenkrad missfallen. Die sportlichen Gefühle halten sich daher in Grenzen. Optisch dagegen ist das Cockpit eine kleine Augenweide. Rote Nähte auf schwarzem Leder, das Skorpion-Emblem auf dem dicken Lenkrad, ein Analogmanometer für den Ladedruck sowie Alu-Pedale zeugen von viel Liebe zum Detail und bringen einen Hauch von Rennatmosphäre in den Innenraum. Zudem zeigt ein Gear Shift Indicator (GSI) über eine LED-Leuchte an, wann der Bestpunkt zum Schalten gegeben ist. Wer sich daran hält, schafft sicher auch die von Fiat versprochenen 5,4 Liter pro 100 Kilometer.

Der Abarth-Mythos beginnt bei 18.100 Euro

Natürlich kann ein Auto wie der Abarth nicht so dezent daher kommen wie beliebiger Kleinwagen. Größere Öffnungen in der Front, die doppelten Auspuffendrohre, der Diffusor an der Heckschürze, der Dachspoiler sowie die speziellen Leichtmetallräder (auf Wunsch in 17 Zoll) identifizieren den Fiat schon von Weitem als Sport-Derivat. Extrovertiert veranlagten Kunden steht zudem eine Fülle an optischen Spielereien zur Auswahl. Dazu zählen ein großer Skorpion auf der Haube, die roten Abarth-Streifen an den Flanken, rote Außenspiegel oder auch das komplett rot-weiß karierte Dach, das bei Abarth "Chess-Sticker" heißt.

Für den Einstieg in den Mythos von Carlo Abarth verlangt Fiat 18 100 Euro, was manch jüngeren Kunden, die man mit diesem Modell ja ansprechen will, ein paar Falten auf die Stirn treiben dürfte. Und wie beim Mini ist auch beim Abarth der Wunsch nach Individualisierung besonders ausgeprägt. Daher wird es wohl nur wenige 500 Abarth geben, die zum Basis-Preis den Hof des Händlers verlassen.

Von Michael Specht
 
 
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