Grüner Moby Dick

6. Februar 2013, 16:59 Uhr

Mit dem Infiniti M35h will die Nissan-Luxustochter ein wenig ihr Spritfresser-Image aufbessern. So ganz gelingen will es aber nicht.

Ohne Frage, er ist ein Hingucker. Und wer sich am Steuer des 4,95 Meter langen und 1,85 Meter breiten Infiniti M35h wähnt, der spürt es auch. Es sind aber nicht nur die Blicke der anderen Autofahrer, sondern vor allem die der Fußgänger und Radfahrer. Denn das h im Namen des 1.830 Kilogramm-Ungetüms verleiht dem Vollhybriden die Lizenz zum Schleichen. Sobald die Nadel des Drehzahlmessers gen Null plumpst und eine kleine digitale Spielerei im Cockpit den Energiefluss so darstellt, dass nur noch die Batterie die Hinterachse antreibt, spätestens dann weiß auch die bis zu fünf Personen zählende Bordbesatzung: Jetzt ist Schleichfahrt angesagt.

Ist nur noch der 50 kW / 68 PS starke Elektromotor für den Vortrieb zuständig und das lautlose Dahingleiten eingeleitet, fallen natürlich Geräusche auf, die ansonsten vom äußerst sportlich ausgelegten Sechszylinder-Benzinmotor unter der geschwungenen Motorhaube übertönt werden. Doch außer der gut klingenden 5.1 Bose-Soundanlage ist nichts zu hören. Und auch von außen sind ihm bei trockener Fahrbahn keinerlei Laute zu entlocken. Zu dem Gefühl des lautlosen Fortbewegens gesellt sich technikbegeisterten Fahrern natürlich noch der Stolz hinzu, völlig verbrauchsfrei zu fahren. Wobei der Begriff des lokal emissionsfreien Fahrens hier besser angebracht ist. Denn beim Blick auf die stark fallende Treibstoffnadel überkommt einen, trotz eines gefühlten ständigen Schleichens, doch der Gedanke, dass der insgesamt 268 kW / 364 PS starke Japaner sich gern ein paar Liter über den Dunst gönnt.

Die Werksangabe von 6,9 Litern im Drittelmix ist lediglich bei vielen Überland-, jedoch nicht bei Autobahn- oder Stadtfahrten realistisch. Einen zweistelligen Wert wird hingegen nur ein äußerst sportlich ambitionierter Fahrer ins Display zaubern. Denn wie jedes andere Fahrzeug benötig auch der Infiniti-Vollhybrid bei Fahrten jenseits der 100er-Marke mehr Sprit als bei Überlandfahrten. Der Unterschied ist nur, dass bis zu einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde, der Benzinmotor vom Elektromotor abgelöst werden kann. Im Hybridzeitalter wird in diesem Zusammenhang vom sogenannten Segeln gesprochen. Dies gilt nicht für den Weg bis Tempo 100. Den schaffen Elektro- und Benzinmotor in Gemeinschaftsleistung zur Not in sportlichen 5,5 Sekunden. Nicht unterstützend, sondern limitierend wirkt sich die Elektronik auf die Höchstgeschwindigkeit aus. Sie endet bei 250 Kilometern pro Stunde. Aber nicht nur der obligatorische Ampelsprint oder die Höchstgeschwindigkeit liegen dem zumindest von vorn interessant wirkenden Infiniti. Auf kurvigen Landstraßen mit kurzen Vollgasanteilen zeigt er sich von seiner gar nicht so braven und schleichenden Art. Wer sich den Fingertipp gen Traktionskontrolle nicht verkneifen kann, sollte dann zumindest mit dem rechten Fuß ein wenig Zurückhaltung üben, da sich ansonsten die Fahrtrichtung schneller wechselt, als den Insassen samt Piloten lieb ist.

Neben dem 1,4 kWh fassenden und 346 Volt leistenden Lithium-Ionen-Akku, der das ohnehin schon starke 350 Newtonmeter betragende maximale Drehmoment mit zusätzlichen 270 Newtonmetern unterstützt, findet sich natürlich noch mehr E-Werk im ab 55.490 Euro teuren Infiniti. Da wäre zum Beispiel die elektrohydraulische Servolenkung, die sich besonders im Stadtverkehr durch ihre weiche und leichte Bedienbarkeit schnell Freunde macht. Oder auch die Bi-Xenon-Scheinwerfer mit adaptivem Kurvenlicht, die sich auch im Stand als Ausleuchthilfe anbieten. Vom Fahrmodus-Schalter, welcher den Fahrer zwischen Standard, Eco, Sport und Snow wählen lässt, ist nicht sehr viel zu halten, da dieser lediglich die Schaltzeitpunkte und ein wenig das Motorenverhalten beeinflusst. Hier würde sich eine zusätzliche Veränderung der Federung anbieten. Ein Schalter im Cockpit verblüfft jedoch nahezu jeden Passagier auf den ersten Blick: die Forest-Air-Taste. Wer jetzt glaubt, die Raumluft würde per Knopfdruck durch frische Kiefernwaldarmomen verfeinert, der liegt gar nicht so weit daneben. Denn neben einer automatischen Umluft, einem Brisen-Modus, Plasmacluster-Luftreiniger und Polyphenolfilter werden tatsächlich auch ätherische Öle hinzugefügt. Allerdings nicht in Duftbaum-Quantität, sondern äußerst zurückhaltend.

Absolut enttäuschend ist das Navigationssystem. Denn in einem Fahrzeug für über 50.000 Euro sollte es eigentlich zur Selbstverständlichkeit gehören, ein Gerät zu verbauen, welches mindestens an die grafische Qualität eines mobilen Navigationsgerätes für 100 Euro heranreicht. Wer sich zum Spaß einmal in den Pathfinder-Geländewagen von Nissan setzt, wird feststellen, dass ein "Fast-Nutzfahrzeug" über die gleiche Technik verfügt. Allerdings bietet der Pathfinder mehr Platz. Wesentlich mehr Platz. 350 Liter Kofferraumvolumen und keine Möglichkeit der Durchreiche stellen beim Infiniti so manchen Einkaufsplan auf eine harte Probe. Eine Lösung bietet die Anhängelast von zwar geringen, doch immerhin vorhandenen 1,5 Tonnen. An der Zuladung wird es hingegen nicht scheitern. Die liegt mit 570 Kilogramm im völlig ausreichenden grünen Bereich. Ein vollausgestatteter Lexus L 600h darf nur weitere 300 Kilogramm transportieren.

Alles in allem ist der Infiniti M35h ein äußerst durchwachsener Allrounder. Zum einen überzeugt er durch seine Fahreigenschafte, zum anderen leistet er sich Schwächen, wie die des Navigationssystems, die dem Gesamteindruck großen Schaden zufügen. Die Verarbeitung ist hingegen durchweg edel und das Platzangebot im Fond auch für Mittelstrecken akzeptabel. Hinzu kommt seine stark auffallende Optik, die im Heckbereich zwar stark an einen Jaguar XF erinnert, doch in der Front seine eigene Design-Nische gefunden hat. Für einen Preis ab 55.490 Euro für die kleine Ausstattungsvariante und 61.590 Euro für die hochwertige Premium-Version bietet der Japaner viel Technik und ein mehr als nur angenehmes Fahrgefühl.

Infiniti M35h
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