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25. Juli 2009, 11:08 Uhr

Hauptsache anders

Autos von der Stange sind out. Selbst bei Kleinwagen gibt es immer mehr Extras und Möglichkeiten zur Individualisierung. Die Hersteller freut es: So können sie magere Gewinnmargen aufbessern.

Mini, Fiat 500, Individuell, Kleinwagen, Design

Mini und Fiat 500 haben vorgemacht, wie man mit Zierstreifen, aufgepeppten Interieurs, einer riesigen Farbpalette oder reichhaltigen Felgenauswahl die Lust an der Extravaganz wecken kann© Hersteller/PressInform

ABS und ESP sowie Dreipunkgurt und Airbag sind nach Ansicht der Deutschen die größten Errungenschaften der Automobilgeschichte. Das jedenfalls hat eine Umfrage von TNS Infratest für den Fahrzeugmarkt mobile.de herausgefunden. Auf Platz 3 landeten Navigationssystem und Stauumfahrung - mit großem Abstand vor dem Hybridantrieb, dem VW Käfer oder der Parkscheibe. Die Autobauer reagieren auf den Trend, längst sind Navigationssysteme auch in der Mittelklasse gang und gäbe.

Kaum ein Hersteller ist damit so freigiebig wie Opel: Beim Insignia sind abgesehen von der Basisversion alle Modelle mit DVD-Navigationssystem ausgerüstet. Selbst bei Kleinwagen setzen sich integrierte Navis durch, die mit Preisen um 500 Euro nicht viel teurer sind als mobile Systeme. VW zum Beispiel bietet integrierte Navis für den Polo, Mazda für den Mazda3 und Renault für den Clio.

Mini, Fiat 500, Individuell, Kleinwagen, Design

Schluss mit tristen Einheitsbrei: Der Kia Soul, eine kantige Kreuzung aus Van und SUV, ist schrill, flippig und einfach anders© Hersteller/PressInform

Für Autohersteller und Händler hat der Bedarf an Extras und Assistenzsystemen gerade bei Kompakt- und Kleinwagen einen entscheidenden Vorteil: Die schmalen Gewinnmargen in diesen Klassen lassen sich deutlich aufbessern und treiben den Kaufpreis in die Höhe.

Kein Wunder also, dass die Hersteller neben Komfort-Extras auch immer mehr Möglichkeiten zur Individualisierung anbieten. Mini und Fiat 500 haben vorgemacht, wie man mit Zierstreifen, aufgepeppten Interieurs, einer riesigen Farbpalette oder reichhaltigen Felgenauswahl die Lust an der Extravaganz wecken kann. Kia setzt beim Soul aufs gleiche Pferd und lässt den Kunden zwischen zig verschiedenen Interieur-Farben, Mustern oder Rallyestreifen auswählen.

Extras und Deko bringen Umsatz

Bei den deutschen Herstellern baut vor allem Ford auf ein großes Zubehör-Programm, vom Galaxy über den Mondeo bis hinunter zum Winzling Ka. Mehr als 50 Prozent der Käufer entscheiden sich beim Ka ohnehin schon für die Titanium-Ausstattung, mit der der Wagen 11.150 Euro kostet. Dazu gibt es ab 400 Euro Individual-Pakete mit speziellen Innenraum-Dekors, Lederapplikationen, Zierstreifen oder farbigen Teppichen.

"Die Individualisierung von Produkten spielt eine immer stärkere Rolle. Die Kunden wollen auch bei kleinen Fahrzeugen etwas Besonderes haben", sagt Bernhard Mattes, Chef der Ford-Werke. Bei den Modellen Kuga, Mondeo oder S-Max sind die Individual-Pakete deutlich umfangreicher und teurer, hochwertige Lederausstattung, zahllose Zierteile und spezielle Felgen stehen parat. "Da wird es schon knackig, was den Umsatz angeht", sagt Mattes. Beim Ford Fiesta wählten früher nur 3 Prozent der Kunden die Top-Version Ghia, beim aktuellen Modell entscheiden sich schon 25 Prozent für das Top-Modell Titanium.

Bei Ford musste man für das Erfolgsmodell Individualisierung übrigens nur in die eigene Geschichte schauen: Schon beim ersten Ford Mustang von 1964 bestand ein wesentlicher Erfolgsfaktor darin, dass man das Auto mit zahllosen Optionen aufwerten konnte. "The car to be designed by you" hieß es in der Werbung. Das Zubehör-Programm gipfelte schließlich in einem speziellen "Pony"-Interieur mit galoppierenden Pferdchen auf den Polstern.

Für jeden Geschmack ein individuelles Angebot und den Mief des Massenproduktes vertreiben - der Trendforscher und Autor Jeroen van Rooijen spricht in diesem Zusammenhang vom "Self-Design" der Menschen.

Auch nackte Autos feiern Erfolge

"Es gibt beim Automobilgeschmack etwas, das man Einzelteiligkeit nennen könnte, genau wie in der Modewelt: Jedes Teil muss etwas ganz Besonderes sein", sagt van Rooijen. Dabei komme es nicht unbedingt auf den großen Show-Effekt an, sondern immer mehr auf subtile Details. "Es ist nicht wie früher, wo man sich eine Riesen-Spoiler aufs Auto gepackt hat", meint der Trendforscher.

Die Autobauer laufen aber auch Gefahr, durch immer mehr Ausstattung und Gimmicks das Wesentliche aus dem Augen zu verlieren, glaubt Paolo Tumminelli von der Köln International School of Design: "Beim Design haben die Hersteller immer diese Schickimicki-Leute im Kopf, Lifestyle-orientiert, progressiv-dynamisch. Doch es gibt Millionen Menschen, die in Dörfern leben und Bedürfnisse haben, wie man sie damals von der ersten Ente kannte – ab und zu ein paar Kartoffeln und Eier auf den Markt zu bringen. Für diese Leute baut heute keiner ein Auto", meint er.

Tumminelli selbst besitzt den ältesten Fiat Panda Deutschlands, hat ihn in seinem rostigen Naturzustand belassen und zeigt ihn als automobile Ikone puristischen Automobil-Designs zurzeit in einer Ausstellung in Köln.

Dass das Gegenteil von Individualisierung nach wie vor zum Erfolg führen kann, zeigt der Dacia Logan. Der Wagen hat abgesehen von Klimaanlage und elektrischen Fensterhebern keine nennenswerten Extras zu bieten, geschweige denn einen aufgepeppten Innenraum. Doch wegen des enorm günstigen Preises verkauft sich das Auto wie geschnitten Brot.

Sebastian Viehmann / pressinform
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
JoachimBuch (27.07.2009, 00:20 Uhr)
Ganz spannend wird es...
wenn man für diese vielfach individualisierten Autos dann mal ein Ersatzteil braucht, gerade im Interieur. Für meinen Mercedes 280TE von 1983 gibt es im Gegensatz zu vielen anderen Autos noch Interieur-Teile. Allerdings in TinLizzy-Manier: Wir haben alle Farben, vorausgesetzt es ist schwarz. Und: man kann diese Ersatzteile in Gold aufwiegen. Für die individualisierten Cinquecentos und Minis wird es nach kürzester Zeit keine Teile mehr geben. Dann darf gebastelt werden. Das wird alles sehr fein und edel aussehen... und mega-individuell. Denn diese Puzzle-Autos wird es kein zweites Mal geben. Die Leute denken echt nicht von 12 bis Mittag.
Eisenbaer (25.07.2009, 12:04 Uhr)
Sie müssen nicht über den großen Teich schauen....
...auch in Deutschland gab es diesen Trend schon einmal in den siebziger Jahren. Auch hier war Ford einer der Vorreiter, ausgelöst vermutlich durch die beiden Streifen der "Shelby"-Ford-Sportmodelle aus den USA.

Bei uns in Deutschland waren es dann die "RS-Modelle", die mit ein paar aufgeklebten Folien, dem Fehlen der damals ach so spießigen Chromteile dafür aber mit LM-Felgen sowie Sportsitzen und Sportlenkrad und Sportschaltknüppel richtige Sportatmosphäre in einen ansonsten biederen grobschlächtigen Wagen einfließen ließ.

Und alle andere machten mit. Alfa Romeo stand auf "Kleeblätter", Fiat auf Seitenstreifen, Opel und VW auf Zweifarbenlackierungen, Simca auf Zweifarbenlackierungen plus "Rallyestreifen". Überhaupt waren "Rallyestreifen" auf dem Nachrüstermarkt der Renner. Dazu "aerodynamische Außenspiegel", selbst die ollen Fuchsschwänze feierten Wiederauferstehung!

Und wer es auf die Spitze treiben wollte, der nahm ein paar Dosen Autolack und ließ seiner Phantasie freien Lauf und verschönerte seinen Wagen ganz individuell. Ein Polo Harlekin aus den 90´er Jahren war gar nichts dagegen... ;-))

Alles schon mal dagewesen. Und warum nicht? Denn egal, ob 80 PS im Golf in Grundausstattung oder mit 300 PS aus der exquisiten Tunerschmiede, im Stau auf der Autobahn sehen sich die beiden sehr ähnlich. Aber so ein leuchtender Paradiesvogel, der fällt richtig auf.

Aber wenn ich mich recht entsinne, hielt dieser Trend nur wenige Jahre. Denn die "Individualisten" wurden bald in die Ecke der "Möchtegerns" gedrängt. Möchte gern einen Porsche fahren, es hat aber nur zum Capri 1700 GT oder Manta 1600 SR gereicht.

Und dann kommt die große Zeit der Chemiefirmen, die die Antworten auf die Frage haben: wie bekomme ich den ganzen Mist möglichst frei von Rückstanden wieder von meinem Auto. Was die Konjunktur weiter anheizen wird... ;-)
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