Sprung ins Ungewisse

15. März 2010, 11:22 Uhr

Vergangenheit hat bei Jaguar keine Zukunft mehr: Die Briten bringen jetzt ihr Flaggschiff, den legendären XJ, in radikal verändertem Design an den Start. Traditionalisten sind empört. Von Michael Specht

Jaguar XJ, Jaguar XF, Coupé-Limousine, Mercedes S-Klasse

Großes Maul: Der mächtige Chromgrill (Plastik) soll an den alten XJ von 1968 erinnern©

Schon beim XF vor zwei Jahren war das Geschrei der ewig Gestrigen und konservativen Automobilisten groß. Es hagelte Kritik vor allem beim Design: Zu modern sei der XF, zu progressiv, das ist doch kein Jaguar mehr. Und was war? Nie zuvor verzeichnete die britische Edelmarke schon vor Markteinführung so viele Bestelleingänge wie bei diesem Modell. Weil Ian Callum, Chefdesigner von Jaguar, eine äußerst gut proportionierte und stilvolle Limousine gelang, die plötzlich auch von Kunden wahrgenommen wurde, die normalerweise auf deutsche Premium-Modelle wie E-Klasse, Fünfer oder A6 abfahren.

Retro ist tot

Callum versprach damals, der neue XJ würde sich sogar noch weiter von seinem Vorgänger unterscheiden als es der XF gegenüber dem barocken S-Type tut. Er sollte Recht behalten. Würde kein Raubkatzen-Emblem am Blech kleben, es wäre verdammt schwierig, den XJ als Jaguar auszumachen. Besonders das Heck mit seinem vertikalen Bumerang-Leuchten ist arg gewöhnungsbedürftig. Ebenso, dass Jaguar sich selbst bei einer 5,12 Meter langen Limousine von der klassischen Stufenheck-Silhouette verabschiedete - nicht ganz ungefährlich im Luxus-Segment. Der noch traditionell gezeichnete Vorgänger hatte das Problem, dass viele XJ-Fahrer ihr altes Modell behielten, weil sich optisch ja eh nicht viel geändert habe. "Und aufgeschlossenen Kunden war der Neue zu konservativ", sagt Peter Modelhart, Geschäftsführer Jaguar Deutschland, "also haben wir die auch nicht erreicht."

Virtuelle statt reale Instrumente

Mit der seit 1968 mittlerweile 8. Generation des XJ lässt Jaguar einen Großteil seiner Traditionen hinter sich, wohl wissend, damit auch die letzten Anhänger typischer "Britishness" zu vergrätzen. "Traditionalisten sterben irgendwann aus", formuliert es Jaguar-Boss Mike O’Driscoll salopp, "und wir wollen auch in zehn Jahren noch Autos verkaufen." Ins kommende Jahrzehnt passt da sicher auch das Cockpit. Zwar empfängt der Innenraum des neuen XJ den Fahrer noch immer mit wohl riechendem Leder und auf Wunsch mit Wurzelholz, doch gewöhnen muss er sich an eine "dunkle" Begrüßung. Dort, wo einst auf klassische Rundinstrumente mit verchromten Umrandungen geschaut wurde, thront jetzt ein riesiges, so genanntes TFT-Display, in mattem Schwarz und lediglich mit dem Marken-Emblem der springenden Raubkatze versehen. Erst mit dem Drücken des Starterknopfes kommt Leben ins Cockpit, virtuelle Anzeigen beginnen zu leuchten. Die moderne Technik soll Vorteile bieten, weil Zusatzinformationen wie Navigations- oder Warnhinweise eingeblendet werden können. Als kleinen Gimmick ließen sich die Programmiere einfallen, bei Tacho und Drehzahlmesser immer nur jene Felder zu beleuchten, in denen sich auch gerade die Zeigen befinden. Der restliche Bereich ist abgedunkelt.

Business-Class auf den Rücksitzen

Sitzkomfort und Raumgefühl geben keinen Anlass zur Kritik. Zumal der XJ serienmäßig über ein riesiges Glasdach verfügt, das selbst bei trübem Wetter reichlich Licht spendiert. Auch im Fond haben Erwachsene gute Bein- und Kopffreiheit. Geradezu fürstlich geht es in der Langversion mit 13 Zentimetern mehr Radstand zu. Hier lassen sich die Knie wie in der Business-Class der Lufthansa bequem übereinander schlagen. Lediglich bei der Bedienung dürften alle jene Männer Schwierigkeiten haben, deren Alltag nicht aus Smart-Phone und Laptop besteht. Statt konventionell einen Schalter zu drücken, muss vieles über den Touchscreen bedient werden - nicht immer mit intuitiver Logik.

Luxus light: Karosserie aus Aluminium

Entschädigt werden solche Kleinigkeiten spätestens beim Fahren. Hier verteidigt Jaguar erneut seine sportliche Philosophie, egal, ob mit dem Dreiliter-Diesel oder dem Fünfliter-Kompressor-V8. Der XJ lässt sich für seine Größe außerordentlich handlich und direkt dirigieren. Dynamik wird nicht mit unnötiger Härte erkauft. Im Gegenteil. Schlechten Untergrund filtert die Limousine souverän weg, nicht zuletzt aufgrund der serienmäßigen Luftfederung an der Hinterachse. Großen Anteil am präzisen Fahrverhalten hat aber auch die sehr steife Karosserie. Wie beim Vorgänger entschied sich Jaguar erneut für eine Vollaluminium-Bauweise (ähnlich wie beim Audi A8). 150 Kilogramm spart dies in Summe und lässt den XJ mit 1755 Kilogramm deutlich leichter werden als beispielsweise den Siebener-BMW oder die Mercedes S-Klasse.

Ohne Diesel wäre Jaguar Geschichte

80 Prozent der deutschen XJ-Kunden werden sich laut Jaguar für die Dieselvariante entscheiden. Aus gutem Grund. Der Bi-Turbo-V6 zählt nicht nur zu den effizientesten und leisesten Selbstzündern im Segment, sondern auch zu den kräftigsten. 275 PS lassen den XJ in 6,4 Sekunden auf 100 km/h sprinten und die 600 Newtonmeter Drehmoment reichen fast an die Durchzugskraft des Achtzylinder-Kompressors heran. Dieser schluckt jedoch über zwölf Liter im EU-Mix, der Diesel lediglich sieben. Hätte Jaguar dieses Triebwerk heute nicht im Angebot, die Marke wäre wohl längst Geschichte. So aber sollen jährlich bis zu 20.000 XJ die Bänder in Großbritannien verlassen, gut 30 Prozent mehr als zu den besten Zeiten des Vorgängers. Mike O’Driscoll ist zuversichtlich, dass dies gelingt. Zumal auch China und Indien als neue Märkte hinzugekommen sind. Hauptabnehmerland aber bleiben die USA und Großbritannien. In Deutschland, so schätzt Peter Modelhart, werden wohl dieses Jahr noch rund 600 Einheiten neu zugelassen, 2011 dann 800, bei Preisen zwischen 76.900 Euro (3.0 V6 Diesel) und 139.900 Euro für den XJ Supersport 5.0 V8 Supercharged in der Langversion.

Wählen kann der XJ-Kunde unter vier Ausstattungslinien: Luxury, Premium Luxury, Portfolio und Supercharged. Bereits die Basis beinhaltet Ledersitze, Sitzheizung vorne, Klimaautomatik, adaptives Fahrwerk, keyless Start, Xenon-Licht, Navigation, Einparkhilfe hinten, elektrisch einstellbare Lenksäule und eine 400-Watt-Audioanlage. Wem diese Beschallung nicht ausreicht, kann für weitere 3000 Euro die Verstärkerleistung auf das Dreifach erhöhen. Der Highend-Hersteller Bowers & Wilkins liefert 1200 Watt Surround-Sound aus 20 Lautsprechern. Allein daran lässt sich erkennen, wie progressiv Jaguar den neuen XJ positionieren möchte. Jaguar-Boss Mike O’Driscoll: "Wir sprechen eine neue Generation von Kunden an."

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
rynaldo (15.03.2010, 19:55 Uhr)
... jetzt ich noch
vorne wie ein japanischer Maserati und hinten wie ein amerikanischer Peugeot
MikeLinden (15.03.2010, 19:17 Uhr)
Interessante Mischung
Vorne sieht er aus wie ein Maserati Quattroporte, von hinten wie ein Citroen C6 - ob das überzeugt?
chatahootchee (15.03.2010, 18:19 Uhr)
JAGUAR??
Sieht aus wie ein Buick!
Countryjoe (15.03.2010, 14:31 Uhr)
Bravo!
Ausgesprochen gelungenes Design, welches hoffentlich guten Absatz findet.
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