Frischer Wind aus Indien

16. Januar 2009, 12:18 Uhr

Neue Motoren, neue Modelle, neues Design. Seit dem Jaguar nicht mehr zu Ford sondern zum indischen Tata-Konzern gehört herrscht Aufbruchstimmung. Von Krise will in Coventry niemand etwas wissen. von Michael Specht

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Jaguar, Land Rover, XKR, XF, XJ, Tata, Detroit

Der Jagaur XFR: Der Autobauer frischt das Modell bereits ein Jahr nach der Markteinführung auf©

"Hier weht wieder ein Geist der Unabhängigkeit", sagt Jaguars Chef-Designer Ian Callum. "Der Druck aus Dearborn ist raus." In den Entwicklungs- und Designbüros im englischen Coventry brennen die Lampen derzeit länger als üblich. Mit Hochdruck wird daran gearbeitet, der britischen Traditionsmarke ein neues Profil zu verpassen. Das Motto steht: "fast and efficient". "Wir wollen schnelle und schöne Automobile anbieten, die auch beim Spritverbrauch führend sind", beschreibt Managing Director Mike O’Driscoll die Zukunft von Jaguar.

Damit ist für Jaguar auf jeden Fall das Thema Geländewagen oder Crossover vom Tisch. Diese Autotypen passten nicht zur Marke. O’Driscoll: "Dafür haben wir Land Rover." Gute Chancen auf Realisierung hat dagegen ein anderes Konzept. In die Nische unterhalb des XF soll ein kompaktes Coupé fahren. Besonders die amerikanischen Händler drängen auf einen rassigen Zweisitzer, der Konkurrenten wie Porsche Cayman, Mercedes SLK, BMW Z4 oder Nissan 370 Z Kunden abjagen soll. Ian Callum ist auf Nachfrage nur ein mildes Lächeln und ein "Ich bin sehr optimistisch, dass das klappt" zu entlocken. Ansonsten schweigt der Gentleman zu Einzelheiten und Termin. Zunächst aber steht der Nachfolger des Flaggschiffes XJ auf dem Programm. In gut einem Jahr rollt die Luxus-Limousine zu den Händlern. Wer allerdings weiterhin auf die klassische Jaguar-Linie hofft, dürfte enttäuscht werden. Ratan Tata, der neue Oberchef in Indien, will kein Retro-Design. "Der Unterschied wird größer sein als jener vom S-Type zum XF", sagt Callum, "wir müssen diesen Weg gehen, um Jaguar modern zu positionieren."

Jaguar, Land Rover, XKR, XF, XJ, Tata, Detroit

Der Jaguar XJ wird mit dem selben Motor wie die neuen Modelle der XK- und XF-Baureihen angeboten werden©

Der XJ wird neue Motoren kommen, die Jaguar ab dem Frühjahr bereits in den Modellen XK und XF anbietet. Ein Dreiliter-Diesel löst den bisherigen 2,7-Liter ab. Der neue Sechszylinder zählt nicht nur zu den leisesten und sparsamsten (6,8 Liter/100 km) seiner Gattung, sondern auch zu den kräftigsten (275 PS/600 Nm). Möglich macht dies eine bislang einmalige Technik aus sowohl zwei in Reihe als auch parallel geschalteten Turboladern. Dadurch spricht das Triebwerk extrem schnell auf Gaspedalbewegungen an und entwickelt schon kurz über Leerlaufdrehzahl ungewöhnlich viel Durchzugskraft, mehr als es jedes Konkurrenztriebwerk schafft. Selbst den bislang Besten in diesem Segment, den Dreiliter-BMW-Diesel, übertrumpft der Engländer – wenn auch nur hauchdünn.

Bereits vor mehr als fünf Jahren entschieden sich die Briten für einen Selbstzünder. Den Anfang machte im Juli 2003 das Einstiegsmodell X-Type. Ein Jahr später folgte der zweite Diesel, diesmal ein 2,7 Liter großer Sechszylinder. Er wurde in Zusammenarbeit mit dem französischen PSA-Konzern und Ford entwickelt und debütierte im S-Type, dem Vorgänger der XF. Peugeot und Citroen setzen den potenten und bemerkenswert leisen Motor jeweils in ihren Flaggschiffen 607 und C6 ein. Der Dieselmotor hat Jaguar das Überleben gesichert. Kunden verlangten zunehmend nach den wirtschaftlichen Selbstzündern, entschieden sich bewusst gegen die durstigen Benziner. Im vergangenen Jahr lag bei Jaguar die Diesel-Rate in Europa bei 75 Prozent. "Hätten wir damals den Diesel-Schritt nicht gemacht, würde es uns vermutlich heute nicht mehr geben", sagt Motoren-Entwicklungschef Malcolm Sandford. Oder Jaguar wäre auf die Größe der Sportwagenhersteller Maserati oder Aston Martin geschrumpft.

Besonders stolz ist Motorenmann Sandford auf das Beschleunigungsverhalten des Diesels. "Wir haben uns intensiv auf den niedrigen Drehzahlbereich konzentriert." Hier wirken viele Dieselmotoren müde, weil der Turbolader erst Druck aufbauen muss, um seine Leistung zu einzubringen. Dem Jaguar-Diesel genügen 500 Millisekunden, um aus dem Leerlauf heraus 500 Newtonmeter bereitzustellen. Für den Fahrer bedeuten solche Daten "sheer driving pleasure", kurz Fahrspaß. Dem Amerikaner bleibt solch ein Fahrerlebnis verwehrt – zumindest in den nächsten drei Jahren. Zwar würde sich der Motor, der bereits die ab 2011 gültige Euro-5-Abgasnorm unterschreitet auch leicht auf die strengen kalifornischen Bestimmungen umrüsten lassen, doch ist Jaguar das Diesel-Abenteuer in den USA noch mit zu vielen Risiken behaftet. "Wir beobachten zunächst das Engagement von Mercedes, BMW, Volkswagen und Audi", sagt Jaguar-Entwicklungschef Mick Mohan.

Entschädigt werden die Amis (und natürlich auch die europäischen Freunde des Benziners) mit einem komplett neu entwickelten V8-Benziner. Ihn gibt es als Saugversion (385 PS) und mit Kompressor (510 PS). Der Fünfliter schickt den alten 4,2-Liter in Rente und soll Bestwerte im Durchzug liefern. "80 Prozent der Zeit fährt der Jaguar-Fahrer unter 2500 Umdrehungen in der Minute", sagt Malcolm Sandford, "nach diesem Profil haben wir den neuen Achtzylinder ausgelegt.". Zumindest auf dem Papier ist Ergebnis überzeugend. Kein Konkurrenzmotor bietet momentan mehr Durchzugskraft bei Drehzahlen unter 2000/min. Und kein Modell dieser Klasse über 500 PS ist sparsamer. Als einziger in seinem Segment schafft der XK und XF einen CO2-Ausstoß von unter 300 Gramm pro Kilometer. In Amerika werden solche Spritspar-Bemühungen sogar belohnt. Der Jaguar-Kunde muss keine Gas Guzzler Tax (Strafsteuer für zuviel Verbrauch) zahlen. Mit 12,1 Liter pro 100 Kilometer liegt der Wert unter der derzeitigen Säufer-Grenze von 19,1 mpg (miles per gallon).

 
 
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