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6. Oktober 2008, 16:39 Uhr

Rein sein, rund sein, fein sein

Mit der ziemlich schrägen Kleinwagen-Studie "Kiyora" will Mazda zeigen, wie in Zukunft junge Leute in der Stadt unterwegs sind. Zu trinken gibt es Regenwasser. Von Michael Specht

Designer van den Acker mit seinem Baby. Viele seiner Ideen werden bei einer späteren Serienfertigung des Kiyora jedoch nicht verwirklicht werden können© Hersteller

Ein Blick aus dem Fenster genügt und man weiß, was die Zahlen bedeuten, die Mazdas Europa-Chef James M. Muir den Journalisten in Paris mitteilte. Dicht an dicht schiebt sich das Blech über die Prachtmeile Champs des Elysées. Die Stadt an der Seine erstickt im Verkehr - jeden Tag. Nicht besser sieht es in Rom oder London aus. 2008 leben erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. In 25 Jahren wird sich das Verhältnis nach Mazda-Angaben, weltweit auf mehr als Zweidrittel erhöhen. In Europa ist dies heute schon der Fall.

"Wir brauchen clevere Lösungen für die urbane Mobilität", sagt Muir und zieht das Tuch von einem Konzept-Auto, das seiner Meinung nach dazu beitragen könnte, das Problem zwar nicht zu beseitigen, doch zumindest zu lindern. Doch der futuristisch designte "Kiyora" ist weder ein zweiter Smart, noch irgendein neues Dreimeter-Elektroauto, sondern ein Dreitürer mit vier Sitzplätzen. Technische Basis ist der Mazda 2.

Reine Luft und Regenwasser

Dennoch ist alles anders am Kiyora, was aus dem Japanischen übersetzt so viel wie klar und rein bedeutet. "Das ganze Auto funktioniert wie ein Filter", erklärt Mazda-Designchef Laurenz van der Acker. Zum Innenraum hin durchströmt der Stadtmief stets einen Aktivkohlefilter, so dass die Insassen sauberste Atemluft inhalieren können. Solarzellen auf dem Dach liefern Strom für elektrische Verbraucher. Mehr als Gimmick sieht van der Acker jedoch den Regensammler auf dem Dach. Trichterförmig läuft das Wasser in einen Aufbereiter und gelangt schließlich in eine herausnehmbare Plastikflasche zwischen den Vordersitzen.

Rücksitze mit Spannlaken

Ernst gemeinter ist die restliche Technik am und im Kiyora. So öffnen die durchsichtigen Polycarbonat-Türen auf Fingertipp und lassen sich dann Platz sparend nach oben schwingen. Beulen im Nachbarauto sollen damit der Vergangenheit angehören. Revolutionär dürfte das Sitzkonzept im Fond des Kiyora sein. Mazda nennt es „hidden seats“, versteckte Sitze. Und wer einen Blick in den Fond wirft, sieht zunächst tatsächlich nichts, nur ein schräg gespanntes Tuch. Abgeschaut haben sich das Designer auf der Möbelmesse in Köln. "Das sind die leichtesten Sitze der Automobilindustrie", schmunzelt van der Acker. Darunter steckt ein Rahmen, der fest mit der Karosserie verschraubt ist. Die Passagiere können sich ähnlich wie in einen Klappliegestuhl in diesen Elasto-Stoff hinein plumpsen lassen. Viel Komfort darf jedoch nicht erwartet werden. Der Kiyora ist klar als Stadtauto konzipiert. Für den Shuttle zur Schule oder zum Sportverein reichen die Spanntuchsitze allemal. Und erfüllen auch umgekehrt ihren Zweck. Soll nur Gepäck mit, muss im Kiyora nichts mehr umgebaut werden. Taschen und Koffer werden einfach von hinten gegen den Stretch-Stoff geschoben, der dann zwar ausbeult, dem Gepäck aber gleichzeitig etwas Halt gibt.

Cool: Cockpit wie erstarrtes Eis

Auch im Cockpit bedient sich Mazda einer komplett neuen Technik. Klassische Instrumente sind passé. Stattdessen kommen verschieden Touch-Screen-Symbole ähnlich wie beim Apple i-Phone zum Einsatz. In Ruhe sieht das Display aus wie Eis. Sobald aber die Zündung eingeschaltet wird, ähneln es einer flüssigen Oberfläche. Bei Berührung mit dem Finger bilden sich sogar die typischen Wasseringe ab.

Da verwundert es nur, dass der Kiyora lediglich mit einem "normalen" Verbrennungsmotor ausgestattet ist. Weder E-Motor noch Hybrid sind vorgesehen. Als Antrieb dient ein 1,3-Liter-Benzin-Direkteinspritzer, der seine Leistung (rund 100 PS) in ein Leichtbau-Sechsgang-Automatikgetriebe schickt, das auch manuell geschaltet werden kann. Der Vierzylinder verfügt zudem über eine raffinierte Start-Stopp-Automatik, die mithilft, dass der Kiyora auf einen CO2-Ausstoß von unter 90 Gramm pro Kilometer kommen soll. Dies entspräche einem Verbrauch von zirka 3,8 Liter pro 100 Kilometer. Kein Benziner schafft dies bislang.

Nur müsste dazu der Kiyora sicher auf seine breiten 18-Zoll-Räder verzichten. Denn die haben hier in Paris nur eine Funktion: Das Auto auf der Messer proper dastehen zu lassen.

Von Michael Specht
 
 
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