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26. Oktober 2005, 08:38 Uhr

Sauberes Energiebündel

Letzte Fahrtipps von Projektleiter Günter Hölzel (l.) für stern-Redakteur Peter Weyer© Harald Schmitt

Die schwäbischen Autobauer treten mächtig aufs Gas, allerdings nicht ganz freiwillig. Japanische Konkurrenten haben einen ähnlichen strammen Fahrplan für vergleichbar ehrgeizige Ziele verkündet. Jüngst erst erwischte es unter anderem die Stuttgarter böse in dem Wettkampf der Konzerne, weil auch sie den Trend zur Hybrid-Technik falsch eingeschätzt haben und deswegen abgehängt worden sind. Während deutsche und andere europäische Autobauer Grundsatzfragen klärten, stürmten Doppelherz-Autos (mit Elektro- und Verbrennungsmotor) von Toyota in den USA die Bestsellerlisten. Diese Schlappe soll sich beim Brennstoffzellenauto nicht wiederholen.

Ein wichtiger Punkt ist auch der Preis. Wahrscheinlich wird er unter 50 000 US-Dollar liegen. "Den im gesteckten Rahmen zu halten", sagt Christian Mohrdieck, Leiter Brennstoffzellen-Antriebsentwicklung, "ist mindestens ebenso schwer wie die anderen Probleme zu knacken." Außerdem: Der Zukunfts-Mercedes soll kein Verzichtauto für dogmatische Öko-Freaks werden, muss aber zugleich ähnliche Qualitäten bieten wie eine konventionelle Familienlimousine von heute. Und jede Menge Innovationen. Außen kurz wie die C-Klasse, innen geräumig wie die S-Klasse, hat der F 600 neben der Brennstoffzelle noch weitere Knaller. Allesamt keine Science-Fiction, dafür ebenso wegweisende wie handfeste Komfort- und Sicherheitszutaten.

Beispiel eins: das virtuelle Display. Alle Anzeigen der Instrumente, etwa Tacho oder Navi-Routenführung, erscheinen immer in einer Entfernung von 1,40 Meter. Dahinter steckt eine optische Täuschung, die mehrere verborgene Spiegel im Cockpit projizieren. Durch diesen Trick wirken Ziffern und Symbole klarer und größer. Wichtiger noch: Für den Fahrer entfällt die drohende Augenermüdung durch häufigen Blickwechsel vom üblichen Tacho oder Drehzahlmesser zur weiter entfernt liegenden Fahrbahn. Außerdem können Fahrer und Beifahrer auf getrennten Displays unterschiedliche Informationen abrufen.

Beispiel zwei: die Totwinkel-Erkennung. Nähert sich von hinten ein Auto oder Zweirad im toten Winkel der Außenspiegel, ertönt im Cockpit ein Warnsignal, und im Innenspiegel blinkt ein Gefahrensymbol. Hält der F 600 zum Parken an, blockiert eine Automatik kurz die Türen, um beim Öffnen eine Kollision zu vermeiden. Eventuelle Warnhinweise kommen von winzigen Videokameras in den Außenspiegeln. Beispiel drei: das Sitzkonzept. Elektromotoren passen das mehrteilige Sitzpolster, neuschwäbisch "split-back" genannt, in Höhe, Breite und Länge exakt der Körperkontur an. Clou sind die Einlagen aus einer silikonartigen Masse. Die schmiegen sich nach dem Wasserbettprinzip automatisch jeder kleinsten Verlagerung der Wirbelsäule an.

Cockpit mit zentraler Bedienung und getrennten Anzeigen für Fahrer und Beifahrer© Harald Schmitt

Beispiel vier: die Energienutzung. Der Strom aus der Brennstoffzelle versorgt nicht nur den Elektromotor, sondern auch spezielle Cupholder. Die können gekühlt oder, etwa für Babynahrung, geheizt werden. Wer das Nummernschild am Heck umklappt, legt zwei Steckdosen mit jeweils 220 Volt und 110 Volt frei. Kaffeemaschine, Elektrogrill, Fernseher können beim Picknick ebenso eingestöpselt werden wie Drucker oder Computer. Rechnerisch reicht der Strom nach Angaben von Mercedes, um mehrere Mietshäuser mit Saft zu versorgen. Zum Beiweis liefert der F 600 zur Präsentation auf der Tokyo Motor Show ab diesem Wochenende den Strom für die komplette Standbeleuchtung, den Bar- wie Küchenbereich und die Klimaanlage.

Beispiel fünf: das Bedienkonzept. Den Stuttgartern ist eine deutliche Vereinfachung der Steuerung für Navigation, Klima, Telefon und Audio gelungen. Jeder der vier Bereiche kann mit einem klei-nen Wählrad im Armaturenbrett direkt angesteuert werden. Danach genügen Fingertipps von Fahrer oder Beifahrer für die wichtigsten Funktionen, ohne sich zuvor durch alle Untermenüs quälen zu müssen.

Dennoch offenbarte der F 600 beim Test einen Schwachpunkt. Als der stern den Forschungswagen nach der Premierenfahrt wieder in den Hangar stellte, notierte Projektleiter Hölzel "Sound-Engineering" auf einem Zettel. Stimmt. Dem Mercedes der Zukunft müssen dringend künstliche Motorgeräusche eingepflanzt werden. Nicht, damit Machos ihre Show bekommen. Vielmehr als Personenschutz. Denn den lautlos nahenden F 600 können Fußgänger und Radfahrer nicht mehr hören.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 43/2005

Peter Weyer
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