Es geht. Mehr Luxus und deutlich weniger Spritdurst. Das beweist der Mercedes F 700, der auf der IAA Weltpremiere feiert. Der stern war beim Bau des Forschungsautos dabei und drehte eine exklusive Testrunde. Von Peter Weyer

Anleihe aus dem Tierreich: Die strömungsgünstige Form des Mercedes F 700 ist der eines Delfins nachempfunden© Thomas Kern
Eine dunkelgraue Stahltür am Ende der Sackgasse. Hinten rechts. Keine Klinke, keine Klingel. Weiße Tücher hängen als Sichtschutz vor dem niedrigen Glasgiebel an der Stirnseite. Kaum Verkehr. Dennoch emsiges Treiben. Männer in lässiger Sommerkleidung schlendern zum Eingang, nehmen das Handy ans Ohr. Wenn sie die Stahltür auf Armlänge erreicht haben, öffnet ihnen ein Mann wie auf Kommando von innen und schließt sie sofort wieder.
Die Szenerie ist weder Gangstertreff
noch Filmdreh. Hinter der gesicherten
Pforte des Flachbaus puzzeln rund zwei
Dutzend Fachleute aus angelieferten Einzelteilen
ein Auto zusammen. Das Forschungsfahrzeug
F 700, das geheime Zukunftsauto
von Mercedes. Montiert wird
nicht in der schwäbischen Zentrale, sondern
in einer schmucklosen Halle im bayerischen
Nachbarland. Keine 5.000 Meter
vom Konkurrenten Audi entfernt, der seine
Prototypen sonst ebenfalls in dieser
diskreten Werkstatt aufbauen lässt. Deshalb
auch die sorgfältige Abschottung.
"Nur hier", verrät der Projektleiter den
Grund für die Ortswahl, "finden wir die
Spezialisten mit der nötigen Routine."
Die fräsen und feilen, schrauben und
schleifen in altmodischer Handarbeit an einer Weltpremiere. Ein Dickschiff auf Rädern,
mit rund 5,30 Metern länger als die
S-Klasse, aber noch nicht so lang wie der
Luxusliner Maybach. Keine aufgemotzte
Attrappe nur zum Anschauen auf Messen
und Ausstellungen, sondern ein fahrfertiges
Auto.
"Diesotto" heißt das rollende Sparwunder
Daran wird überall gleichzeitig gewerkelt. Außen an der Karosserie, innen
an der Bestuhlung, vorn im Cockpit und
hinten an der Elektronik. "4 Wochen Verzug!!",
steht mit zwei Ausrufezeichen im
Plan an der Wand des Aufenthaltsraumes.
Der anfangs geplante Fertigstellungstermin
für den Wagen mit dem hauseigenen
Kürzel "REC 07" (Research Car 2007) ist
schon nicht mehr zu schaffen.
Die grosse Überraschung ist jedoch
bereits montiert - vorn unter der Haube.
Der Motor. "Damit sind gegenüber einem
normalen Sechszylinder mehr als 40 Prozent
Kraftstoffersparnis in einem großen
Auto möglich", sagt Herbert Kohler, Professor
an der Universität Stuttgart und zugleich
verantwortlich für Forschung und
Vorentwicklung Fahrzeugaufbau und Antrieb
bei Mercedes-Benz.
"Diesotto" heißt das rollende Sparwunder,
ein Kunstwort aus Diesel und Otto,
dem Erfinder des Benzinmotors. Der neue
Antrieb soll erstmals die Vorzüge der beiden
unterschiedlichen Verbrennungsverfahren
kombinieren.
Einerseits die große Durchzugskraft (Drehmoment) und den sparsamen Verbrauch des Diesels, andererseits die hohe Leistung (PS) und das relativ saubere Abgas des Benziners. Klingt bestechend einfach, erfordert aber eine Hochtechnologie, die totale Gegensätze unter die Haube bringen muss. Die Ausgangslage ist noch einfach. Beim Benziner sinken Verbrauch und Abgasschadstoffe, wenn möglichst wenig Sprit und viel Luft im Verbrennungsgemisch stecken. Fachleute nennen das Ladungsverdünnung. Das Problem: Irgendwann wird das Gemisch so mager, dass der Funken aus der Zündkerze das Gas nicht mehr entflammen kann. Die Lösung: Das fein vernebelte Spritgemisch zündet nicht mehr nur in der engen Umgebung des Zündfunkens, sondern von selbst an jedem Punkt des Brennraums, und zwar gleichzeitig. Dieser Trick heißt homogene Selbstzündung. Funktioniert hier mit Benzin. Damit es klappt, müssen Herbert Kohler und sein Team alle Hightech-Finessen gleichzeitig einbauen. Die wichtigsten Bausteine:
Ob’s stimmt, konnte der stern bei einer
Testfahrt prüfen, exklusiv am Steuer des
F 700, unterwegs auf einem gut abgeschirmten
Erprobungsgelände.
Starten. Geht wie üblich. Fahrstufe des
Siebengang-Automatikgetriebes einlegen.
Gas geben. Der Wagen zieht ab wie ein
bärenstarkes Oberklasse-Modell des Konzerns.
Außergewöhnlich jedoch: 6,3 Liter
Sprit je 100 Kilometer. Durchschnittskonsum
für die Kurzstrecke. Okay, die versprochene
Sechslitergrenze ist verfehlt.
Aber nur, weil im Kofferraum des Prototypen
etliche schwere Messgeräte gestapelt
sind. Ohne die wäre das Forschungsauto um rund 25 Prozent leichter als eine SKlasse.
Anders ausgedrückt: um stattliche
400 Kilogramm.
Eine Überraschung dann beim Nachtanken
an der Zapfsäule auf der Teststrecke:
Während Konkurrenten, die ebenfalls
nach dem Diesotto-Prinzip arbeiten, einen
synthetischen Spezialsprit aus verflüssigtem
Gas brauchen, kommt der Mercedes-
Diesotto mit Normalbenzin aus. Wie die
Schwaben das schaffen, verraten sie nicht.
Der Motorenentwickler lächelt weise, und
Forschungschef Kohler überhört die Frage
höflich.
Kopfende wird auf Knopfdruck zum Fußende
Das Geheimnis liegt aber sicherlich
auch in den besonders schnell reagierenden
Sensoren und Aktoren. Das sind winzige
mechanische Stellwerke, die umsetzen, was
die Messfühler (Sensoren) melden und die
Rechner im Steuergerät befehlen. Etwa die gedankenschnelle und superpräzise Regelung
von Ventilen und Düsen. Die sorgen
auch für einen reibungslosen, unmerklichen
Übergang von der homogenen
Selbstzündung zur üblichen Kerzenzündung,
die bei Start und Vollgasfahrt
noch erforderlich ist.
Während der Aufwand für die Spritsparmaßnahmen
äußerlich nicht zu erkennen
ist, fällt eine weitere Neuheit am
F 700 sofort auf: die leicht glubschäugigen
Scheinwerfer mit einem senkrechten Spalt
in der Mitte. Dahinter steckt ein Infrarot-
Laser. Der tastet mit Lichtstrahlen, die für
das menschliche Auge unsichtbar bleiben, ständig von oben nach unten die Fahrbahn
vor dem F 700 ab. Gut 20 Meter voraus
werden alle Unebenheiten, Schlaglöcher,
Kanten und Wellen erfasst und an einen
Minicomputer an Bord gemeldet.
Der errechnet
blitzschnell, wann genau und mit
welcher Härte die Erschütterung die Räder
treffen wird und stellt vorsorglich die Stoßdämpfer
einzeln entsprechend auf hart
oder weich. Pre-Scan heißt das System, mit
dem der F 700 sanft dahingleitet wie auf
einem fliegenden Teppich.
Die mäklerische Frage, ob dieser Fahrwerksaufwand
nicht wohl eher technisches
Schaulaufen als echter Kundennutzen
sei, kontert Forschungschef Kohler sofort:
"Das Pre-Scan-Fahrwerk steigert den
Komfort merklich und damit indirekt
die Sicherheit. Insofern kann das System
überhaupt nicht übertrieben sein." Drinnen, im rollenden
Salon, verstärkt ein ganz
besonderer Sitz den gefühlten
Schwebezustand
zusätzlich. Zumindest für
einen Mitfahrer. Denn der
kann sich nicht nur komplett
lang ausstrecken, sondern
auch gegen die Fahrtrichtung
und so unterwegs
mit dem links sitzenden
Hinterbänkler von Angesicht
zu Angesicht liegen.
Der rechte Rücksitz ist eine
Art überdimensionale Babyschale
für Erwachsene.
Aber mit zwei Liegerichtungen,
bei denen das
Kopfende auf Knopfdruck
zum Fußende werden kann
- je nachdem wofür sich der Beifahrer vor
dem Einsteigen entschieden hat.
Avatare führen freundlich durchs System Designchef Peter Pfeiffer sagt stolz: "Das Wohlbefinden der Passagiere hat den gleichen hohen Stellenwert wie ein fließendes, energiesparendes Karosseriedesign." Beides geht zusammen. Auch bei der Vereinfachung der Bedienungselektronik im Cockpit wollen die Mercedes-Ingenieure zeigen, was geht. "Push-to-talk" (etwa: zum Sprechen drücken) heißt das frisch erfundene Sprachkonzept auf Neuschwäbisch. Ein Minirechner merkt, wenn der Fahrer sich bei der Tasteneingabe im Navi-System vertippt oder in irgendeinem Untermenü verliert oder entnervt aufgibt. Dann erscheint automatisch das Porträt eines freundlichen Menschen auf dem Monitor und bietet ein Gespräch an. Der Helfer ist nicht echt, sondern eine Kunstfigur. Avatar heißt die Computeranimation in Fachkreisen. Aber seine Tipps sind echt, denn die Elektronik weiß genau, wo und warum sich der Fahrer im System verheddert hat. Der hilfreiche Elektronikratgeber lotst den Fahrer dann mit Sprachanweisungen entweder durch das restliche Bedienprogramm oder gleich zum Ziel. Wann der F 700 mit seinen technischen Neuheiten in Serie geht, steht auch schon fest. "Nie 1 : 1, wie alle unsere Forschungsfahrzeuge", sagt Herbert Kohler. Aber viele Innovationen aus diesem Fahrzeug werden sich nach und nach in unseren Serienautos wiederfinden. Beim Sparmotor hingegen wagt Kohler keine andere Prognose als "eher mittelfristig". Bedeutet übersetzt aus der verklausulierten Firmensprache: kaum innerhalb der nächsten fünf Jahre.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 38/2007