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Kuschel-Kugel

Mercedes-Chef Jürgen Hubbert offenbarte bei der Präsentation des neuen Smart Forfour seine Vorliebe für umklappbare Rückenlehnen. Die habe er bei Ausflügen ins Autokino vermisst.

Das Schöne an der Präsentation eines neuen Autos ist unter anderem die Tatsache, dass man ohne großes Nachbohren Einblick in das Gefühlsleben eines Top-Managers bekommen kann. Mercedes-Chef Jürgen Hubbert zum Beispiel offenbarte bei der Präsentation des neuen Smart Forfour seine Vorliebe für umklappbare Rückenlehnen. Die habe er früher bei Ausflügen ins Autokino durchaus vermisst. Natürlich nur, um die Leinwand besser sehen zu können. Schon klar, Herr Hubbert.

Ist der Smart Forfour ihr Fall?

Lounge-Concept

Da ist es umso erfreulicher, dass der gute Mann aus den Entbehrungen seiner Jugend gelernt hat und den Heranwachsenden von heute ähnliche Erfahrungen ersparen möchte. Dementsprechend begeistert war der Chef der Mercedes-Car-Group, als die Smart-Entwickler das Projekt Forfour in Angriff nahmen. Knuffiges Design, Platz für Vier und, ganz wichtig, ein Innenraum, der sich zur Kuschelecke umgestalten lässt. In Zeiten von eingehenden Autokinos und knapper werdendem Wohnraum kann das Lounge-Concept des kleinen Viersitzers aber natürlich noch viel mehr.

Kuscheln auf der Rückbank

Vom bärbeißigen Türsteher des angesagten Szene-Clubs vor die Tür gesetzt? Von der Freundin aus der Wohnung geworfen? Kein Problem. Der urbane Lebemann von heute hat ja seinen Forfour und feiert einfach im Auto weiter. Einige wenige Handgriffe - schon sind die Rückenlehnen der Vordersitze (195 Euro Aufpreis) umgelegt und die Getränke in der zum Becherhalter mutierten Armauflage untergebracht. Für Kurzweil sorgen die mitgebrachten Gäste und Musik aus der Hightech-Soundanlage (435 Euro). Feiert man zu zweit, lässt sich auf der Liegwiese auch eine ereignisreiche Nacht verbringen. Der Forfour kann, wofür man als friedensbewegter Hippie in den Sechzigern noch einen VW-Bus brauchte.

Wer zu solch konstruierten Tugenden greifen muss, um ein neues Auto attraktiv zu machen, ist sich offensichtlich nicht ganz so sicher, was die Zielgruppe haben möchte. Im Fall von Smart ist das gar nicht so abwegig. Bislang durfte die jüngste Marke des Mercedes-Konzerns mit eigenwilligen Fahrzeugen und unkonventionellen Ideen in den Nischen zwischen dem automobilen Einheitsbrei wildern. Mit Erfolg. Der vielgescholtene Ur-Smart, heute heißt er Fortwo, hat als Coupé, Cabrio oder Crossblade die Europas Großstädte erobert. Ähnliches gilt auch für den kleinen Roadster, der vor allem junge Sportwagenfahrer an den Mercedes-Konzern heranführen soll.

Wo bleibt die Einzigartigkeit?

Mit dem Roadster wurde Smart aber auch vom Auto zur Marke, und sollte sich schnell mit einem viersitzigen Fahrzeug als ernstzunehmender Autobauer etablieren. Eine tief greifende Entscheidung. Verabschiedeten sich die Böblinger doch damit von fast allen Tugenden, die den Smart bisher einzigartig gemacht hatten. Zwei Sitze, kleiner Heckmotor und winzige Abmessungen. Anders als der Fortwo kann und muss sich der Forfour mit Bestsellern wie VW Polo, Peugeot 206 oder Mini One messen lassen. Fahrzeuge, denen man mit einer ausgefallenen Optik alleine nicht das Wasser reichen kann.

Smart versucht es mit dem bereits zitierten Lounge-Concept und einem tiefen Griff ins Konzern-Regal. Der bei allen Modellen serienmäßige Schleuderverhinderer ESP, vier Scheibenbremsen und Drei-Punkt-Gurte auf allen Sitzen sollen neue Maßstäbe für einen Kleinwagen setzen. Außerdem lässt sich der Forfour mit aufwendigen Audiosystemen, Licht- und Regensensor, einem mobilen Internetzugang sowie einem Navigationssystem mit großem Farbbildschirm aufrüsten. Gegen Aufpreis, versteht sich.

Mutiges Design

Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ist allerdings das auffällige Aussehen. Die Smart-Designer haben alles getan, um den Forfour optisch nicht in die Nähe der bekannten Platzhirsche zu rücken. Wie bei allen Smarts gibt's eine massive Tridion-Sicherheitszelle, die sich von der restlichen, mit so genannten Body-Panels bespannten Karosserie abhebt. Zusätzlich legen mutig ausgestellte Radhäuser, tief nach unten gezogene Stoßfänger und der zu einem Lächeln ausgeformte Kühlergrill einen gestalterischen Abstand zum langweiligen Look von Polo & Co.

Erstaunlich viel Platz

Wir hatten im von 30.000 Smarts bevölkerten Rom die Gelegenheit, dem Forfour auf den Zahn zu fühlen. Der erste Eindruck überrascht. Trotz einer Fahrzeuglänge von nur 3,75 Metern ist im Forfour erstaunlich viel Platz. Das Armaturenbrett neigt sich von den Passagieren weg, die Türverkleidungen halten dezenten Abstand zum Oberkörper und selbst Menschen über dem bundesdeutschen Standardmaß dürften ohne Frisurveränderungen auf den Vordersitzen unterzubringen sein.

Verschiebbare Rückbank

Das gilt theoretisch auch für die Passagiere auf der um 15 Zentimeter verschiebbaren Rückbank. Weit zu den Vordersitzen geschoben, wird's eng für Beine und Komfort. Ganz nach hinten gedrückt, haben es die Beine bequem, die Frisur aber nicht. Für den perfekten Langstreckenkomfort im Fond fällt der Dachhimmel etwas zu steil nach hinten ab. So gibt's für das Raumangebot statt eines "überdurchschnittlich" nur ein "ausreichend".

Gewöhnungsbedürftig, aber gefällig

Gewöhnungsbedürftig wie bei allen Smarts ist auch die Einrichtung des Forfour. Der Großteil des Armaturenbretts ist mit mehr oder weniger buntem Stoff bezogen, sämtliche Instrumente sind in tiefen Zylindern untergebracht, die vor lästigen Sonnenstrahlen und den Blicken des Beifahrers schützen. Eine nette Idee ist die Ablage oberhalb des Handschuhfachs, auch wenn die kleine Kante maximal einem Handy oder einer Digitalkamera sicheren Halt bieten kann.

In Sachen Verarbeitungsqualität und Haptik scheiden sich die Geister. Wer mit harten Kunststoffoberflächen kein Problem hat, kann sich über ein größtenteils abwaschbares und sauber verarbeitetes Cockpit freuen. Es gibt aber mit Sicherheit angenehmere Materialien, die man in einem Auto anfassen möchte. Auf mit einem satten "Plopp" schließende Türen müssen Smart-Fahrer traditionell verzichten.

Eine angenehme Sitzposition ist schnell gefunden. Das Forfour-Gestühl ist ausreichend dimensioniert und justierbar, das Lenkrad leider nur in der Höhe variabel. Mehr muss ein Kleinwagen nicht bieten und auch ein Smart nicht leisten.

Kooperation mit Mitsubishi

Die fünf Motoren lassen sich konventionell mit einem Zündschlüssel hinter dem Lenkrad zum Leben erwecken. Die Smart eigene Positionierung des Zündschlosses hinter dem Schalthebel fiel wahrscheinlich der Zusammenarbeit mit Mitsubishi zum Opfer. Die Japaner bauen auf Basis des Forfour den unspektakuläreren Colt und wollten während der Entwicklung von derartigen Experimenten sicherlich nichts wissen.

Neue, überzeugende Motoren

Dafür floss umso mehr Aufwand in die neuen Motoren. Neben zwei Diesel-Triebwerken (68 und 95 PS), die ab Herbst erhältlich sein werden, hat der Forfour-Kunde noch die Wahl zwischen drei verschiedenen Benzinmotoren. Los geht's mit einem Dreizylinder-Motörchen, das aus 1,1 Litern Hubraum 75 PS an die Vorderräder schickt. Der erste Vierzylinder im Programm bringt es bei 1,3 Litern Hubraum auf 95 PS, die Top-Motorisierung mit 1,5 Litern Hubraum auf 109 Pferdestärken.

Für welches Triebwerk man sich entscheidet, hängt neben den finanziellen Möglichkeiten vor allem davon ab, wo man den kleinen Viersitzer zum Einsatz bringen möchte. Bei unseren ersten Ausfahrten wurde schnell klar, dass der Forfour mit dem Einstiegs-Benziner alles andere als untermotorisiert ist. Der kleine Dreizylinder hängt sehr gut am Gas und hat mit 965 Kilo Smart auch auf der Landstraße wenig Mühe. Lediglich an Steigungen und beim Überholen sollte man mehr Zeit und höhere Drehzahlen einplanen.

Flott unterwegs mit 109 PS

Gänzlich keine Gedanken muss man sich mit der 109 PS starken Top-Motorisierung machen. Der 1,5-Liter-Benziner macht aus dem Trendwägelchen einen echten Landstraßen-Schreck. In weniger als zehn Sekunden zieht der Vierzylinder den Forfour auf 100 Stundenkilometer, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 190 Sachen. Fahrspaß, der mit mindestens 15.140 Euro auch seinen Preis hat.

Technische Daten

ModellSmart Forfour 1,1Smart Forfour 1,3Smart Forfour 1,5
MotorDreizylinder-BenzinmotorVierzylinder-BenzinmotorVierzylinder-Benzinmotor
Hubraum ccm112413321499
Leistung in PS (kW) 75 (55)95 (70)109 (80)
Max. Drehmoment (Nm) 100125145
Höchstgeschwindigkeit (km/h)165180190
Beschleunigung 0-100 km/h13,410,89,8
GetriebeFünfgang-Schaltgetriebe oder Sechsgang-AutomatikFünfgang-Schaltgetriebe oder Sechsgang-AutomatikFünfgang-Schaltgetriebe oder Sechsgang-Automatik
Durchschnittsverbrauch (Herstellerangaben)5,55,65,9
Leergewicht965970975
Grundpreis 12.990 Euro 14.150 Euro

Verbrauchs-Schönrechnerei

Smart verspricht für dieses Triebwerk einen Durchschnittsverbrauch von 5,9 Litern. Ein Wert, den der Bordcomputer unseres Test-Smarts nun gar nicht zu bieten hatte. Vernünftig bewegt scheint ein Durst von knapp über sieben Litern realistisch. "Der Verbrauch ist abhängig von der Reifendimension", erklärt die Forfour-Pressemappe und schreibt den Mini-Verbrauch der Verwendung von kleinen 14-Zoll-Rädern zu. Die sind allerdings nur bei den beiden schwächeren Benzinern serienmäßig aufgezogen. Wer Benzin sparen will, müsste seinen Forfour mit 1,5-Liter-Maschine folglich auf die kleinen Räder "abrüsten".

Das dritte Triebwerk im Bunde schlägt mit mindestens 14.150 Euro zu Buche. Der 90-PS-Benziner schneidet beim Preis-Leistungs-Verhältnis nicht ganz so gut ab. Wer wenig Wert auf sportliches Vorankommen legt, greift lieber zum 1.160 Euro günstigeren Dreizylinder. Für die restliche Kundschaft gibt es für 990 Euro Aufpreis bereits die Top-Motorisierung.

Zu hart für die City?

Wie wenig der Forfour der bewährten A-Klasse in die Quere kommen wird, zeigt sich abseits nagelneuer Asphaltpisten. So sammelt der Smart durch seine extrem steife Karosserie Pluspunkte. Muss diese aber beim Thema Fahrwerksabstimmung wieder abgeben. Um den relativ hohen Wagen auch bei zügiger Gangart beherrschbar zu machen, bekam er eine mehr als straffe Fahrwerksabstimmung verpasst. Das macht zwar in flott angesteuerten Kurven mächtig Spaß, raubt einem aber im Stadtverkehr den letzten Nerv. Kurze Schläge und Fahrbahnkanten, wie sie nicht nur im römischen Kopfsteinpflaster zu finden sind, schlagen hart in den Innenraum durch. Nicht auszudenken wie sich das anfühlt, wenn auch noch das optional erhältliche Sportfahrwerk mit an Bord ist.

Fazit

Wie erwartet tut sich Smart mit dem Start als ernstzunehmender Autobauer nicht ganz leicht. Der Forfour macht vieles anders, aber nicht unbedingt besser als die längst im Markt etablierten Modell von VW, Opel, Peugeot oder Ford. Die versprochenen Premium-Qualitäten sind schön und gut, finden sich allerdings fast ausschließlich auf der langen Aufpreisliste wieder. Ausstattungsbereinigt ist der Forfour nur wenig günstiger als ein Polo und etwas teurer als ein Peugeot 206. Ob ein paar Kissen auf der Rückbank und das wirklich gelungene Design reichen, den Platzhirschen des Segments Kunden wegzuschnappen, bleibt abzuwarten.

Jochen Knecht

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