Kuschel-Kugel

9. Februar 2004, 16:07 Uhr

Mercedes-Chef Jürgen Hubbert offenbarte bei der Präsentation des neuen Smart Forfour seine Vorliebe für umklappbare Rückenlehnen. Die habe er bei Ausflügen ins Autokino vermisst.

Der neue Look im Kleinwagen-Segment©

Das Schöne an der Präsentation eines neuen Autos ist unter anderem die Tatsache, dass man ohne großes Nachbohren Einblick in das Gefühlsleben eines Top-Managers bekommen kann. Mercedes-Chef Jürgen Hubbert zum Beispiel offenbarte bei der Präsentation des neuen Smart Forfour seine Vorliebe für umklappbare Rückenlehnen. Die habe er früher bei Ausflügen ins Autokino durchaus vermisst. Natürlich nur, um die Leinwand besser sehen zu können. Schon klar, Herr Hubbert.

Lounge-Concept

Da ist es umso erfreulicher, dass der gute Mann aus den Entbehrungen seiner Jugend gelernt hat und den Heranwachsenden von heute ähnliche Erfahrungen ersparen möchte. Dementsprechend begeistert war der Chef der Mercedes-Car-Group, als die Smart-Entwickler das Projekt Forfour in Angriff nahmen. Knuffiges Design, Platz für Vier und, ganz wichtig, ein Innenraum, der sich zur Kuschelecke umgestalten lässt. In Zeiten von eingehenden Autokinos und knapper werdendem Wohnraum kann das Lounge-Concept des kleinen Viersitzers aber natürlich noch viel mehr.

Kuscheln auf der Rückbank

Vom bärbeißigen Türsteher des angesagten Szene-Clubs vor die Tür gesetzt? Von der Freundin aus der Wohnung geworfen? Kein Problem. Der urbane Lebemann von heute hat ja seinen Forfour und feiert einfach im Auto weiter. Einige wenige Handgriffe - schon sind die Rückenlehnen der Vordersitze (195 Euro Aufpreis) umgelegt und die Getränke in der zum Becherhalter mutierten Armauflage untergebracht. Für Kurzweil sorgen die mitgebrachten Gäste und Musik aus der Hightech-Soundanlage (435 Euro). Feiert man zu zweit, lässt sich auf der Liegwiese auch eine ereignisreiche Nacht verbringen. Der Forfour kann, wofür man als friedensbewegter Hippie in den Sechzigern noch einen VW-Bus brauchte.

Große Klappe: Der Forfour schluckt bis zu 330 Liter Gepäck©

Wer zu solch konstruierten Tugenden greifen muss, um ein neues Auto attraktiv zu machen, ist sich offensichtlich nicht ganz so sicher, was die Zielgruppe haben möchte. Im Fall von Smart ist das gar nicht so abwegig. Bislang durfte die jüngste Marke des Mercedes-Konzerns mit eigenwilligen Fahrzeugen und unkonventionellen Ideen in den Nischen zwischen dem automobilen Einheitsbrei wildern. Mit Erfolg. Der vielgescholtene Ur-Smart, heute heißt er Fortwo, hat als Coupé, Cabrio oder Crossblade die Europas Großstädte erobert. Ähnliches gilt auch für den kleinen Roadster, der vor allem junge Sportwagenfahrer an den Mercedes-Konzern heranführen soll.

Wo bleibt die Einzigartigkeit?

Mit dem Roadster wurde Smart aber auch vom Auto zur Marke, und sollte sich schnell mit einem viersitzigen Fahrzeug als ernstzunehmender Autobauer etablieren. Eine tief greifende Entscheidung. Verabschiedeten sich die Böblinger doch damit von fast allen Tugenden, die den Smart bisher einzigartig gemacht hatten. Zwei Sitze, kleiner Heckmotor und winzige Abmessungen. Anders als der Fortwo kann und muss sich der Forfour mit Bestsellern wie VW Polo, Peugeot 206 oder Mini One messen lassen. Fahrzeuge, denen man mit einer ausgefallenen Optik alleine nicht das Wasser reichen kann.

Smart versucht es mit dem bereits zitierten Lounge-Concept und einem tiefen Griff ins Konzern-Regal. Der bei allen Modellen serienmäßige Schleuderverhinderer ESP, vier Scheibenbremsen und Drei-Punkt-Gurte auf allen Sitzen sollen neue Maßstäbe für einen Kleinwagen setzen. Außerdem lässt sich der Forfour mit aufwendigen Audiosystemen, Licht- und Regensensor, einem mobilen Internetzugang sowie einem Navigationssystem mit großem Farbbildschirm aufrüsten. Gegen Aufpreis, versteht sich.

Mutiges Design

Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ist allerdings das auffällige Aussehen. Die Smart-Designer haben alles getan, um den Forfour optisch nicht in die Nähe der bekannten Platzhirsche zu rücken. Wie bei allen Smarts gibt's eine massive Tridion-Sicherheitszelle, die sich von der restlichen, mit so genannten Body-Panels bespannten Karosserie abhebt. Zusätzlich legen mutig ausgestellte Radhäuser, tief nach unten gezogene Stoßfänger und der zu einem Lächeln ausgeformte Kühlergrill einen gestalterischen Abstand zum langweiligen Look von Polo & Co.

Erstaunlich viel Platz

Wir hatten im von 30.000 Smarts bevölkerten Rom die Gelegenheit, dem Forfour auf den Zahn zu fühlen. Der erste Eindruck überrascht. Trotz einer Fahrzeuglänge von nur 3,75 Metern ist im Forfour erstaunlich viel Platz. Das Armaturenbrett neigt sich von den Passagieren weg, die Türverkleidungen halten dezenten Abstand zum Oberkörper und selbst Menschen über dem bundesdeutschen Standardmaß dürften ohne Frisurveränderungen auf den Vordersitzen unterzubringen sein.

Verschiebbare Rückbank

Das gilt theoretisch auch für die Passagiere auf der um 15 Zentimeter verschiebbaren Rückbank. Weit zu den Vordersitzen geschoben, wird's eng für Beine und Komfort. Ganz nach hinten gedrückt, haben es die Beine bequem, die Frisur aber nicht. Für den perfekten Langstreckenkomfort im Fond fällt der Dachhimmel etwas zu steil nach hinten ab. So gibt's für das Raumangebot statt eines "überdurchschnittlich" nur ein "ausreichend".

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