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Der gefallene Engel Mercedes SL 400

Mercedes hat sich in den vergangenen Jahren alle Mühe gegeben, ihre Sportwagenikone SL ins hauseigene Abseits zu stellen. Die jüngste Modellpflege ist dünner denn je und doch bleibt der SL das, was schon immer war: konkurrenzlos.

Mercedes SL 400 - am Heck nahezu unverändert

Mercedes SL 400 - am Heck nahezu unverändert

Wenn ein Auto im Hause Mercedes über eine grandiose Historie verfügt, dass ist das der Sportwagenroadster Mercedes SL. Sein grazil-elegantes Design haben ihn seit den 50er Jahren zu einer fahrenden Legende werden lassen. Die einzelnen Modelle transportierten die Schönen und Reichen stilsicher und bei zumeist geöffnetem Dach für jeden weithin sichtbar durch die Lande. Nach seinem Ursprungsmodell W 198 II war der SL weniger ein Sportwagen, sondern eher eine souverän motorisierte Sonnenterrasse, die an der Cote d\'Azur ebenso zum Straßenbild gehörte wie in Grünwald oder den seichten Hügelketten von Beverly Hills.

Gefallener Engel
Mercedes SL 400 - die Front hat deutlich gewonnen

Mercedes SL 400 - die Front hat deutlich gewonnen

Doch das sportlich elegante Aushängeschild der Marke Mercedes wurde in den 2000er Jahren zu einem gefallenen Engel. Der einstige Star war ohne echte weltweite Konkurrenz und mit bekannten Cruiserqualitäten hausintern auf einmal nicht mehr unantastbar. Mercedes wollte mehr Luxus, sich mit seinen Topmodellen zu höheren Sphären aufschwingen und insbesondere die S-Klasse zu eigenen Submarke machen. Neben alledem stand eine Verjüngung der Marke an; gepaart mit einer neu ausgerufenen Dynamik. Alles nichts, was dem SL, bekannt für seine ebenso betagte wie finanzstarke Kundschaft, in die Karten spielte. So wurde die erste Klappdach-Generation des R 230 nicht zu einem derart großen Wurf wie die Klassiker R 107 (1971 bis 1989) oder der seit 1989 produzierte R 129, der das Segment der Luxusroadster im Schatten der mächtigen W-140-S-Klasse neu definierte. Als mit Verspätung endlich der Nachfolger R 231 kam, war der Sprung zum R 230 dann noch kleiner. Das Design war nicht klassisch und die einst so wichtigen technischen Innovationen beschränkten sich vorrangig auf 150 Kilogramm Mindergewicht, ein neues Frontbass-System und Wischerblätter, aus denen das Wasser direkt an die Frontscheibe gebracht wurde.

Zeitglich hatte man entschieden, dass die S-Klasse als neue Submarke im Sternenhaus das lang herbeigebetete Cabriolet bekommen sollte und ein AMG GT neue Dynamik in die Marke bringen sollte - natürlich nicht nur als Coupé, sondern ab 2017 auch als Roadster. Wie gut hätten dieser Umsetzung das SL-Signet auf dem Heckdeckel getan. Als der SL zuletzt zum Ladenhüter wurde, sollte die nunmehr vorgestellte Modellpflege für neue Verkaufsimpulse sorgen. Ob die allemal sehenswerte neue Front mit den längst überfälligen LED-Scheinwerfern und dem überbewerteten Diamant-Kühlergrill reicht, darf bezweifelt werden. Fraglos hat der SL damit an Dynamik und Eleganz gewonnen. Doch insbesondere das Heck blieb blasser denn je und der Innenraum lässt bei aller Wertigkeit Wünsche der international verwöhnten Roadsterklientel offen.

Wenig innovativer, aber perfekt geschnittener Innenraum

Welcher Motorisierung man dabei den Vorzug gibt, entscheiden Geldbeutel, Einsatzmöglichkeiten und Nationalität. Perfekt ist der SL 500, der auf dem Hauptmarkt USA unverändert SL 550 heißt und mit seinem 455 PS starken Achtzylinder-Turbo eine ideale Symbiose aus Sportlichkeit und Souveränität bietet. Wer noch mehr Dampf will, ordert den in Sachen Längsdynamik beeindruckenden SL 63 AMG mit 585 PS oder verdoppelt den 500er-Preis von mindestens 122.897 Euro mit dem übermächtigen Mercedes AMG SL 65. Ausreichend ist der Mercedes SL 400, dessen aufgeladener Dreiliter-V6 mit 270 kW / 367 PS den knapp 1,8 Tonnen schweren Edel-Roadster allemal kraftvoll motorisiert. Doch trotz 500 Nm maximalem Drehmoment zwischen 2.000 und 4.200 U/min, 250 km/h Höchstgeschwindigkeit und 0 auf 100 km/h in 4,9 Sekunden bleiben einige Wünsche offen. Das gilt für den unter Last leicht angestrengten Motorklang ebenso wie den Durchzug in höheren Drehzahlbereichen. Hier bietet kann auch die verbesserte Neungang-Automatik keine Wunder vollbringen, obschon sie die Drehzahlsprünge beim Gangwechsel geringer denn je hält und einen Normverbrauch von 7,7 Litern SuperPlus realisieren soll. Doch dem SL 400 fehlt jene entspannte Souveränität, die einen Achtzylinder im SL unverzichtbar macht.

Die genießt man in dem wenig innovativen, aber perfekt geschnittenen Innenraum. Die klimatisierten Ledersitze mit Massagefunktion lassen einen in Sekundenbruchteilen mit dem Luxuszweisitzer verschmelzen. Sitzt wie ein perfekter Sneaker, mit dem man am Wochenende zu einer lässigen Party düst und dabei Poloshirt sowie Chinos trägt. Der Komfort, den der Mercedes SL im seichten Galopp bietet, ist gerade mit der optionalen Verstelldämpfung des Active Body Control einmal mehr beeindruckend. Dabei säuselt der Fahrwind, je nach Stellung von Seitenscheiben und elektrischem Windschott, kaum spürbar am Haupthaar vorbei. Erstmals kann sich der Mercedes SL dabei wie ein Motorradfahrer leicht in die Kurven neigen, indem die einzelnen Federbeine an die Kurve angepasst werden. Muss nicht sein, ist je nach dynamischen Ambitionen aber ein Komfortgewinn.

Allenfalls am Rande stören die Ergonomie der SL-Mittelkonsole, die leicht betagten Rundinstrumente und der zentrale Multifunktionsbildschirm, der den Innenraumdesignern unwichtiger zu sein schien, als die übermächtigen Lüftungsdüsen. Dabei kommt der schönste Wind doch sowieso von oben. Immerhin öffnet das vollelektrische Klappdach nunmehr bis zu einer Geschwindigkeit von 40 km/h - zumindest wenn den Vorgang im Stand initiiert hat. Denn nicht nur bei geöffnetem Dach ist der Mercedes SL das, was er schon immer war: der beste Luxusroadster der Welt - und dabei nahezu konkurrenzlos. Damit das so bleibt, sollte die nächste Generation jedoch wieder ein großer Sprung in die Zukunft sein. Details wie ein vollelektrisches Stoffdach oder ein Allradantrieb für die mächtigen Topmotorisierungen sind dabei wohl unverzichtbar.

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