Neun Monate Vorbereitung für 24 Stunden Vollgas

21. Juni 2013, 08:29 Uhr

Am Renntag blickt jeder auf das Duell der Piloten. Aber in keinem Rennen steckt mehr Vorbereitung als in dem Langstreckenklassiker. Seine Helden sind die Mechaniker und Ingenieure. Von Christian Böhner

24 Stunden von Le Mans, Joest, Audi,

Reifenwechsel im Rekordtempo.

Die "24 Heures du Mans" feiern dieses Jahr die neuzigste Auflage, Aston Martin seinen Hundertjährigen, der Porsche 911 seinen Fünfzigsten – und das Team Joest-Audi arbeitet fieberhaft mit ihrem Hybrid-Fahrzeug an der Wiederholung des Vorjahreserfolgs. Zeit, das Phänomen Langstreckenrennen einmal näher zu betrachten, bevor es am Wochenende in Le Mans erneut an die Grenzen des technisch und menschlich Machbaren geht.

Acht Stunden an einem einzigen Tag im Jahr dauert die Generalprobe für das 24 Stunden Rennen von Le Mans. Der 13,6 Kilometer lange "Circuit de la Sarthe" besteht aus über neun Kilometern öffentlichen Straßen. Diese werden nur für diesen einen Testtag und das eigentliche Rennen in eine Rennstrecke verwandelt. So lebt der Mythos Le Mans, doch die zentrale Frage ist: Wie kann man sich überhaupt auf dieses ungeheure Tag- und Nacht-Rennen vorbereiten? Und warum vertraut der Gigant Audi auf ein Team wie Joest, als Seriensieger und Perfektionist ein großer Name im Motorsport?

Unfall hinter verhängten Planen

Bei einem Le Mans Tests hat Joest alle drei Audi-Fahrzeuge gleichzeitig in die Box einbestellt. Die Mechaniker mussten parallel die (intakten!) Getriebe, die in der Mitte der komplizierten Hinterachse saßen, austauschen. Nach der Fabelzeit von nur 18 Minuten waren alle drei Wagen wieder auf der Strecke. Damit war der Audi-Test bestanden.

Ganz so künstlich herbeigeführt war die Dramatik in Le Mans beim Regenwetter des Probetages aber nicht. Zum einen crashte einer der vier Audi R18 e-tron quattro derart heftig, dass der Rest des stolzen Autos komplett unter Plane versteckt auf einem Hänger zurück kam und sofort in der Box verschwand. Das Rolltor ratterte im Nu herunter, man hüllte sich in Schweigen, die anderen Teams zuckten nur mit den Schultern.

Arbeiten wie im Ameisenstaat

Die Öffentlichkeit blieb ausgesperrt. Doch ansonsten konnte das Geschehen mit eigenen Augen verfolgt werden - über die Schultern des britischen Aston Martin Racing Teams, direkt in der Box, im Fahrerlager und von sämtlichen Tribünen aus. Fünf in den Sponsorfarben lackierte Rennwagen vom Typ "Gran Turismo Endurance" (GTE) standen bereit. Auf einem der zwei GTE-PRO-Autos der Profi-Fahrer fährt das neue Aushängeschild von Aston Martin, Bruno Senna, Neffe des unsterblichen Ayrton, mit dem bestmöglichen Material.

Betreut wurden deren Boliden von Mechanikern mit babyblauen Helmchen – organisiert wie ein perfekter Ameisenstaat. Räder dran, Räder ab, Räder raus nach hinten ins Lager, neue Räder wieder rein, gleichzeitig Autos und Scheiben sauber wischen, Hauben auf und zu, zubbeln hier und da im Motorraum und an den riesigen Bremsen – alles pfeilschnell, präzise und eigenverantwortlich, Fragen tauchten kaum auf. Die lauten Schlagschrauber knallten die großen, zentralen Radmuttern regelrecht auf die Räder, ansonsten war es ruhig innerhalb der Boxen.

Alle im Rennen zu erwartenden Abläufe müssen voll automatisiert und unter höchstem Zeitdruck funktionieren. Vernetzt sind diese Leistungssportler unter den Mechanikern mit ihren Ingenieuren und dem Teamchef über Funk, alles im Helm integriert und ständig auf volle Funktion überprüft. Im hinteren Teil der Boxen in Nasa-ähnlichen Rechenzentren hinter Glas saß dann das Gehirn der Operation: Ein Tross von rund 20 nerdigen, bebrillten, teils dünnärmigen Ingenieuren, jeder nur für einen speziellen Teilbereich an einem der Autos zuständig.

Hauptsache der Motor hält

Die größte technische Herausforderung in Le Mans ist laut des Chef-Ingenieurs Jason Hill jedoch der große Anteil an Vollgaspassagen. Die Standfestigkeit der Motoren ist hierbei entscheidend. Einer der Gründe für das große Prestige des Rennklassikers, gerade unter den Herstellern und Motorenlieferanten.

Jason Hill, der britische Technikexperte, ist in den Dreißigern, rothaarig und blaß und maximal beschäftigt an diesem Tag. Er spricht schnell und schaut aus eng stehenden blauen Augen wach und freundlich in die Welt. Hill war zufrieden an diesem Testtag. Seine Autos liefen souverän.

Am Ende wirkt es wie Routine

In der Reifenabteilung werden sich die Mechaniker in der Nacht des Rennens aufwärmen, wenn sie frösteln vor Kälte oder Müdigkeit, sagt ein ziegenbärtiger, Testosteron ausschwitzender, amerikanischer Reifeningenieur in knappen Sätzen.

Dann bricht plötzlich große Hektik in der Box aus, ein Wagen kommt nach einem Einschlag stark beschädigt zurück. Der Vorderwagen wird zur Sicherheit komplett auseinander gerupft und innerhalb von gut zwei Stunden wieder zusammen gesetzt – ein gefühltes 10.000-Teile-Puzzle Für die Mechaniker ist das nach langer Vorbereitung scheinbar Routine.

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