Beharrte Zitronen

20. August 2013, 04:24 Uhr

Einmal im Jahr werden in Kalifornien die hässlichsten Autos der Welt gekürt. Beim Concours d\'LeMons gewinnt das Auto mit der niedrigsten Punktzahl. Bestechungen werden gern angenommen.

Was den Reichen und Schönen ihr Concours d\'Elegance, ist dem gemeinen Volk sein Concours d\'LeMons. Während vom 15. bis 18. August in Monterey/Kalifornien unbezahlbare Oldtimer, millionenschwere Neuwagen und zukunftsweisende Konzeptfahrzeuge prämiert werden, treffen sich zum selben Zeitpunkt die automobilen Zitronen auf einer kleinen Wiese. Das Motto wird bereits auf den ersten Blick deutlich: Hier lacht am Ende derjenige, der ansonsten nichts zu lachen hat. Oder anderes formuliert: Hier gewinnt das Auto mit den wenigsten Schönheitspunkten. Neben einer Jury, die zum einen aus den beiden Veranstaltern Alan Galbraith und John Lamm sowie Abgeordneten einer als Sponsor fungierenden Autoversicherung besteht, zählt hier aber auch die Stimme des Volkes. Und die gehört in diesem Jahr zu 70 Prozent einem kleinen roten Ding auf drei Rädern mit dem Namen Peel Trident.

Das im Jahr 1964 auf der Isle of Man produzierte Ei verfügt über einen 50 Kubikzentimeter kleinen Zweitaktmotor mit einem Zylinder. "Knapp 100 Kilometer pro Stunde schnell ist mein kleiner Schatz. Und sicher", schwärmt sein Besitzer. Na gut, die Definition von einem sicheren Fahrgefühl ist ja jedem selbst überlassen, doch wie in der fahrenden Sauna über 300 Kilometer zurückgelegt werden sollen, bleibt ein Rätsel. "Ist immer noch billiger als zu laufen. 760 US-Dollar hat er 1964 gekostet." Wesentlich teurer war Anschaffungspreis eines weiteren Gewinners, des Rolls-Royce Silverghost II von 1977. Der aktuell für 11.900 Dollar erhältliche Engländer gewinnt nicht ganz überraschend den jährlich ausgelobten Preis für den größten Wertverlust. "Bis auf die Bremsen und noch ein paar anderen Kleinigkeiten ist der eigentlich gut in Schuss", lügt sich sein Fahrer selbst in die Tasche. Und auch Moderator und Chefjuror Alan weiß: "Wenn ihr einen Rolls-Royce für so einen Preis seht, lasst die Finger davon! Das ist ein Fass ohne Boden."

Die Wertung des abgewracktesten deutschen Fahrzeugs gewinnt nahezu konkurrenzlos ein Porsche 1600 Super in einem wahrlich unwürdigen Zustand. "Solange ich die Tür zubekomme und bis zu 150 Sachen fahren kann, reicht mir das", schwärmt sein Besitzer. Rost, Löcher und wahrscheinlich auch hier und da ein Kaugummi sorgen dafür, dass er auch den Weg zurück nach Hause damit schafft. Nicht ohne Grund klebt unter seinem Scheibenwischer ein Zettel mit der Aufschrift: "Sie haben einen Preis gewonnen. Wenn Sie es zur Siegerehrung schaffen bekommen Sie ihn."

Weitaus trauriger liest sich ein Zettel an einem 59er Triumph TR3: "Ich bin weder zum Pebble Beach, zum Quail oder den Legenden der Autobahn eingeladen worden. Und Italiener bin ich auch nicht. Wo soll ich also sonst hin?" Doch trotz dieser herzzerreißenden Nachricht geht er dieses Mal leer aus. Denn neben den Stimmen der Zuschauer oder der vernichtenden Kritik der Jury wird beim Concours d\'LeMons ganz offensichtlich und auch beabsichtigt bestochen. "Anders als die hunderte Dollar teuren Tickets für Pebble Beach und Co. ist unsere Veranstaltung für die Zuschauer völlig umsonst und wo sonst soll der Ausrichter sein Geld herbekommen? Ein Sponsor allein reicht da nicht. Wer die Jury gut besticht, hat gute Chancen am Ende die wenigsten Punkte zu haben", meint Alan Galbraith.

Es gibt aber auch in diesem Jahr wieder Teilnehmer, die ohne Bestechung keinen einzigen Schönheitspunkt verdient hätten. Die Krönung der Abscheulichkeit nennt sich selbst Pony Express und ist ein komplett behaarter Lincoln Town Car aus dem Jahr 1973 mit einem auf dem Dach installierten Stoff-Pferd samt Reiter. Von außen nicht ganz so schrecklich, dafür aber im Innenraum den Vogel abgeschossen hat der Chevrolet Van von Seth Handly. "Ich habe den Wagen seit acht Monaten und habe nichts bis auf Reifen und Federung verändert", versucht er sich herauszureden. Moderator Alan Galbraith bringt es auf den Punkt, was alle denken: "Dass Du Dich mit der Karre einer Schule mehr als 300 Meter nähern darfst, ist mir ein Rätsel. Spätestens wenn die Tür aufgeht und der rote Teppichboden und die Rückbank zum Vorschein kommen…"

Keine Angst, sondern Interesse weckt hingegen das wie ein übergroßer Bollerwagen ausschauende Gefährt von Rentner Bob Castaneda. Sein 16 Jahre alter Eigenbau Radio Fiyer war sogar schon zu Gast bei der Fernsehserie Hör mal wer da hämmert. "Die haben den Wagen da mit eingelegtem Rückwärtsgang im Studio abgestellt. Und als dann Tim Allen den Anlasser bedient hat, schoss er, ganz dem Gusto der Sendung entsprechend, wild krachend nach hinten. Das ganz Studio lag am Boden vor Lachen", schwärmt der 70-jährige Bob. Gar nicht zum Lachen zumute ist Marion Plam. Die gebürtige Deutsche erklärt mit einem Augenzwinkern: "Wenn mein Mann tatsächlich unseren Trabbi verkauft, werde ich wohl nicht mehr seinen Nachnamen tragen." Doch der Verkauf hat seinen Grund, wie ihr amerikanischer Mann mit sächsischem Akzent verrät: "Für den Trabbi gibt es in Kalifornien keine Abgasvorgaben. Als ich ihn vor zwei Jahren per Schiff für 4.000 Dollar aus Deutschland hier eingeführt habe, haben die hiesigen Beamten das übersehen. Doch jetzt muss ich wieder zur Untersuchung und da könnte es sein, dass ich keine Zulassung mehr bekomme. Für einen Oldtimer ist er leider zu jung. Und hier in Kalifornien wird er auch niemals einer werden." Niemals? Ja. Denn die Regierung in Kalifornien hat festgelegt, dass Autos, die älter als Baujahr 1975 sind, Oldtimer sind und alle anderen nicht - für immer. Wäre dieses Gesetz ein Auto, es hätte eigentlich auch einen Concours d\'LeMons-Preis verdient.

Concours d\'LeMons 2013
Concours d\'LeMons 2013
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