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Größte Versuchungen

Die Detroit Motorshow ist ein Fegefeuer der Eitelkeiten. Die Designer aus Europa, Asien und den USA zeigen, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen wird. Besonders Amerika und Fernost liefern sich einen heißen Kampf um die schönsten Studien.

Von Stefan Grundhoff

Auch wenn die Europäer in der Breite huldvoll Abstand zu den Designeskapaden der anderen Megakontinente halten, so ist der Mercedes Ocean Drive doch die größte Versuchung auf der NAIAS. Ein viertüriges Luxuscabriolet für die Reichen und Schönen dieser Welt – das gibt es auch in Detroit nicht alle Jahre zusehen. Das 5,29 Meter lange Unikat, hat eine sanft dahin fließende Karosserie von graziler Schönheit.

Zu den äußeren Merkmalen des Showcars zählen neben den vier Türen und einem üppig dimensionierten Stoffdach ein aufrecht stehender Kühler sowie Scheinwerfer und Heckleuchten in LED-Technik. Die lange seitliche Scheibenöffnung wird von keiner B-Säule und keinem Scheibenrahmen unterbrochen. Innen haben die Designer in hellem Leder, dreidimensional wirkenden Stoffen und großen Holzflächen in Vogelaugenahorn geschwelgt.

Mazda zeigt auf der North American International Auto Show die Studie des Ryuga und schließt damit nahtlos an den Nagare von der Los Angeles Autoshow an. Auch der Ryuga setzt mit seinen mächtigen Flügeltüren auf fließende Formen, elegante Sportlichkeit und soll für den asiatischen Hersteller ein Signal für die Zukunft setzen. Mit Zoom-Zoom ist es mittelfristig nicht mehr getan. Mazda ist die sportlichste der japanischen Marken - genau das soll mit Studien wie dem Nagare oder dem noch grazileren Ryuga unterstrichen werden. "Das Konzept des Ryuga setzt ähnlich wie der Nagare auf fließende Formen, ist aber deutlich realistischer als das Modell von der Los Angeles Autoshow", so Laurens van den Acker, Design-Maganer von Mazda, "daher ist er für uns besonders wichtig, um die Reaktionen des Publikums auf das Design der Zukunft zu testen."

Ahs und Ohs beim Chevy Volt

Die Ahs und Ohs waren groß als der teils durchsichtige Chevy Volt auf die Bühne gefahren wurde. Chevrolet, in den vergangenen Jahren nicht gerade durch Meilensteine der Designgeschichte aufgefallen, zeigt mit dem Volt Mut und Ideenreichtum. Vier Sitze, vier Türen, eine Coupéform und üppig dimensionierte Glaselemente machen Lust auf mehr.

Zudem ist der Name des Volt Programm - unter dem knackig-drahtigen Blechkleid arbeitet ein Elektroaggregat für den Stadtbetrieb. Der Volt kann über Nacht an jeder Steckdose aufgeladen werden. Sechs Stunden Netzstrom bedeuten eine City-Reichweite von immerhin knapp 70 Kilometern. Ist der Lithium-Ionen-Akku leer, kann man auf ein Dreizylinder-Hilfsaggregat mit einem Liter Hubraum umschalten, der einen sicher bis zur nächsten Steckdose bringt. Die Aussichten auf eine zeitnahe Serienumsetzung sind eher bescheiden.

Ford trommelt bei seinem Heimspiel lauter als die meisten anderen. Der Ford Interceptor als viertürige Coupéversion des aktuellen Mustang hat Suchtpotenzial. Leistung satt, 22-Zoll-Felgen und ein Design, das sich an den Pick Up F-250 Super Duty von der Autoshow 2006 anlehnt, machen den Interceptor unverblümt zu einem der Messestars. Ähnlich kraftvoll, ähnlich USA-tauglich zieht der Lincoln MKR die Blicke der nordamerikanischen Autofans auf sich. Ein maskiertes Stahlgesicht und V6-Turbopower freuen sich bereits auf einen Serieneinsatz. Die Chancen sollten angesichts der aktuellen Lincoln-Palette nicht schlecht stehen.

Dynamischer Viertürer mit Retroformen

Nicht weniger beeindruckt präsentiert sich Jaguars neuestes Baby. S-Type war gestern - der Nachfolger wird ab Anfang 2008 den Familiennamen XF tragen. Bevor die Serienversion auf der Frankfurter IAA im September stehen wird, können die nordamerikanischen Autofans den ungewöhnlich dynamischen Viertürer als Konzeptstudie bereits in Detroit bestaunen.

Und das Interesse der Öffentlichkeit ist mächtig. Ein auffälliger Retrokühlergrill sowie moderne Formen, die man bereits von Jaguar XK und Aston Martin kennt, sollen der britischen Edelmarke unterhalb des XJ neue Kundengruppen erschließen. "Für Jaguar ist der C-XF weit mehr als nur eine weitere Konzept-Studie", sagte Jaguar Design-Direktor Ian Callum: "Seine Bedeutung für das künftige Design und mögliche Zukunfts- Technologien ist immens. Der Jaguar C-XF ist der dynamischste und modernste Viertürer, den Jaguar jemals auf die Räder gestellt hat."

Noch sportlicher präsentiert sich der 400 PS starke Toyota FT-HS - so sauber ist auf der Autoshow kein anderer Sportwagen unterwegs. Die strahlend weiße Konzeptstudie ist auf der Detroit Auto Show die Versuchung pur und zu alledem noch ein echtes Ökomobil. Der coole Zweisitzer ist Targa, Sportwagen und Genussmittel in einem. Beim Design kämpfen fließende Formen mit kantigen Flächen, "Aero Corners" genannt. Die Aerodynamik soll helfen, den Verbrauch des Hybrid-Renners auf ein Minimum zu reduzieren. "Man kann heutzutage Autofahrer nicht mehr mit einem Wagen zufrieden stellen, der einfach nur schnell ist", so Caltys Vize-Chef Kevin Hunter. "Sie wollen zwar Fahrspaß haben, machen sich aber auch Sorgen um die Sicherheit, die Umwelt und ihre soziale Verantwortung", ist Hunter überzeugt.

Große Erwartungen an Volvo

Groß sind die Erwartungen auch an den Volvo XC60. Nachdem sich der größere XC90 in Europa und besonders den USA nach wie vor wie geschnitten Brot verkauft, legen die Schweden mit einem kleinen SUV-Bruder nach. Der kommt leider erst Mitte 2008 als Serienversion auf den Markt. Doch bereits die seriennahe Studie zeigt, dass sich der XC60 später einmal einer großen Beliebtheit erfreuen dürfte. Die Konzeptstudie kommt laut Volvo Designdirektor Steve Mattin der künftigen Serienversion des XC60 schon sehr nahe - und zeigt Designelemente zukünftiger anderer Volvo Modelle. Ein Beispiel dafür ist laut Mattin die Rückansicht. Die großen Heckleuchten betonen die markentypischen Schulterpartien der Karosserie. Und die trapezförmig konturierte Heckklappe bildet eine Weiterentwicklung des "gläsernen" Hecks aus dem neuen Volvo C30.

Außer dem prachtvollen Mercedes Ocean Drive gibt es von den deutschen Herstellern nicht viel zu sehen. BMW beschränkt sich auf die Vorstellung von Mini, BMW 3er Cabriolet und des neuen BMW X5 - keine Studie, kein Ausblick auf die nächsten Jahre. Auch bei Audi gibt es außer den beiden Q7-Versionen 3.0 TDI und V12-TDI nicht viel zu sehen. Volkswagen setzt in Detroit erstmals die mit Audi und Mercedes begonnene Bluetec-Strategie um. Die bekannte Studie des Tiguan wird mit einem neuen Clean-TDI gezeigt.

Und auch beim amerikanischen Publikum kommt der Tiguan scheinbar gut an. Klaus Bischoff, Leiter des Volkswagen Design Center Wolfsburg zum Tiguan-Start in den USA: "Ganz wichtig war uns, dass die SUV-Studie kräftig aussieht. Muskulös. Das hatte für uns eine höhere Priorität als alles andere." Eine Technikstudie ist der Jetta TDI, das erste Bluetec-Serienfahrzeug von Volkswagen, der mit seinem 140 PS starken Saubermann-Diesel 2008 auf den Markt kommen wird und die strengsten BIN-5-Normen knackt.

Honda mit optischer Versuchung

Eine optische Versuchung der besonderen Art ist auch das Advanced Sports Car Concept der edlen Honda-Tochter Acura. Wer genau hinschaut, kann in den sanft gezeichneten Zweitürer zahlreiche Designelemente des NSX-Nachfolgers erkennen, der 2008 Realität werden soll. Das Sports Concept wird von einem kraftvollen V10-Motor nach vorne getrieben, der den Hecktriebler zu grandiosen Fahrleistungen ermuntern soll. "Die Marke Acura wird immer etwas für Leute sein, die den Fahrspaß lieben", so Takeo Fukui, CEO von Honda. Wer sich am Acura-Stand umdreht, hat einen ungestörten Blick auf das Honda Accord Coupé Concept, der einen Ausblick auf die neuen Accord-Versionen der nächsten Jahre gibt. Auch der Accord wird zukünftig dynamischer, sportlicher und kraftvoller.

Deutlich abgefahrener präsentiert sich da schon der Nissan Bevel, ein Van der Zukunft. Der auf den ersten Blick etwas klobige und unförmige Kastenvan im angedeuteten Holzdesign wurde speziell für den amerikanischen Markt kreiert. Der Innenraum lässt einem für Freizeit und Arbeit alle Variationsmöglichkeiten. Rechts gibt es zwei überdimensionale, gegenläufig öffnende Türen. Links gibt es nur den Einstieg für den Fahrer. Mächtige 20-Zoll-Alufelgen und winzige Außenspiegel mit Digitalkameras sollen die Sportlichkeit unterstreichen. Ist der Innenraum einmal verschmutzt, kann er problemlos durch die Hecktür ausgespritzt werden. Die Sitze verschwinden in der Bodengruppe. Die Stromversorgung wird durch ein Solardach unterstützt.

Wer es gerne etwas abgefahrener mag und sich schon in den 60er und 70er Jahren in den legendären VW Bully verguckt hat, der wirft mehr als einen Blick auf den Ford Airstream. Ohne jeden Realitätsbezug steht der coole Transporter kraftvoll da und scheint einem gerade erst abgedrehten Science-Fiction-Streifen entsprungen. Für den Antrieb sorgt eine saubere Brennstoffzelle, die im Fahrzeugboden versteckt wurde. Trotz ansehnlicher Fahrleistungen soll der Ford-Bully pro 48 Meilen nur eine Gallone Kraftstoff verbrauchen.

Energische Auftritte der nächsten Cherokee-Generation

Mit dem Concept Car Chrysler Nassau und dem Jeep Trailhawk zeigt die Chrysler Group zwei ungewöhnliche Ausblicke auf die Zukunft. Der Jeep Trailhawk Concept zeigt ohne alle Umschweife, wie sportlich sich die nächste Cherokee-Generation auf den Straßen und Allradpisten dieser Welt bewegen könnte. Der Auftritt des Jeep Trailhawk ist energisch, die Räder in den äußersten Ecken der Karosserie werden von robusten Kotflügelverbreiterungen eingerahmt, die deutlich über die Karosserie hinausragen. Teilweise trapezförmig, aber nicht asymmetrisch - auf diese Weise interpretieren die winkligen, scharf umrissenen Radhaus-Verbreiterungen ein Kern-Element des Jeep-Designs neu.

Deutlich eleganter zeigt sich der Chrysler Nassau, der die Designidee des erfolgreichen 300C in einen britischen Shooting Brake transferiert. Er ist elegant, sportlich und ungemein amerikanisch. Dabei sieht man ihm trotz hoher Gürtellinie und mächtiger Radhäuser seine üppigen Dimensionen und einen Radstand von 3,05 Metern nicht an. Um diese kompakte Erscheinung zu erzielen, hat der Chrysler Nassau kurze Überhänge und die Karosserie packt die 21 Zoll großen Zehn-Speichen-Räder geradezu ein.

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