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Deutschland bröckelt weg - ein Armutszeugnis

Flickschusterei statt richtig sanieren: Bei den Verkehrswegen hat Deutschland vor Langem den Rückwärtsgang eingelegt. Das ist gefährlich.

Ein Kommentar von Gernot Kramper

  Flicken statt sanieren lautet das Motto bei Straßenschäden

Flicken statt sanieren lautet das Motto bei Straßenschäden

Das Deutsche Verkehrsforum hat eine Umfrage zum Zustand der Verkehrsinfrastruktur in Auftrag gegeben. Das Ergebnis der Infasbefragung kann kaum überraschen: "8 von 10 Bürgern finden, dass bei ihnen der Zustand der Verkehrsinfrastruktur über die vergangenen Jahre schlimmer geworden ist. Dabei sehen 58 Prozent der Bürger sogar eine deutliche oder sehr deutliche Verschlechterung."

Ein Befund wie nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches. Die Verkehrswege zerfallen. Und gemeint sind ausdrücklich nicht allein die Straßen, das Verkehrsforum ist nicht der ADAC. Auch bei der Qualität von Bus- und Bahnverbindungen nimmt der Bürger keinerlei Ausbau und Reform wahr, sondern sieht nur Verschlechterungen. Besonders schlimm wird die Lage in Kleinstädten beurteilt: 95 Prozent der Befragten nehmen einen Verfall der Verkehrswege wahr, 71 Prozent empfinden die Verschlechterung als "deutlich" oder "sehr deutlich".

Nicht nur Autofahrer betroffen

So einig sind sich die Deutschen selten. Auch ich müsste schon blind sein, wenn ich den Zerfall der Straßen in Hamburg nicht bemerken würde. Überall fehlen metergroße Placken aus der Fahrzeugdecke, darunter kommt das glücklicherweise sehr solide Kopfsteinpflaster der Kaiserzeit wieder zum Vorschein.

Warum schmerzen die Schlaglöcher so sehr? Weil wir im Herzen alle Autofahrer sind, Mitglied der Autobahnnation Nummer Eins? Nein, wer Fahrrad fährt, weiß: die Verkehrswege fürs Rad sind in einem mindestens ebenso schlechten Zustand wie die Straßen. Anstatt zu reparieren, wird in Hamburg meist ein Warnschild aufgestellt. Das macht den Weg nicht besser, aber die Stadt ist die Sorge wegen der Haftung los.

Schlaglöcher als Menetekel

Für den Autofahrer hält sich der Schmerz in Grenzen. Mit SUV, Allradantrieb und elektrischer Federung kann man dem bröckelnden Belag ganz erfolgreich trotzen. Für motorisierte und unmotorisierte Zweiradfahrer sind die Löcher und Spalten weitaus gefährlicher. Auf meinem Arbeitsweg sind etwa sieben Stellen, bei denen ich aufpassen sollte. Mache ich es nicht, poltert es im Auto. Mit dem Motorroller oder dem Fahrrad würde ich stürzen, doch ich weiß, wo ich ausweichen muss. Wer ahnungslos ist, hat eben Pech gehabt.

Die Schlaglöcher sind nicht nur gefährlich, sie sind ein Menetekel. Sie sagen: Der Staat - also wir - kann es sich nicht mehr leisten, wichtige Kernbereiche in Schuss zu halten. Um heruntergekommene Amtsstuben zu sehen, muss man in eine alte Polizeiwache gehen. Den Sanierungsstau einer Schule bemerken nur die Eltern, doch das Schlagloch spüren wir alle im Kreuz.

Jeden Tag geben die Straßen ihren Kommentar zum Zustand der Republik. Im Fernsehen wird der immerwährende Aufschwung und die sprudelnden Staatseinnahmen gefeiert - geht man auf die Straße, sieht man das Gegenteil.

Zurück ins 19. Jahrhundert

Das schlägt nicht nur aufs Gemüt, es ist auch gefährlich für Deutschland. Wenn die Verkehrssituation in Kleinstädten unerträglich wird, ist Abwanderung die Folge. Eine hervorragende Industrienation benötigt ein herausragendes Verkehrsnetz. Ob mehr Bahnhöfe oder mehr Autobahnen gefordert sind, darüber kann man streiten, aber das Fahren auf Verschleiß ist gewiss keine Lösung.

Seit zwanzig Jahren wird beim Unterhalt der Verkehrswege gegeizt. Flickschustern statt Sanieren. Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Netz so hinüber ist, dass man es nicht mehr notdürftig mit plattgeklopften Asphaltklumpen reparieren kann. Und was kommt dann? Die teure Totalsanierung oder werden die Verbindungen nach und nach einfach zugemacht? Solange bis man wieder bei den Feldwegen des 19. Jahrhunderts angekommen ist?

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