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Schafft Detroit das Comeback?

Die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate der USA feilt mächtig an ihrem Ruf. Dass das wirklich klappen könnte, kann in Detroit selbst eigentlich noch niemand so richtig glauben.

Die einstige Motor City will das Comeback schaffen.

Die einstige Motor City will das Comeback schaffen.

Knapp eine Autostunde östlich von Hamburg entfernt befindet sich die ärmste Großstadt des Landes. Nein, nicht Schwerin in Deutschland, sondern Detroit in den USA. Genauer gesagt im zehn Millionen Einwohner großen Bundesstaat Michigan. Fast 40 Prozent der von einst 1,68 Millionen übrig gebliebenen 680.000 Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Das Jahres-Haushaltseinkommen beträgt rund 25.000 Euro. "Sie sagen alle, unsere Stadt wird zurückkommen. Aber da haben die noch eine Menge zu tun", verrät die 100-jährige Rebecca Graham. Der adretten Dame fällt es nicht leicht, so negativ über ihre Stadt zu reden. Doch alles andere wäre gelogen. Zu groß sind die Probleme der einstigen Motor City. Dass in dieser Region bei den meisten Einwohnern aus Hoffnung Verzweiflung wurde, ist angesichts der zahlreichen fensterlosen Baracken leicht nachzuvollziehen.

Schafft Detroit das Comeback?
Die einstige Motor City will das Comeback schaffen.

Die einstige Motor City will das Comeback schaffen.

Dabei galt Detroit noch vor einigen Jahrzehnten als das Paris des Mittleren Westens, mit seinem breiten Fluss, dem Detroit River, großen Boulevards und sehenswerten historischen Gebäuden. Die Grenzstadt zur kanadischen Stadt Windsor blühte regelrecht auf, als erstmals im Jahre 1909 das legendäre Modell Ford T im Ford-Werk Highland Park vom Band lief. Doch spätestens mit dem Federal Aid Highway Act, den Präsident Dwight D. Eisenhower 1956 in den USA erließ, begann die Abwärtsspirale ihren Lauf zu nehmen. Warum? Durch den anschließenden Bau von knapp 80.000 Kilometern Autobahn wurde der Individualverkehr enorm gestärkt. Seit 1969 ist in den USA die Zahl der im Auto gefahrenen Kilometer viermal schneller gewachsen als die Bevölkerung. Das Resultat: Zersiedlung. Oder anders formuliert: Verschiedene Funktionen der Stadt Detroits wie Wohnen, Einkaufen und Arbeiten wurden getrennt. Gleichzeitig kam es zu einem Anstieg der Kosten für die Wasser- und Stromversorgung.

Die Schulen gehörten zu den ersten Institutionen, die unter dem daraus resultierenden Geldmangel leiden mussten. Und während sich die reichen, zumeist weißen Einwohner Detroits in abgeschottete Siedlungen außerhalb der Stadt flüchteten, blieb in der stetig zerfallenden Innenstadt die Unterschicht zurück, mit dem Ergebnis, dass mittlerweile über 80 Prozent Afroamerikaner in Motor City selbst leben. Durch einen der bekanntesten Söhne Detroits, den Sänger Eminem, ist sogar die inoffizielle Grenze zwischen Arm und Reich bekannt geworden: die rund 70 Kilometer lange von West nach Ost verlaufende 8 Mile Road. Dass ausgerechnet ein Sänger zu den prominentesten Einwohnern Detroits zählt, ist jedoch kein Wunder. Dank des Musik-Labels Motown erlangte die einstige Motor City unter demselben Namen Weltruhm. Neben den Jackson Five, den Temptations und den Supremes mit Diana Ross zählt auch Stevie Wonder, der im Alter von gerade einmal elf Jahren zu dem Label kam, zu den großen Stars der Musikszene, die ihre Karriere der Stadt Detroit verdanken.

Den stetigen Verfall der Großstadt haben diese Stars und Sternchen aber nicht aufhalten können. Und auch die Versuche von Politik und Wirtschaft verliefen wirkungslos. Die Enkel von Henry Ford errichteten in den siebziger Jahren das mit 221 Metern noch immer höchste Gebäude Detroits, das Renaissance Center, drei Kasinos wurden gebaut und ein 4,7 Kilometer langer People Mover wurde installiert. Nichts wirkte. Letzterer wird noch heute kaum genutzt. Dabei sollte er eigentlich die Stadt und seine Randgebiete wieder näher zusammenbringen. Selbst die Austragung des 40. Superbowls im Jahr 2006 im heimischen Ford Field, den die Pittsburgh Steelers mit 21 zu zehn gegen die Seattle Seahawks gewannen, änderte nichts an der Außenwirkung Detroits auf den Rest der Welt. Wie auch? Gehört Detroit doch zu den gefährlichsten Städten der USA. Präzise formuliert ist sie in der Kriminalitätsstatistik sogar die Nummer Eins. "Wir waren ein Jahr lang mal nur die Nummer Zwei. Da haben die Leute so wild gefeiert, dass wir schnell wieder die Eins waren", verrät ein Einwohner mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Fast 300 Morde gibt es hier jedes Jahr. Dennoch scheint der Job des Polizisten in Detroit nicht gefährlich als sonst wo, wie einer von ihnen erklärt: "Wenn wir am Tatort ankommen, ist die große Gefahr ja eh schon vorbei."

Wird sich von den zahllosen Obdachlosen, den vermodernden Häusern und der finanziellen Misere frei gemacht, sieht Detroit aber irgendwie dann doch gar nicht mehr so übel aus. Nicht ohne Grund twittern und facebooken junge Menschen von ihrem Cocktail an der Bar und der guten Musik aus den Pubs. Und wenn die Einwohner Detroits auf etwas stolz sind und auch sein können, sind das ihre Sportteams, wie die elffachen Stanley-Cup-Gewinner Detroit Red Wings und die Baseballmannschaft Detroit Tigers. Die Heimspiele sind nahezu immer ausverkauft. Neben den sportlichen Höhepunkten bietet Detroit aber auch eine ganz andere Seite. So ist der Eastern Market der größte öffentliche Markt des Landes und das Detroit Institute of Arts mit seiner über eine Milliarde Dollar teuren Dauerausstellung eines der wichtigsten Museen der USA. Hinzu kommt ein 50 Hektar großer Zoo mit über 250 Tierarten und das Ford Piquette Avenue Plant, ein Museum rund um die Produktionsstätte der legendären Tin Lizzie. Mit Blick über vereinzelt edel gebliebene Stadtteile wie der an Robin Hood erinnernde Sherwood Forest mit seinen über 500 Backsteinhäusern wächst auch bei Außenstehenden die stille Hoffnung auf eine bessere Zukunft der einstigen Motor City. Oder wie der ehemalige Ford-Fließbandarbeiter Vincent Peele meint: "Ich glaube, Detroit könnte das Comeback schaffen."

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