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Der Zwerg setzt den Giganten unter Strom

Der heimliche Star der IAA steht auf dem kleinen Stand von Tesla. In den USA hat das Model S alle anderen Autos in der Oberklasse abgehängt, nun wird es sogar einen Mercedes mit Tesla-Technik geben.

Von Harald Kaiser, Frankfurt

  Der heimliche Star der IAA in Frankfurt ist das Model S von Tesla.

Der heimliche Star der IAA in Frankfurt ist das Model S von Tesla.

  • Harald Kaiser

Unscheinbar in einer Ecke steht die Zukunft. Dort parken die Stromer von Tesla. Gestern war der Elektroautohersteller aus Kalifornien noch ein belächelter Außenseiter, heute pilgern die Manager alle Marken an den kleinen Stand. Denn Tesla hat bewiesen, dass Elektroautos sich verkaufen lassen, wenn Leistung und Reichweite stimmen. Tesla hat hinbekommen, woran alle Autohersteller bislang gescheitert sind. Und dieses Geheimnis hüten die Kalifornier.

Der versteckte Star

Der heimliche Star der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt kommt ohne das sonst übliche Tschingderassabum aus. Es ist das Model S des kalifornischen Herstellers Tesla. Eine viertürige Limousine im Look rassigen italienischen Designs. Aber die attraktive Verpackung ist es bei weitem nicht allein, die für Verwunderung sorgt. Es geht um die Kombination aus geglückter Optik, zukunftsweisendem Elektroantrieb, dessen stärkste Variante je nach Fahrweise Power für 400 bis 500 Kilometer hat, und die ungewöhnliche Bedienung. In der Mitte des Armaturenbretts sitzt ein großer, berührungsempfindlicher Bildschirm, über dann fast alle Funktionen mit einem Finger gesteuert werden. Das gibt es nur im Tesla.

Durchbruch durch Reichweite

Seit Kurzem ist der Wagen in Europa auf dem Markt, für knapp 72.000 Euro. Ohne Zweifel eine Riesensumme, die jedoch auch für die Luxuswagen von Mercedes, BMW und Audi verlangt wird. Aber das Model S von Tesla fährt mit Strom und bei ihm stimmt die Reichweite. Daher klappt es auch mit der Nachfrage. Keine Spur von Standuhr, wie Autos genannt werden, die sich beim Händler die Reifen platt stehen. In den USA ist Model S ein Verkaufsschlager, zumindest in den Dimensionen der Oberklasse. Im ersten Halbjahr 2013 wurden in den USA 9500 Stück verkauft, aber nur 6211 S-Klasse Mercedes, 5247 Lexus LS, 5075 Stück vom 7er-BMW und 3099 vom Audi A8. Am Ende des Jahres sollen weltweit 20000 Exemplare des Familien-Elektroautos verkauft sein. Und 2014 hofft man auf eine Verdopplung. 500 Stück werden derzeit jede Woche im kalifornischen Werk in Fremont größtenteils von Hand zusammengebaut.

Heimliche Pilger am Stand

Dieser unglaubliche Erfolg hat die Branche aufhorchen lassen. Manager der Konkurrenz, die den Wagen bisher nur von Bildern kennen, kommen auf den IAA-Stand von Tesla. Fast schleichen sie sich unauffällig hin. Manche nehmen zuvor sogar ihren Messeausweis ab, um nicht erkannt zu werden, setzen sich auf den Fahrersitz, spielen am Bildschirm rum und prüfen auch hinten, wie viel Platz für die Knie herrscht. Oder sie schauen sich die zwei großen Kofferräume an, die durch den wenig Platz raubenden Elektromotor und die zwischen den Achsen untergebrachten Akkus möglich sind. Zumeist steigen sie mit respektvollen Minen wieder aus und trollen sich. Selten werden die anwesenden Tesla-Leute zu Details gefragt. Zufrieden lächelnd beobachten sie die Szene.

  In den USA sucht Tesla Käufer auch in Malls.

In den USA sucht Tesla Käufer auch in Malls.

Die App erobert das Auto

Es ist weniger die reine Öko-Kundschaft, die den Wagen kauft, weil sie vom Weltrettungsgedanken beseelt ist. Es sind vielmehr "die Hightech-Typen, für die das Auto ein interaktiver Computer ist oder Leute, die gerne eine Sportlimousine fahren wollen", sagt Jerôme Guillen zum stern, der für das Model S verantwortliche Vizepräsident. Und das ganz und gar abgasfrei. Es ist noch nicht lange her, da wurden die Absichten Teslas in der Benzinbranche verlacht, mit reinen Elektroautos auf einen wirtschaftlich grünen Zweig zu kommen. Dem Unternehmen wurde prophezeit, niemals mehr als 3000 Stück verkaufen zu können. Jerôme Guillen: "Mitte des Jahres hatten wir schon mehr als 13.000 Autos ausgeliefert."

Und inzwischen ist die Firma sogar der Liebling der Börse. Manche Experten, wie Alan Baum von Baum & Associates aus West Bloomfield im US-Bundesstaat Michigan, halten Tesla inzwischen für das Apple der Autobranche. Da ist etwas dran. Indirekt hat Apple tatsächlich mitgemischt, denn einige Mitarbeiter sind von dem Computerkonzern zu Tesla gewechselt. Einer davon ist George Blankenship, Vice President für Verkauf und Kundenservice. Er grinst, wenn man ihn fragt, inwiefern Apple-Erfahrungen in das neue Auto eingeflossen sind. "Apps zum Beispiel", sagt er. Die bietet kein anderer Hersteller an. Blankenship erzählt, wie Tesla mit einer speziellen App Besitzern des neuen Viertürers in den USA geholfen hat: "Einige Kunden bemängelten, dass der Wagen nicht zu kriechen beginnt, wenn man an der Ampel steht und den Fuß vom Gas nimmt. So waren sie es bei ihren alten Benzinautomatikautos gewohnt und das wollten sie gerne auch beim Model S haben."

Mercedes stolz auf Tesla-Technik

Also programmierten die Tesla-Spezialisten eine Kriech-App und sendeten diese an die internetfähigen Bordrechner der Autos. Sobald sich die Besitzer reingesetzt haben, wurde ihnen nach den Angaben von Blankenship auf den Bildschirmen mitgeteilt, dass diese App zum Runterladen bereitsteht. Wer das mit einem Fingertip erledigt hat, dessen Tesla kriecht seither an Ampeln oder Einmündungen, wenn der Fuß von der Bremse genommen wird. Eine Spielerei? Keineswegs. Wenn Teslafahrer ihren Wagen mit Apps individualisieren können, ist das eine Revolution, die noch kein Autogigant hinbekommen hat.

Tesla gilt inzwischen technisch als das führende Unternehmen in Sachen Elektroautos. Nicht zuletzt auch deshalb sind Daimler mit 4,1 Prozent und Toyota mit 2,5 Prozent an dem kleinen kalifornischen Hersteller beteiligt. Sie interessiert die Akkutechnik. Daraus macht Tesla ein Geheimnis. Eines allerdings, von dem Anteilseigner Daimler profitieren darf. Die elektrifizierte Mercedes B-Klasse, die nächstes Jahr auf den Markt kommen soll, wird den Antriebsstrang des Model S erhalten. Daimlerchef Dieter Zetsche zum stern: "Wir haben verschiedene Batterielösungen gegeneinander antreten lassen, auch eine interne. Die von Tesla war die Beste." Das ist eine Sensation, bedeutet dieses Eingeständnis doch, dass Tesla bei der Entwicklung dieser Technik weiter ist als der Großkonzern Mercedes.

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