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Die schwere Mission des Volkswagen-Chefs

Der Diesel-Skandal geht in seine entscheidende Phase: Volkswagen-Chef Müller versucht persönlich die US-Behörden gnädig zu stimmen. Überzeugt er nicht, ist die Existenz des Konzerns gefährdet.

  In der Rede kündigte Müller auch weitere Großinvestitionen in den USA an. 

In der Rede kündigte Müller auch weitere Großinvestitionen in den USA an. 

"Ich wünsche ihnen allen ein frohes Neues Jahr", sagt Matthias Müller in seinem bayerisch gefärbten Englisch und man ahnt, dass er sich das vor allen Dingen selber wünscht. Denn in diesem Jahr wird es an ihm liegen, wie Volkswagen die wohl schwerste Krise der Unternehmensgeschichte übersteht.

Es ist Sonntagabend Ortszeit in Detroit. Müller ist gerade erst gelandet. Er kommt direkt von zu Hause, aus dem beschaulichen Stuttgart, wo er noch immer wohnt. Es ist sein erster USA-Besuch, seit er am 25. September  Volkswagen-Boss wurde. Jetzt steht er auf der Bühne des Restaurants "Fischbeines" in der von eisigen Winden durchwehten Innenstadt Detroits und spricht zu den rund 400 Journalisten und Konzernmanagern, die seiner Einladung zum Neujahrsempfang gefolgt sind. "Ich entschuldige mich für das, was bei Volkswagen falsch gelaufen ist", sagt er und blickt dabei vom Blatt hoch in die Menge. Dieser Satz ist so wichtig, dass er ihn lieber abgelesen hat. Demut zeigen ist jetzt Müllers Devise. Zumindest am Anfang seiner Rede.

Kein Pomp mehr

Und Bescheidenheit. Der Volkswagen-Pomp vergangener Tage mit opulenten Inszenierungen, ausgefallenen kulinarischen Kreationen und jeder Menge PS auf der Bühne ist einem simpleren Ansatz gewichen: Burger und Bier. Statt Bühnenshow gibt es zehn Minuten Müller an einem Stehtisch. Dann mischt er sich unter die Gäste. Es ist der Vorabend der "Detroit Auto-Show", der wichtigsten Automesse Nordamerikas. Normalerweise geht es dort um PS und Fahrspaß. Heute aber warten alle auf ein Signal, wie es um den Diesel-Skandal und Volkswagen wirklich steht.

Seit im September die US-Umweltbehörde EPA öffentlich machte, dass in rund 580.000 in den Vereinigten Staaten verkauften Dieselfahrzeugen eine Betrugssoftware eingebaut ist, ist der Konzern im Ausnahmezustand.  Eine Software sorgt dafür, dass die Autos erkennen, wenn die Emissionswerte getestet werden. Dann erfüllen sie sogar die strengen US-Vorgaben für Stickoxide. Wird aber ganz normal auf der Straße gefahren, steigen die Werte um das bis zu 40-fache an, weil die Abgasanlage auf Schonbetrieb schaltet.

Den Staat und die Kunden im Nacken

Volkswagen musste nach langwierigen Ermittlungen der EPA und ihrer kalifornischen Schwesterbehörde CARB den Betrug eingestehen. Und das nicht nur in den USA: Rund zehn Millionen VW, Audi, Seat und Skoda ab dem Modelljahr 2009 sind weltweit betroffen.

Anfang vergangener Woche reichte das US-Justizministerium im Namen der EPA sogar Klage gegen Volkswagen ein. Der Konzern habe vorsätzlich betrogen, heißt es darin. Die möglichen Strafen dafür summieren sich je nach Quelle auf bis zu atemberaubende 46 Milliarden Dollar. Dazu kommen noch die Kosten für die Umrüstung der betroffenen Fahrzeuge. Dafür hatte Volkswagen bereits knapp sieben Milliarden Euro zurück gestellt.

Betroffene Kunden schließen sich außerdem derzeit zu Sammelklagen gegen den Autohersteller zusammen. Und auch die Mehrzahl der US-Bundesstaaten und sogar einzelne Gemeinden, in denen betroffene Fahrzeuge fahren, bereiten rechtliche Schritte gegen Deutschlands größten Konzern vor. Gerade erst hatte das Massachusetts Institute of Technology hochgerechnet, dass sich zwischen zehn und 150 vorzeitige Todesfälle auf die von Volkswagen zu verantwortende Stickoxidbelastung in der Luft zurückführen lassen.

Auch eine Chance für VW?

"2016 wird ein Jahr mit großen Herausforderungen, aber auch mit großen Chancen", sagt Müller trotzdem. Wer länger mit ihm redet, merkt schnell: Das ist nicht nur so dahingesagt. Er glaubt tatsächlich daran, dass der heftige Umbruch auch Kräfte freisetzen kann, die bisher in dem straff geführten Unternehmen der Piëch/Winterkorn-Ära im Verborgenen schlummerten. "Wir wollen ein neues und besseres Volkswagen werden", sagt er und klingt überzeugt. "Wir werden liefern".

Hört man sich bei altgedienten Konzern-Managern um, dann haben sich schon die ersten anstecken lassen. Ein Aufatmen ist zu hören. "Da geht was", heißt es. Denkverbote sind gefallen. Die neue Kultur bei Volkswagen ist noch ein zartes Pflänzchen, aber mit jedem Tag wächst es.

Jedenfalls, wenn Müller die drohende finanzielle Dürre abwenden kann. Wie hoch die Belastung für den niedersächsischen Konzern am Ende wirklich sein wird, wagt noch niemand zu prognostizieren. Ganz entscheidend für die Höhe der Strafen, so heißt es aus US-Regierungskreisen, ist die Frage, wie kooperativ Volkswagen bei der Aufklärung des Skandals und bei der Reparatur der Fahrzeuge ist. "Fix first, fine later" ist das Prinzip von EPA und CARB: Erst die Fehler beheben, dann die Strafe festlegen. 

Mission: VW retten

Müllers Besuch in den USA ist deshalb mehr als ein Höflichkeitsbesuch. Es ist eine Mission, Milliarden zu sparen und damit existenzielle Gefahr vom Unternehmen abzuwenden. Am vergangenen Mittwoch wollte er in Washington die EPA-Chefin Gina McCarthy treffen. Auf eigenen Wunsch, wie er betont.

Das Ziel: Persönlich die komplexen technischen Lösungen für die betroffenen Motorvarianten präsentieren und um die Zustimmung der Behörde werben. Denn die fehlt in den USA noch. In Europa konnte Volkswagen mit einem relativ simplen Softwareupdate und in einigen Fällen einem Umbau am Lufteinlass das Problem lösen. Das Kraftfahrt-Bundesamt hat das bereits akzeptiert.

Die Stimmung in den USA ist dagegen aufgeheizt: Zeitungen Berichten auf den Titelseiten über den Skandal. Es gibt Vorwürfe, Volkswagen verstecke sich hinter den deutschen Datenschutzvorschriften und liefere nicht die nötigen Dokumente. "Unsere Geduld mit Volkswagen geht zu Ende", sagte etwa der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman.

Müller lässt den Vorwurf nicht gelten: Der deutsche Datenschutz kollidiere halt mit US-Recht. Das müssten erst Anwälte prüfen. "Wir waren bisher zügig unterwegs, aber hexen können wir nicht", sagt er. Sorgfalt gehe vor Geschwindigkeit. "Wir wollen nicht noch einen Fehler machen."

Für die in Bezug auf Stickoxide strengeren US-Gesetze muss der Konzern mehr Aufwand betreiben, als in Europa. Bei der Mehrzahl der Fahrzeuge kommt man nicht um einen nachträglichen Einbau eines kompletten Harnstoff-Einspritzsystems samt NCR-Katalysator aus, heißt es aus Konzernkreisen. Das ist teuer und zeitaufwändig. Sogar den Rückkauf von Autos will Müller nicht ausschließen. Der könnte unter Umständen günstiger und schneller sein, als die Reparatur.

Die einzelnen technischen Umsetzungen seien bereits mit den Behörden diskutiert worden, sagt Müller. "Das Gesamtpaket ist aber entscheidend." Er kenne Behördenchefin McCarthy schon von früheren Gelegenheiten. "Sie ist eine vernünftige Frau, aber ich habe noch nie mit ihr verhandelt." Er gehe aber von ruhigen Gesprächen aus. "Ich werde mich entschuldigen – das gebietet der Anstand", so Müller. "Aber ich werde nicht zu Kreuze kriechen."

Betrug wäre tödliche

Müllers Linie ist dabei heikel: Man habe große technische Fehler gemacht, aber keine Betrugsabsichten gehabt, betont er in Detroit. "Ob wir gelogen haben, müssen die Ermittlungen ergeben". Das klingt für deutsche Ohren schon viel weniger demütig, als am Anfang seiner Rede. Eher selbstbewusst. Aber in den USA schätzt man es ja, wenn jemand aufsteht und kämpft, nachdem er zu Boden gegangen ist.

Darauf hofft VW: Nur wenn Müllers Mission erfolgreich ist, kann der Konzern in den USA und anderswo auch wieder mehr Autos verkaufen. Global gingen die Verkäufe der Marke VW 2015 um fünf Prozent zurück – zum ersten Mal seit 13 Jahren. 

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