Vom Kutschenbauer zur Designschmiede

9. Juli 2012, 09:22 Uhr

Mit extravaganten Modellvarianten wie dem Lancia Stratos oder Ferrari Dino 308 GT4 hat Bertone ein Stück Autogeschichte mitgeschrieben. Jetzt feiert der Fahrzeugbauer aus Turin seinen 100. Geburtstag.

Kutschen und Pferdewagen bestimmen das Straßen- und Transportgeschehen in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts. Für die Fertigung der Wagengestelle sind die Stellmacher da - einer davon ist Giovanni Bertone, der sich 1912 in der aufstrebenden Industriemetropole Turin selbstständig macht. Produkte aus Bertones Vier-Mann-Betrieb erfreuen sich schon bald eines guten Rufes, zeichnen sich durch hochwertige Verarbeitung aus.

Während des Ersten Weltkriegs, der Italiens Industrie schwere Rückschläge versetzt, muss das Unternehmen die Fertigung einstellen. Nach dem Krieg geht Bertone erneut an den Start, mit vergrößerter Belegschaft konzentriert er sich fortan auf das Automobil, dem offensichtlich die Zukunft gehört. Ähnlich wie Karmann in Deutschland fertigt der Turiner Handwerker die Aufbauten für die Chassis verschiedener Autobauer. 1921 bekommt das nun 20 Mann starke Unternehmen den ersten wichtigen Automobilauftrag - Bertone baut die Karosserie für das Modell Torpedo auf Basis des SPA 23 S.

Giuseppe tritt an

Nicht nur mit neuen Produkten, auch mit neuen Fertigungspraktiken muss sich der gelernte Stellmacher auseinandersetzen. Um die noch immer hölzernen Karosserien mit dem technischen Untersatz zu verbinden, kommen zunehmend industrielle Fließbandtechniken zum Einsatz. Die immer höheren Geschwindigkeiten der Automobile stellen zudem neue Anforderungen an die Karosseriemacher. Um den Insassen von Trendsetter-Fahrzeugen wie Vincenzo Lancias Lambda Sicherheit zu bieten, müssen auch die Aufbauten deutlich robuster werden.

In den 1920ern arbeitet Bertone mit fast allen italienischen Autobauern jener Jahre zusammen - darunter sind Namen wie Aurea und Chribiri, die heute kaum noch jemand kennt. Aber auch die führenden Hersteller in der italienischen Automobilmetropole - Fiat und Lancia - geben manches in Bertones Hand. 1934 tritt Giovannis Sohn Giuseppe, keine 20 Jahre alt, in die Firma ein. Der Mann, den alle seit Kindertagen nur "Nuccio" nennen, wird das väterliche Unternehmen zu einem der weltweit führenden Designstudios machen. Bereits 1937 gewinnt Bertone mit der stromlinienförmigen Karosserie für den Fiat 1500 einen Designwettbewerb in Turin.

Die Formensprache des Georgio Giugiaro

In den fünfziger Jahren kreiert Bertone mit dem damaligen Stardesigner Franco Scaglione die Karosserie für den Alfa Romeo Giulietta Sprint, der zum Inbegriff des italienischen Autodesigns der Epoche wird. Ursprünglich wollte Alfa Romeo 1000 Exemplare dieser Modellvariante fertigen - aufgrund hoher Nachfrage wurden es 40 000. In bis dato unerreichte Regionen der aerodynamischen Perfektion dringt das Atelier mit den Concept Cars BAT 5, 7 und 9 vor, die in den Fünfzigern auf Basis des Alfa 1900 Sprint gefertigt werden. Die Konstruktionsexperimente gipfeln 1956 in den Abarth 750 Record, der auf einem Fiat 600 basiert und auf der Rennpiste von Monza für Aufsehen sorgt.

In den Sechzigern hat Nuccio den genialen Designer Georgio Giugiaro an seiner Seite. Im Bertone-Atelier entstehen Modellvarianten für Alfa Romeo, Fiat, BMW, Aston Martin, Ferrari und Maserati. Aufsehen erregt 1966 Bertones Karosserie für den Lamborghini Miura, einer der schnellsten Sportwagen seiner Zeit. Zum Verkaufsschlager jener Jahre wird der Fiat 850 Spider, der Bertone veranlasst, die Tagesproduktion seines Unternehmens deutlich zu steigern. Bis zu 120 Einheiten laufen nun täglich in der Autoschmiede vom Band, die ihren Sitz seit Ende der fünfziger Jahre in Grugliasco vor den Toren Turins hat.

Die Bertone-Autosammlung wird Kulturerbe

Anfang der Siebziger arbeiten bereits 1500 Menschen im Bertone-Werk. Der italienische Großmeister der Autodesigner-Zunft versetzt die Fachwelt nun mit dem Stratos Zero auf Basis eine Lancia Fulvia in Erstaunen - der futuristisch gestylte Automobil-Body wirkt wie eine Synthese aus moderner Architektur, Bildhauerkunst und Industriedesign. 1972 stirbt Unternehmensgründer Giovanni Bertone. Sohn Nuccio ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Bertone-Skizzen stehen am Anfang automobiler Stilikonen wie Maserati Kamshin.

Kommerzielle Erfolge feiert die Schmiede mit dem Fiat X1/9. In den Siebzigern beginnt auch die Zusammenarbeit mit Volvo. Der 264 TE ist das erste Fahrzeug, für das Bertone - von der Skizze bis zu den Testfahrten - die volle Verantwortung hat. Die Designschmiede mausert sich zum vollwertigen Automobilhersteller. Ab Anfang der Achtziger bringt Bertone die Cabrio-Version des Fiat Ritmo und auch den X1/9 unter eigenem Label auf den Markt. 1987 kommt GM auf den renommierten Karossenschneider zu - die Cabrioversion des Opel Kadett ist, wie auch der Frischluft-Astra von heute, ein Bertone-Produkt.

Im folgenden Jahrzehnt experimentieren die Turiner mit alternativen Antriebstechnologien und innovativen Verbundmaterialien. Eine windschnittige, elektrisch angetriebene Flunder namens ZER stellt mit einem Spitzenztempo von über 300 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Elektrofahrzeuge auf. 1997 stirbt Nuccio Bertone. Die Unternehmensgruppe Bertone gerät Anfang der 2000er Jahre in finanzielle Turbulenzen, das Autowerk in Grugliasco gehört heute dem Fiat Konzern. Das Designstudio in Caprie bei Turin wurde nicht veräußert und wird von Nuccios Witwe geleitet. Die Autos der Sammlung Bertone - 78 an der Zahl - gehören inzwischen zum nationalen Kunst- und Kulturerbe Italiens und können im Museum in Caprie bewundert werden.

Zum Thema
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Alfa Romeo Geburtstag Lamborghini Miura Opel Kadett Turin
Auto
Ratgeber
Winter/Schnee-Tipps von einem Vielfahrer: Hauptsache Ruhe bewahren Winter/Schnee-Tipps von einem Vielfahrer Hauptsache Ruhe bewahren
VIEW Fotocommunity VIEW Fotocommunity Pferdestärken in besonderen Perspektiven. Zur VIEW Fotocommunity
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von harun: Mein Hund hat Angst vor der Fahrt

 

  von Gast: darf ich den feuermelder drücken bei einer schlägerei im zug

 

  von maily: Beschäftigung von Rentner

 

  von dorfdepp: Wird es in 20 Jahren noch LKW-Fahrer, Lokführer und Piloten geben?

 

  von bh_roth: Win 8.1 Energiesparen

 

  von Gast: WARUM FÜHREN MANCHE KAPSELN ZUR VERSTOPFUNG?

 

  von Gast 98746: Chiptuning Mercedes Benz E 200 T CDI Erstzulassung 06/13

 

  von BitteFreundlich: Welcher Körperteil ist am häufigsten von Osteochondrose betroffen?

 

  von Gast 98742: Altmietvertrag aus der ehemaligen DDR

 

  von Gast: Das iPhone meiner Freundin hat ne seltsame Macke. schwarzer Bildschirm. anrufe kommen rein, man...

 

  von Amos: Muß die Frage nochmal stellen: Überweisung per Online-Banking auf ein Unterkonto bei derselben...

 

  von Gast: Stern-Sudoku-Gewinnspiel

 

  von Gast: Kann man Handelsübliches Jodsalz in ein Fußsprudelbad geben wenn die Haut verletzt ist?

 

  von Gast: zerbrochene Fensterscheibe

 

  von Amos: Wenn zum Bau eines Hauses Wasser aus einem städtischen Hydranten entnommen wird: wie wird das...

 

  von Der_Denis: Kunststoff - warum so schlechtes Image

 

  von Gast 98682: Wenn ich ein Konto in der Schweiz eröffne, wie hoch ist die Mindesteinlage?

 

  von Gast 98680: Welche Programme gibt es für Zuschüsse an gemeinnützige vereine

 

  von Gast 98676: Führerschein vergleischen

 

  von Amos: Mineralwasser aus dem Schwarzwald nennt sich Black Forrest: ist das ein Gag, ein MIßgriff oder...