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Dieser Mann löste den VW-Skandal aus

John German bewunderte die Deutschen für ihre sauberen Autos. Dann fand er Messwerte, die er sich nicht erklären konnte. Und verursachte die größte Unternehmenskrise des Jahres. Hausbesuch bei einem Star.

John German in seiner Garage

Seine Garage, das reich eines Schraubers: Eigentlich liebt John German Autos

Am Telefon hatte er gesagt, an seiner Tür klebe kein Namensschild. Er arbeite zu Hause, in Ann Arbor, Michigan, wo man in der Ferne die Güterzüge hupen hört, die Autoteile ins nahe Detroit bringen. Er brauche Ruhe, hatte er gesagt. Es gebe zu viele Spinner da draußen. Neulich habe ihm einer geschrieben: "VW wird einen Killer auf dich ansetzen."

Auch die Klingel funktioniert nicht, Besucher müssen laut klopfen. Nach einer Weile öffnet ein hagerer, grauhaariger Mann. Er hat einen Keks in der Hand und kaut noch. Die gemusterte Krawatte ist eng gebunden. Er hustet und sagt: "Eine harmlose Allergie, nicht ansteckend." Seine Stimme ist leise, der Händedruck sanft.

Das also ist er, John German, der Mann, der den größten Industrieskandal des Jahres ins Rollen gebracht hat.

Noch nie hat er Journalisten in sein Haus gelassen. Seine Frau Colette, die gerade Holunderlimonade ins Wohnzimmer trägt, sagt: "Wissen Sie, John hat noch gar nicht richtig begriffen, was er ausgelöst hat. Das braucht Zeit. Unsere Welt steht seit dem 18. September ziemlich auf dem Kopf."

Der 18. September veränderte alles

Der 18. September, das war der Tag, an dem in Wolfsburg ein Lügengebäude einstürzte. Volkswagen musste zugeben, bei Abgaswerten von Dieselautos gelogen und betrogen zu haben. Vor allem bei den Angaben zu giftigem Stickoxid (NOx). Nach und nach kam heraus, dass weltweit elf Millionen manipulierte Autos des Konzerns unterwegs sind, VW, Seat, Audi, Porsche. Der Aktienkurs fiel zeitweilig um 40 Prozent. Der allmächtige Konzernchef Martin Winterkorn, der bestbezahlte deutsche Manager, wurde gefeuert, "Made in Germany" verlor an Strahlkraft. Wochenlang gab es in der Wirtschaftswelt kein anderes Thema als "Diesel-Gate". Sogar von der Aufspaltung des Volkswagen-Konzerns war die Rede, vom Ende einer Weltfirma.

Was ist das für ein Mann, mit dem all das begann? Ein Autohasser? Ein "tree hugger", wie PS-verrückte Amerikaner über Naturschützer lästern, ein Baumumarmer? John German lacht laut. Er lässt Limonade und Schokokekse stehen und bittet, ihm zu folgen. Schon ist er in der Küche und zur Hintertür hinaus.

Seine Garage ist ein zweites Haus, mit einem Atelier zum Töpfern und Malen für Colette im ersten Stock und einem Regenteich dahinter als ökologischem Ausgleich für die zugebaute Fläche. German besitzt fünf Autos. Auf den Buick Reatta, Baujahr 1990, ein Cabrio mit weinrotem Dach, ist er besonders stolz. "Wollen Sie ihn mal hören?" Der Anlasser kratzt ein wenig, dann brubbelt der Sechszylinder entspannt. "Toller Sound, was?", sagt German. Schon als Physikstudent habe er an Autos gebastelt. Er könne nahezu jeden Motor zerlegen und wieder zusammenbauen. Werkzeuge dafür liegen in Regalen bereit, hoch bis zur Decke. Es ist das Reich eines Schraubers.

"Anfangs war es keine Jagd, es war Bewunderung"

In seiner Anzughose setzt sich German auf einen Stapel Reifen und erzählt, wie es zum Fall VW kam. Er sagt: "Anfangs war es keine Jagd, es war Bewunderung."

Seit 2009 arbeitet German als US-Co-Direktor beim ICCT, dem "Internationalen Rat für ein Sauberes Verkehrswesen". Dieses Institut will weltweit die Emissionen reduzieren. Es berät Regierungen und Behörden in der ganzen Welt, sogar in China. Unter Experten genießen seine unabhängigen Analysen einen hervorragenden Ruf. John German ist schon länger in Fachkreisen bekannt. Er sagt: "Da bin ich ein großer Fisch in einem kleinen Teich."

German und sein Kollege Peter Mock vom ICCT in Brüssel waren begeistert von den sauberen VW-Dieselmotoren. Vor allem die angegebenen NOx-Werte beeindruckten sie. Die Modelle in den USA pusteten demnach sogar noch weniger Stickoxid in die Luft als die Autos, die der Konzern in Europa verkaufte. Aber wenn VW in den USA so gute Autos anbieten kann, fragten sie sich, warum dann nicht auch in Europa? Und können wir die Industrie nicht mit ihren eigenen Leistungen dazu drängen, noch sauberer zu werden?

Nur um ganz sicherzugehen, wollte German sich die VW-Angaben von unabhängigen Testern bestätigen lassen. "Ich hatte anfangs keine Zweifel, keinen Verdacht."

Ein VW auf einem Abgasprüfstand der US-Umweltbehörde

Aufgeflogen: Auf dem Prüfstand der kalifornischen Umweltbehörde sammelten Tester die Daten zur VW-Diesellüge


Im März 2013 beauftragte er ein Institut der Universität von West-Virginia, das für umgerechnet 63.000 Euro drei Dieselautos im Alltagsbetrieb testen sollte. Die kalifornische Umweltbehörde Carb sagte technische Hilfe zu. Sie mieteten einen Jetta, einen Passat und zum Vergleich einen BMW X5. Ausgestattet mit mobilen Messgeräten, fuhren Studenten die Wagen durch Los Angeles und viele Tausend Kilometer über die Highways, mal nach Norden Richtung Seattle, mal nach Süden bis San Diego.

Nur: Wo auch immer sie fuhren, ob auf der freien Straße, in der Stadt, bergauf oder bergab, der Stickoxidausstoß der VW-Fahrzeuge war fünf- bis 35-mal höher als angegeben. German sagt: "Es kam so viel heraus wie bei einem großen Lastwagen." Aber wenn die Wagen auf dem Teststand standen, liefen die Motoren auf einmal wieder "clean". Drinnen sauber, draußen dreckig. Da stimmte etwas nicht. Die Sache ließ German keine Ruhe.

Das "VW-Rätsel" ließ ihm keine Ruhe

Eine steile Treppe führt hinauf in sein Arbeitszimmer unterm Dach seines Hauses. Überall Akten- und Bücherstapel. German muss sich ein wenig ducken, so niedrig ist der Raum. Auch Colette kommt herauf, entschuldigt sich für das "kreative Chaos" und erzählt, wie ihr Mann hier oben tagelang saß und über Tabellen und Kurven brütete. Abends, wenn sie im Restaurant aßen, redete er mit ihr über das "VW-Rätsel". Sie sagt: "Mein Mann hat eine besondere Fähigkeit: Er erkennt, wenn ein Puzzleteil nicht passt. Und hier passte etwas nicht.“

An systematischen Betrug glaubte German zunächst nicht. Das schien ihm damals "zu verrückt". Er wisse aus eigener Erfahrung, Autokonzerne seien risikoscheu, Ingenieure vorsichtig. Alle wüssten, ein Fehler könne Milliarden kosten. Was steckte hinter seinen Zahlen?

Im Mai 2014 hatte German alle Widersprüche detailliert in einem Bericht aufgelistet – es war das entscheidende Papier in der Aufklärung der VW-Affäre. Er schickte es an die US-Umweltbehörde EPA in Washington und an die Carb in Kalifornien, eine Kopie an Volkswagen. VW bedankte sich bei ihm. Antwort auf seine Fragen bekam er nicht.

Das ICCT ist keine staatliche Behörde, es kann bei VW nur um Antworten bitten, keine erzwingen. Also aktivierte German sein berufliches Netzwerk. Er kennt die Autoindustrie von beiden Seiten. Bevor er zum ICCT kam, arbeitete er je acht Jahre für Chrysler, elf für Honda und 13 Jahre für die EPA. Das sollte VW zum Verhängnis werden.

German ließ nicht mehr locker. Immer wieder fasste er bei seinen Kollegen in Kalifornien nach. Was ergeben eure Tests? Erkennt die Software, wenn das Auto auf dem Teststand läuft? Ist vielleicht doch Betrug im Spiel?

Irgendwann drängten auch die Behörden bei VW auf Antworten. Sie erhielten nur Ausreden – bis sie drohten, den neuen Dieselfahrzeugen des Konzerns ab 2016 die Zulassung zu verweigern. Erst dann, im September, gestand VW die Manipulation bei kleineren Dieselmotoren. Und nach weiterem Druck im November auch bei 3-Liter-Motoren.

"Sie wählten die Lüge - dumm"

Ob er jetzt die Antworten habe, die er wollte? Nein, sagt German, für ihn blieben die Deutschen ein Rätsel. "Warum hat die VW-Führung unseren Bericht ignoriert? Warum keinen freiwilligen Rückruf organisiert?" Der große Skandal wäre ausgeblieben. "Sie wählten die Lüge. So viel Dummheit habe ich noch nie erlebt."

Ob es ihm leidtue, was er ausgelöst hat? Nein, für den Konzern, für Winterkorn und die anderen Manager empfinde er überhaupt kein Bedauern, sagt er. Ihm täten nur die Arbeiter leid, die nun um ihre Jobs bangen würden.

German und seine Frau sitzen im Wohnzimmer ihres Hauses. Colette verrät, ihr Mann lese gerade zum xten Mal den Roman "Herr der Ringe". Sie streicht zärtlich über seinen Arm und sagt: "John ist mein grauer Hobbit. Er verfolgt seine Ziele genauso furchtlos wie die Helden aus dem Auenland." German sagt: "Sie sind unbestechlich."

Die beiden sind seit 14 Jahren verheiratet. Für beide ist es die zweite Ehe. Sie lernten sich über eine Partnervermittlung im Internet kennen. Als Colette ihren John beim ersten Treffen aus einem alten Kombi steigen sah, mochte sie ihn sofort. "Er wirkte wie ein zerstreuter Professor", sagt sie. Seit sie ihn kenne, habe er immer davon gesprochen, etwas Großes, etwas Wichtiges in seinem Leben erreichen zu wollen. Sie fasst ihn wieder am Arm. "Das hast du nun wirklich geschafft."

Unter Umweltexperten ist John German nun ein Star, der einen Weltkonzern ins Wanken brachte, der nicht aufgab und weiterforschte, der sich nie einschüchtern ließ. Seine Expertise ist heute gefragt wie nie, viele wollen lernen von ihm. An seiner alten Uni in Ann Arbor wird er zu Gastvorträgen eingeladen. Hedgefonds versuchten, ihn anzuwerben, um mit seinem Wissen über den Skandal in die richtige Richtung spekulieren zu können. Anwälte, die Sammelklagen gegen VW vorbereiten, boten ihm einen Job als Berater an. Aber German sagte stets Nein. Weder er noch das ICCT hätten am VW-Skandal einen einzigen Cent verdient – und so solle es bleiben.

Sein Antrieb ist der Umweltschutz

German verfolgt ein ganz anderes Ziel. Er wirbt dafür, dass andere Staaten, ausdrücklich auch Deutschland, vom amerikanischen Umweltschutz lernen. In zahlreichen Bundesstaaten sind die Abgasvorschriften schärfer als in Europa. Vor allem aber, so German, könnten die Umweltbehörden auf Unternehmen viel stärkeren Druck ausüben. Er fürchtet, dass VW in Deutschland mit minimalen Änderungen an der Motorsteuerung durchkommen werde, dass die Autos weiter die Umwelt verpesten. Für die USA schließt er das "ziemlich sicher" aus.

Colette sagt zum Abschied, eigentlich wollte ihr Mann bald in Rente gehen. Er ist 63. Aber daraus werde nun nichts, er sei jetzt auf dem Höhepunkt seiner Karriere. "Unser Traum ist es, gemeinsam durch Amerika zu reisen. John packt sein Saxofon ein, ich spiele Klavier, und so ziehen wir durchs Land." Neben der Garage steht schon das Wohnmobil für die große Reise. Ein Winnebago Rialta. Mit einem Fahrgestell von VW.

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