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Auf allen vieren über Stock und Stein

Auffällige Freizeitgeräte kommen groß raus: Quads, eine Kreuzung aus Motorrad und Auto. Die Knatterbüchsen sind im Gelände eine echte Gaudi.

Ekligbraunes Schmutzwasser spritzt. Die eben noch sauberen Klamotten sind total durchweicht. Tannenzweige peitschen gegen den Brustkorb, dicke Steine schlagen an den Unterboden. Es ruckelt so heftig, als bediente man einen Presslufthammer. Krampfhaft klammern sich die Hände an den Lenker. Tiefe Spurrillen, riesige Schlaglöcher überall. Das Gefährt lässt sich kaum bändigen. Es handelt sich um ein Quad. Könnte sich ein Jeep mit einer Motocross-Maschine paaren, sähe ihr Kind wohl so aus wie dieses vierrädrige Motorrad. Auf der Straße sorgt das Fahrzeug für Verwirrung. Die Leute gaffen, als säße man auf einem rosa Nashorn. Kein Kofferraum, kein Dach - so richtig alltagstauglich ist das Fahrzeug mit den vier ballonartigen Rädern nicht, dennoch taucht es immer öfter auf. Man wird oft von Polizisten angehalten, die nicht glauben, dass so ein komisches Ding vom TÜV zugelassen wurde", sagt Stefan Philipp, Quad-Händler aus Freiburg, der sich über das rege Interesse an den Spaßmobilen freut.

Auf dem Ledersitz der Suzuki LTZ 400 ist es bequem. Ein Druck auf den Starterknopf. Motor läuft. Kupplung ziehen, mit dem linken Fuß den ersten Gang einlegen, Kupplung kommen lassen, sachte Gas geben. Langsam rollt die Suzie an. Alles wie bei einem normalen Motorrad. Allerdings: Sie hat keinen Gasdrehgriff, sondern einen Hebel, der mit dem Daumen betätigt wird.

Auf ebener Strecke ist es noch ganz gemütlich. Die vier Räder vermitteln ein Gefühl der Sicherheit, und ein angenehmer Luftzug kitzelt im Nacken - bis es auf einen holprigen Weg im Schwarzwald geht. Der Anstieg ist steil. So steil, dass jeder Bergsteiger ein Seil rausholen müsste. So steil, dass man Bammel hat, hintenüberzufallen. Daumengas bis zum Anschlag durchgedrückt, Herz in der Hose. Das Quad prescht den Berg hinauf.

Vom Gipfel geht es gleich wieder abwärts. Bei 70 Sachen bergab wird's einem mulmig, wie man es aus der Achterbahn kennt. Bremsen! Obwohl ich es versuche, tut sich wenig. Zu steil. Aus kleinen Hügeln werden Sprungschanzen. Plötzlich ist der Sitz überhaupt nicht mehr bequem, der Hintern schmerzt. Die Arme zittern, die Beine auch, eigentlich zittert alles. Am Helmvisier zerplatzen die Mücken. Endlich wird es flacher, das Quad automatisch langsamer. Die Hände am Lenker werden lockerer. Weiter geht's durch einen Tümpel. Anschließend eine scharfe Kurve. Mit Gewichtsverlagerung wie beim Motorrad läuft hier nichts. Das Quad muss mit einer kraftvollen Lenkbewegung rumgewuchtet werden. Danach ausrollen und Schluss. Durchatmen. In den Armen spürt man jeden Muskel, die Schultern brennen.

Quads kommen aus den USA - natürlich. Dort düsen vornehmlich Waldhüter, Förster, Jäger oder Landwirte mit wuchtigeren All Terrain Vehicles (ATV) über Stock und Stein. Irgendwann kam jemand auf den Gedanken, von den Nutzfahrzeugen mit Laderaum leichtere und kleinere Spaßmobile zum Einfach-so-Rumbrettern abzuleiten. Der Boom, der dann folgte, schwappte jüngst nach Deutschland. Anlass genug für die verordnungsfreudigen hiesigen Behörden, mit Datum vom 2. Januar 2004 ein "Merkblatt für die Begutachtung kraftradähnlicher Vierradkraftfahrzeuge (Quads)" herauszugeben. Denn die Einordnung der ziemlich lauten Knatterbüchsen war nicht einfach. Sind sie Motorrad, Personen- oder Geländewagen? Ergebnis: von allem etwas. Das beantwortet auch die Frage, mit welchem Führerschein solch ein auf 15 kW/20 PS begrenzter Hobel gefahren werden darf - mit dem fürs Auto.

Ein Helm ist nicht vorgeschrieben, desgleichen gibt es keinen Sicherheitsgurt. Aber wehe dem, der bei einer Polizeikontrolle weder Verbandskasten noch Warndreieck vorzeigen kann. Dann droht ein Knöllchen, sofern sich der Grünrock schon mit den verzwickten Quad-Vorschriften auskennt.

Ulrich Goerdt

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