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21. Juli 2009, 12:48 Uhr

Ring-Kämpfer

Wie aus vier alten Automarken eine wurde - und aus dem Inbegriff der Biederkeit ein Symbol des Fortschritts: Die Geschichte des Unternehmens Audi erzählt von Zoff, Zerwürfnissen, vielen Rückschlägen und einem unglaublichen Aufstieg. Von Peter Weyer

100 Jahre Audi, Oldtimer, Automarke, Unternehmen, Geschichte

Ein Horch aus dem Jahre 1921 vor der blauen Moschee in Istanbul© Audi AG

August Horch soll gehen. Der Aufsichtsrat will den Gründer und Namensgeber der A. Horch & Cie. loswerden. Die nach seinen Ideen gebauten Autos bleiben nach spektakulären Anfangserfolgen plötzlich sieglos. Die Produktionskosten steigen rasant. Angeblich um jährlich 35.000 Mark. Viel Geld anno 1909. Aber darum geht's nicht wirklich.

Tatsächlich sind die Anteilseigner stinksauer, weil Horch eine rauschende Betriebsfeier steigen lässt. Damit will er nach einem Streik seine Verbundenheit mit den Arbeitern demonstrieren. "Das Fest", bemerkt Horch später in seinen Lebenserinnerungen, "nahm einen großartigen Verlauf." Für ihn aber ist es ein Jobkiller. Horch wird weggemobbt.

Und schlägt zurück. Einen Monat später gründet er trotzig seine zweite Firma, die August Horch Automobilwerke GmbH. Sofort gibt es wieder Zoff. Denn seine Ex-Chefs wollen Horch den eigenen Namen für sein neues Unternehmen verbieten lassen. Die Lösung im Namensstreit liefert der zwölfjährige Sohn eines Freundes. Während der Vater mit Horch erregt über einen Ausweg diskutiert, paukt der Pennäler in einer Ecke des Wohnzimmers seine Lateinvokabeln und hört parallel zu. Schließlich wirft er zaghaft ein, "Horch!" heiße doch übersetzt Audi. Der neue Firmenname wird am 16. Juli 1909 ins Handelsregister von Zwickau eingetragen.

Technische Meilensteine

100 Jahre nach der Gründung blickt Audi auf einen imposanten Aufstieg zurück - von der einstigen sächsischen Schrauberfirma zum automobilen Schrittmacher. Technische Meilensteine wie den ersten deutschen Achtzylinder in Großserie oder den ersten erschwinglichen Kleinwagen mit Frontantrieb gab es bereits in der frühen Firmengeschichte. Aber auch schon die erste Finanzkrise. Denn hohe Investitionen für die beginnende Massenproduktion und ein scharfer Preiskampf mit ausländischen Konkurrenten verschlangen das Eigenkapital der Horch-Werke.

Deren Kreditgeber, die Sächsische Staatsbank, startete einen Rettungsplan. Sie verschmolz 1932 alle vier Automobilunternehmen in Sachsen, deren Hausbank sie ebenfalls war, zu einem neuen Großunternehmen mit Sitz in Zschopau, später in Chemnitz. Der Name: Auto Union AG. Unter diesem Dach wurden neben Audi und Horch die ebenfalls bankbeherrschten Marken DKW und Wanderer vereint. Als Firmenlogo wählten die Finanziers vier verschlungene Ringe, jeweils einer für eine der Gründungsfirmen.

Kurz vor der Pleite

Die Geschäfte liefen bis zum Krieg einigermaßen. Prominente wie Schriftsteller Thomas Mann, der 1929 den Literaturnobelpreis bekam, fuhren Horch. Und später, nach dem Neuanfang, hatten auch Schauspieler wie Romy Schneider einen DKW, der in den 50er Jahren als repräsentativ galt. Dennoch kam die Firma zunächst nur schleppend in Gang - und zwar in der ehemaligen Backstube des Heeresproviantamtes in Ingolstadt. Zwischen alten Teigknetern und Rührmaschinen erfolgte direkt nach dem Zusammenbruch eine Neugründung. Der Standort Ingolstadt bot sich an, weil es dort in unzerstörten Kasernen und Kasematten viel Platz für das zentrale Ersatzteillager gab, das ehemalige Händler in der Stunde null mit Teilen füllten. Arbeit war reichlich da. Allein in den westlichen Besatzungszonen garantierten rund 60.000 reparaturbedürftige Vorkriegsautos der Auto Union gute Beschäftigung.

Aus der Keimzelle Backstube ist eine Stadt in der Stadt gewachsen. Die liegt mit ihren flachen, weißen Gebäuden wie ein gelandetes Riesenraumschiff in der Donaulandschaft. Rund 200 Hektar groß, Arbeitsplatz für mehr als 30.000 Menschen allein in Ingolstadt, mit etwa 35 Milliarden Euro Umsatz einer der größten Steuerzahler Bayerns. Und eine der größten Ideenschmieden der Autogeschichte. Ohne VW wäre daraus allerdings nichts geworden. 1964 stand Audi kurz vor der Pleite. Für 297 Millionen Mark kauften die Wolfs-burger die Auto Union von Daimler-Benz und nannten sie später nur noch Audi. Die neuen Konzernherren taten sich anfangs allerdings schwer mit dem Innovationstempo der bayerischen Tochter und wurden ein paarmal schlitzohrig ausgetrickst. Wie bei den beiden wichtigsten Erfindungen der jüngeren Unternehmensgeschichte, dem Allradantrieb quattro und dem Dieselmotor TDI. Die brachten Audi erst richtig in Fahrt.

Entwicklung des Allradantriebs

Die Erfolgsgeschichte des Allradantriebs beginnt 1977. Bei minus 27 Grad. Kurz vor Rovaniemi, inmitten der Schneewüste Finnlands. Seit Stunden kurvt Fahrwerksexperte Jörg Bensinger in einem spartanischen Gefährt über die vereisten Nordlandpisten. Es sind die letzten Tests. Die notdürftig eingebaute Zusatzheizung bollert am Anschlag, trotzdem blühen Eisblumen an der Frontscheibe. "Iltis" heißt das Vehikel mit viel Bodenfreiheit und schmalen Rädern, ein derbes Wald- und Wiesenauto das Audi für die Bundeswehr entwickelt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 30/2009

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