
Der Argentinier Pablo Patronelli fährt mit seinem Quad-Bike durch Wüste der 10. Etappe© EPA/Cezaro de Luca
Es fing heute Morgen schon an, aber irgendwie wusste ich nicht, woran es lag. Irgendwas war anders. Ich hatte im Hotel zwar gut geschlafen und war auch sehr früh im Camp, doch da ging es bereits los. Genau das, was ich vermutet hatte, war eingetreten. Nebel bzw. sehr niedrige Wolken. Vor vielen Wochen hatte ich den Veranstalter schon darauf hingewiesen, dass es meiner Meinung nach durchaus möglich ist, dass sich in dieser Gegend morgens Nebel bildet. Wenn der Wind nicht stark genug ist, drückt kalte, feuchte Luft vom Meer über den warmen Boden. So bildet sich relativ schnell Nebel. Vor zwei Jahren hatten wir genau das Problem in dieser Gegend. Damals konnte der Hubschrauber dann nicht starten. Damit ist die Sicherheit der Rallye nicht gewährleistet und der Start muss verschoben werden. So kam es heute zu einer Startverzögerung von zirka zweieinhalb Stunden. Es war fast Mittag, als die Autos starten konnten.
Wir, das heißt die Crew, die sonst im Flugzeug mitreist, hatten heute die Möglichkeit direkt an die Prüfung zu fahren und etwas von Land und Leuten zu sehen. Wir nahmen einen unserer BMW X5 Serviceautos und fuhren etwa 120 km bis zum ersten Kontrollpunkt (CP). Die Fahrt dorthin war fantastisch. Es ging über einen 200 Meter hohen Pass in sehr schroffem Gelände. Am Horizont konnte man zum Teil die schneebedeckten Anden sehen. In etwa 800 Meter Höhe hörte die Wolkendecke auf oder besser sie brach durch die warmen Sonnenstrahlen auf. Ein wunderschönes Panorama. Hier fühlten wir uns frei, denn irgendwie kamen wir uns schon vor wie in einem Gefängnis. Morgens ins Flugzeug, dann in den Bus und ab ins Camp. Dieser Vorgang wiederholt sich jeden Tag. Wir sehen eigentlich nur Flugplätze und die Camps. Vom Land und den Leute sehr wenig. Wenn ich durch meine vorherigen Reisen Argentinien und Chile nicht schon gesehen hätte, wäre ich wahrscheinlich sehr enttäuscht gewesen.
In einem ganz kleinen Ort war dann der Kontrollpunkt. Ganz in der Nähe war ein kleiner Berg, von dem man eine unheimlich gute Sicht hatte. So konnten wir etwa zehn Kilometer der Strecke einsehen. Als nach zirka einer Stunde unsere BMW X3 CC kamen, waren wir guter Dinge. Orly lag auf Platz eins mit knapp 15 Sekunden Vorsprung vor Carlos Sainz. Guerlain zeigt uns eine tolle Show. Vor unseren Augen saugte er sich förmlich an den vor ihm fahrenden Buggy an und überholte ihn direkt vor uns. Die Differenzgeschwindigkeit war schon beeindruckend. Nachdem alle unserer Autos durch waren, sprangen wir in unser Auto und fuhren schnell zum zweiten Kontrollpunkt. Auf dem Weg dorthin konnten wir schon drei Staubfahnen hintereinander sehen. Die führenden drei Fahrzeuge lagen dicht beieinander. Orly war der Dritte, aber da er vier Minuten hinter dem ersten gestartet war, lag er jetzt vorne im Tagesklassement.
Am CP 2 war Orly dann natürlich schon durch, da wir noch einen Bogen fahren mussten. Aber vom Posten am Kontrollpunkt wurde uns gesagt, dass er mit 40 Sekunden in Führung liegt. Minuten später klingelte das Satellitentelefon und ich ahnte schon schlimmes. Alain, der Beifahrer von Orly, war am Telefon und sagte mir beide wären OK, aber sie hätten das Auto "auf das Dach geschmissen".
Mit Hilfe eines Fahrzeugs der Organisation wurde das Auto wieder auf die Räder gestellt und kam dann die fünf Kilometer zurück zum Kontrollpunkt, wo wir jetzt warteten. Von außen sah der Wagen noch ganz gut aus, aber ein Blick ins Innere sagte mir sofort, dass das Rennen für Orly aus ist. Der Käfig hatte einen Knick und das ist zu gefährlich, um weiterzufahren. Schade. Orly war unser bester BMW im Feld. Zwei Autos in den Top 10 wollten wir schon haben. Wir entfernten die halb abgefallenen Plastikteile und Orly folgte uns die 150 km zurück ins Camp.
Dort mussten wir auch nicht lange warten bis Guerlain eintraf. Er hatte heute einen guten Tag, auch wenn er sich leider einmal in den Dünen gerollt hat, weil ihm Zuschauer vor den Wagen gelaufen waren. Im Sand ist das aber meist nicht so schlimm. Es ist fast nichts passiert. Glück gehabt und Zeit hat er auch fast keine verloren. Leonid und Rene kamen zwar etwas später an, aber mit den Platzierungen können wir ganz zufrieden sein. Heute Abend steht dann ein großes Briefing meiner Mitarbeiter an, denn bis auf die Flugzeugcrew überqueren morgen alle die Anden und müssen mit den Autos(Servicetrucks, Racetruck und Serviceautos) bis auf 4200 Meter klettern. Viele Sicherheitsmaßnahmen werden von mir noch einmal erklärt und ich bitte alle besondere Vorsicht walten zu lassen.
Manche freuen sich, sind aber sichtlich nervös. Die Rallyeautos fahren ebenfalls über diese Höhe. Auch wenn die Etappe als Wertung morgen abgesagt ist, wird es mit Sicherheit keine leichte Verbindungsetappe. Wir haben es morgen zwar bequem, aber viel lieber würde ich selbst über den San Francisco Pass fahren, denn das muss ein tolles Erlebnis sein. Ich hoffe, wir haben schönes Wetter, damit wir wenigstens vom Flugzeug aus etwas sehen. Morgen mehr darüber.