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6. Februar 2010, 11:09 Uhr

Amerikas verrückteste Autoshow

Die Grand National Roadster Show ist wohl das ausgefallenste Auto Event in den USA. US-Klassiker zeigen, was den Amis am Autofahren noch Spaß macht. Von Helmut Werb, Los Angeles

Grand National Roadster Show, Oldtimer, Cadillac, Harley Davidson, Auto Show, Pontiac, Jay Leno, Eric Clapton, Ford Roadster, Cobra, James Hetfield

Kommt durch keinen TÜV - Zierrat an einem Custom Ford© Helmut Werb

Amerikaner haben ein anderes Verhältnis zu ihren Automobilen als normale Menschen. Das gilt besonders für Kalifornien, dem Staat der USA, in dem die wahren Auto-Fans leben, die "car crazies", und in dem das Auto mehr zum Teil der Kultur geworden ist als im Rest der Welt. Kein Wunder also, dass die Tachos in den Köpfen hier etwas anders ticken. Und kein Wunder, dass in Kalifornien die verrückteste Autoshow der Welt stattfindet - die Grand National Roadster Show. In Pomona, einer nicht unbedingt attraktiven Vorstadt von Los Angeles, trafen sich zum 61. Mal die Auto-Narren und zeigten ihre vier Räder, und manchmal auch nur deren zwei, denn der Name "Roadster Show" ist nicht unbedingt als strenges Konzept-Korsett zu verstehen. Neben weit über 500 offiziellen Teilnehmern stellten 600 weitere sogenannte "Drive-Ins" ihren fahrenden Untersatz zwischen den neun Hallen aus, Roadster oder auch nicht. Kein einziger Autohersteller war darunter – wenn man mal von einem bescheidenen Zelt absieht, in dem der lokale General Motors-Händler einen Chevrolet Traverse zu verkaufen suchte. Dafür gab’s für die mehr oder weniger privaten Aussteller 74 Kategorien, für die die Jury Preise ausgelobt hatte, vom "Altered Street Roadster, Pre 1935-Topless, No Fenders” bis zum einfachen "Restored Boat", eine Klasse mit nur einem einzigen Ausstellungsstück. Da standen die Chancen nicht allzu schlecht, eine Prämie zu ergattern. Selbst wenn man mit dem Moped erscheinen sollte.

Apropos Moped: so viele coole Bikes sieht man auf regulären Auto-Schauen eher selten. Von der Ur-Harley aus dem Jahr 1905 bis hin zum "Custom Custom" eines Herrn Avila, der seine Variante einer Harley erst 2008 fertigstellte und seitdem links und rechts die Preise einheimst. Von lautstarken Dragstern bis zum umgebauten Truppentransporter war so ziemlich alles vorhanden, was sich auf den oben genannten Rädern bewegen lässt. Und wo sonst strikte Reglements die Teilnahme von – na, sagen wir mal - ungewöhnlichen Fahrzeugen beschränken, wird beim Grand National eher der Freistil bevorzugt, was Tracey Fisher aus dem kalifornischen Simi Valley ausnützte und mit dem Leiterwagen erschien. Das sei okay, sagte mir einer der Veranstalter, so lange der "Radio Flyer" mit acht Auspuffrohren und fetten Hinterreifen ausstaffiert ist. Prompt heimste Frau Fisher auch den ersten Preis in der Kategorie "Custom Wagons" ein. Ein Mann namens Barry Weiss, vom eigenen Freund als "truly sick individual", als echt kranker Typ tituliert, stellte - aus welchem Grund auch immer - sein prächtiges Gilera Rennmotorrad aus dem Jahr 1958 auf zwei Quadratmetern Kunstrasen aus, Kunstdünger, Gartenschlauch und Hundekot inklusive

Jay Leno führte durch den Abend

Was nicht heissen soll, dass die Grand National nur den Spinnerten grossen Spass bereitet. Eric Clapton liess sein Ford Coupe aus dem Jahr 1939 ausstellen, und sein Wunsch nach Anonymität wurde so strikt eingehalten, dass niemand wusste, welches der 24 Ford Coupes denn seines sei. Jack Hetfield, Guitarrist der Heavy Metal Truppe Metallica, brachte seinen Auburn Boat Tail, eines der perfektesten Restaurierungsjobs der ganzen Show. Und "Mr. Car Crazy Himself", der Late Night-Talk Show Meister Jay Leno, liess sich noch vor Toröffnung durch die Show führen, was den Veranstaltern am Ende reichlich Kopfschmerzen bereitete, da Herr Leno nach den ursprünglich geplanten drei Stunden noch nicht einmal die Hälfte der Ausstellungsstücke unter die Lupe genommen hatte.

Gewinner der Show - und folglich König unter den 73 konkurrierenden Kategorie-Siegern - war ein 1933er Ford Coupe, trefflich "Possessed" (besessen) genannt, das fast nicht rechtzeitig fertig wurde. Zwei Minuten vor dem Ende der Einschreibungsfrist brachte Justin Scott Padfield, der Erbauer des Meisterstücks, den Ford aufs Gelände, und auch das nur, weil er die letzten Meter der Anfahrt zu den Hallen im filmreifen Autocross schaffte. "Die Security Leute wollten mich nicht reinlassen", sagte Justin. "Ich fuhr einfach durch die Schranke durch und habe alle Absperrungen überfahren, die's gab. Am Ende hatte ich fünfzig Pylonen unterm Hänger." Und einen der größten Pokale der Automobilgeschichte im Schrank. Zwei Meter hoch ist das geschmackvolle Stück.

Die Veranstalter waren glücklich am Ende. Weit über 140.000 Besucher kamen zur Show, die Sonntagsmesse, die die Veranstalter in der Kirche nebenan abhielten, war gut besucht ("Grand National ist eine Familien-Show", sagte mir die Sprecherin der Veranstaltung ohne mit der Wimper zu zucken), und Eric Clapton konnte auch zufrieden sein. Bis zum Ende der Show hatte niemand herausgefunden, welches denn sein Ford gewesen sei.

Von Helmut Werb, Los Angeles
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
JoachimBuch (06.02.2010, 12:31 Uhr)
Größtenteils Spinner
aber genau das ist es, was das Leben ausmacht: Viele Normalos und ein paar bunte Paradiesvögel. Unter dem Thema "Sicherheit" darf man wohl keins der Fortbewegungsmittel betrachten, aber ich schätze, daß die Besitzer dieser Autos wohl peinlichst darauf achten, mit niemand in Berührung zu kommen, von daher ist ein serienmäßiger Golf R wohl erheblich gefährlicher für die Menschheit, als ein Custom-Car mit Spieß und Rotationsmesser auf der Radachse. Aber das ist Deutschland: Der TÜV ist ein Individualitätsverhinderer, so ähnlich wie "Architektur" in keinem Bebauungsplan keiner deutschen Kleinstadt für Wohnsiedlungen vorgesehen ist. Deren Trostlosigkeit taugt irgendwann nur noch als Häuserkampfübungsgebiet, die dazu passenden Autos nur noch für die Schrottpresse.
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