Bei Audi gibt es Schnüffler. Nein, nicht, was Sie jetzt denken. Das Nasenteam ist Gerüchen wissenschaftlich auf der Spur, damit sie im Serienauto nicht zum Gestank werden. Von Frank Janssen

Hoffentlich dufte: Michael Grund, Anna Siebenhüter, Erika Seres, Ludwig Poll und Ralf Sieker (v.l.) schnuppern an einem neuen Audi A4© Stefan Pielow
Jeden Tag um elf gibt es in Raum 172 was auf die Nase. Wie immer herrscht ein ziemliches Gedränge in dem Kabuff, das keine acht Quadratmeter hat und mit Apparaturen schon weitgehend vollgestellt ist. Erst mal ist die Probe mit der Nummer zehn dran: Erika Seres nimmt zwei der Weckgläser aus dem Wärmeschrank und gibt sie in die Runde, eins nach links, eins nach rechts. Die Kollegen schrauben die Deckel auf, stecken ihre Riechorgane in die Öffnung, schnüffeln und machen die Deckel gleich wieder zu. Stumm geben sie die Gläser weiter und zücken die Kugelschreiber aus den Brusttaschen der Laborkittel.
Probe Nummer zehn, ein schwarzgraues Kunststoffteil, gehört zu den unangenehmen Kandidaten: riecht nach Kurzschluss einer Modelleisenbahn - verschmortes Plastik, Gummi und etwas Maschinenöl. "Stechend, scharf, verbrannt", schreibt Erika Seres in ihr Protokoll. "Stechend, Kunststoff ", notiert Anna Siebenhüter. "Ekliger Kunststoffgeruch", schreibt Ludwig Poll auf. "Verschmort", steht auf dem Zettel von Heiko Lüßmann-Geiger. Wie die Kommentare sind auch die Noten sehr ähnlich: Es gibt nur die 4,5 oder die 5. Die Skala reicht von 1 bis 6, wie in der Schule, nur bedeutet eine Eins hier "geruchlos", eine Sechs meint "unerträglich". Die zweite Probe riecht nicht ganz so schlimm wie die erste. Bisschen nach feuchter Spülmaschine mit Essensresten. Wieder gehen zwei Weckgläser (Marke: Leifheit Einmach-Spaß) herum. "Muffig, fettig", oder "Fettig, wie Leder", "Muffig, feucht, fettig", notieren die Schnüffler unabhängig voneinander auf den Bewertungsbögen. Noten: 3,5 oder 4.
Das Nasenteam von Audi ist sich weitgehend einig. Fünf Tage die Woche schnüffeln auf engstem Raum - das schult die Riechzellen. "Aber nach einer halben Stunde", sagt Heiko Lüßmann-Geiger, "hat man die Nase voll. Mehr als sechs oder sieben Proben am Tag gehen nicht." Dann ist der Geruchssinn abgestumpft.

Der Chef: Heiko Lüßmann-Geiger leitet die Spezialistentruppe, die nur aus Chemikern besteht© Stefan Pielow
Den Rest ihrer Arbeitszeit sind die sieben Mitglieder des Nasenteams ganz normale Chemiker und gehören zur Abteilung Qualitätssicherung, die im "Palais Winterkorn" untergebracht ist, so genannt nach dem heutigen VW-Konzernchef. Der hatte die Abteilung bei Audi Mitte der 80er Jahre gegründet. Das Nasenteam ist eine kleine, eingeschworene Gruppe. Aufnahmebedingungen: Nichtraucher, gute körperliche Hygiene, keine parfümierten Handcremes oder Deos, keine Duftwässerchen vor elf Uhr morgens, keine Besuche beim Griechen am Abend vorher. Wer Schnupfen hat, ist draußen, vorübergehend.
Auslöser für die Gründung der ungewöhnlichen Unterabteilung war zufällig ein Artikel im stern vom 5. Juni 1985. Überschrift: Dicke Luft. Der TÜV hatte für den stern Ausdünstungen aus Bauteilen von vier Personenwagen untersucht - VW Golf, Opel Kadett, Toyota Corolla und Audi 100. Letzterer war besonders unangenehm aufgefallen. 250 chemische Verbindungen hatten die Fachleute in seinem Innenraum aufgespürt. Martin Winterkorn, damals noch Hauptabteilungsleiter, versprach Gegenmaßnahmen. Im Jahr darauf kam Lüßmann-Geiger, der heute wegen multipler Sklerose im Rollstuhl sitzt, frisch von seinem Studium zu Audi. Seitdem ist er die Obernase dort und achtet mit seinem Team darauf, dass neue Autos vor allem wie Neuwagen riechen. Also: angenehm - oder jedenfalls nicht unangenehm.
Und erst recht nicht nach Zwiebeln. In den 70er und 80er Jahren wurden die Dämmmatten zwischen Bodenblech und Teppichen aus Stoffresten gemacht. Gern genommen: Überbleibsel aus der Jeansproduktion, zerhäckselt und mit Phenolharz getränkt. "Ein guter Dämmstoff war das", sagt Lüßmann-Geiger. "Billig, hart und leicht." Dumm nur, wenn die Matten feucht wurden. "Das riecht dann wie Bahnhofsklo, weil Harnstoff drin ist." Und einmal, da hat der Lieferant ein anderes Rohmaterial verwendet als Jeansreste. Es dauerte eine Weile, bis die Ursache für den schwefeligen Gestank gefunden war: Es handelte sich um recycelte Zwiebelsäcke.
"Manchmal ist der Grund des Geruchs offenkundig", sagt Heiko Lüßmann-Geiger. "Und manchmal krabbelt man ewig in einem Auto herum." Zum besseren Aufspüren wird das Fahrzeug mit Heizstrahlern stark erwärmt - und dann wird schnell eingestiegen und geschnüffelt. Eine extrem schweißtreibende Angelegenheit bei 65 Grad. Für einzelne Teile gibt es eine speziell angefertigte Kammer mit einem Volumen von einem Kubikmeter. Und für zerkleinerte Proben den Wärmeschrank in Raum 172.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 21/2008