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"German Sauber-Diesel" sollen US-Markt retten

Sauber, zuverlässig und sparsam. Die deutsche Diesel-Offensive in den USA kommt gerade zur rechten Zeit. Volkswagens neuer "Clean Diesel", der Jetta TDI, steht ab sofort in amerikanischen Verkaufsräumen. Ein Importwagen für jedermann und nicht nur für die PS-selige Elite.

Von Helmut Werb

Als Erster der Wettbewerber schaffte es Volkswagen über die Ziellinie. Während amerikanische Auto-Hersteller bis Unterkante Oberlippe in der Krise stecken, steht Volkswagens Jetta TDI ab sofort und vielversprechend in den Startlöchern amerikanischer VW-Händler, der erste "saubere" Diesel, der in allen 50 US-Bundesstaaten verkauft werden darf - also auch in Vermont, Maine, Massachussetts, New York und ganz besonders Kalifornien.

Staaten, die die Abgas-Messlatte bislang unerreichbar hoch gelegt hatten. Zwar stellte Mercedes den eigenen Bluetec-Saubermann schon im Frühjahr im malerischen Vermont vor, aber wer bislang in den absatzstärksten Mercedes-Verkaufsräumen in Los Angeles oder Boston rumdieseln wollte, dem wurde vom wackeren Verkaufspersonal erstmal Geduld auferlegt.

Die vornehme VW-Schwester Audi wird in diesem Jahr mit einem Diesel in Kalifornien nachziehen, nur BMW mag sich auf einen Verkaufsstart seiner "Clean Diesel"-Version noch nicht so ganz festlegen. "Good Clean Fun" verkaufen hingegen die Wolfsburger und reichen jedem Amerikaner, der runde 25.000 US-Dollar hinlegt, den Schlüssel zum ökologisch korrekten Selbstzünder.

Dazu kommen - George W. sei mal gelobt - noch ein satter 1300 Dollar Steuerabschreibungsvorteil für besonders abgasfreundliche Automobile hinzu, was den amerikanischen Steuerzahler in diesen harten Zeiten vielleicht doch in die Verkaufsräume lockt. Über die grüne Schwelle hat es Volkswagen mit einer 140-Pferde-Version ihres Zweiliter-Common Rail-Diesels geschafft. Der liefert keinen Vortrieb, der John oder Mary die Frisur zerzaust, dafür schluckt das grüne Sparmobil aber selbst bei heftigster Fahrweise nur wenig über sieben Liter, wenn man sie denn bekommt, doch davon später.

Lang ersehntes Diesel-Aggregat

Das Aufschlagen jenes Diesel-Aggregats, das unbeschränkt im ganzen Ami-Land verkauft wird, dürfte trotz leichter Verspätung mit einem tiefen Durchatmen in der nordamerikanischen VW-Zentrale im US-Bundesstaat Virginia aufgenommen worden sein. Zwar will es keiner der deutschen Diesel-Importeure öffentlich eingestehen, aber die Testreihen, die die Umweltbehörden jener fünf Selbstzünder-unfreundlichen Staaten den Autoherstellern betreffs Abgasen auferlegt hatten, waren offensichtlich doch schwerer zu überwinden als ursprünglich erwartet. Eigentlich hätten die ersten Clean Diesels, Bluetecs oder wie die deutschen Selbstzünder sonst noch genannt werden, schon seit einem guten halben Jahr im Handel sein sollen. "Leider, leider", so philosophierte ein amerikanischer Volkswagen-Sprecher, "mussten wir einfach auch Kapazitätsengpässe in Deutschland überwinden." Eine Aussage, die ein wenig verwundern mag, betrachtet man die heimatlich schwächelnden Diesel-Verkäufe, die eigentlich genügend Produktionsstätten für US-getrimmte Ölbrenner freimachen könnten.

Doch die teutonische Diesel-Offensive käme trotz zauderndem Beginn immer noch zur rechten Zeit. Der Toyota Prius, bislang die Galleonsfigur automobilistischer Umwelt-Amerikaner, ist in die Jahre gekommen. Und langsam machen sich bei altgedienten Hybrid-Veteranen leise Zweifel breit, ob der bald mal fällige Satz Batterien nicht einen grösseren Anschaffungskredit notwendig mache, und das ausgerechnet in Zeiten, wo an Geld fast nicht zu denken ist! US-Hybride wie der erfolgreiche Ford Escape Hybrid oder der - man höre und staune! - Cadillac Escalade Hybrid werden zwar hoch gelobt (hauptsächlich, weil es sie endlich gibt), sind aber verbrauchstechnisch gesehen eher ein grünes Feigenblatt. Hondas lange erwarteter "Prius Killer", der nagelneü Hybrid Civic, leidet vor allem daran, dass er doch sehr, sehr, sehr lange erwartet worden war.

Aroma-stark und Brust-schwach

Dazu kam, dass sowohl Audis Siegesserie in der American LeMans-Rennserie, als auch die in dieser Saison gestarteten Jetta TDI-Rennen zum Abbau des bei amerikanischen Konsumenten lange gehegtem Vorurteil beitrugen, Diesel seien Aroma-stark und Brust-schwach. Immerhin hatte sich der Markt in jenen US-Staaten, in denen deutsche Diesel bisher schon verkauft werden durften, ausgesprochen positiv entwickelt, was sich selbst auf dem amerikanischen Gebrauchtwagenmarkt niederschlug. "Ein 2006 Jetta Diesel", so behauptet jedenfalls Jim Gill, Pressesprecher von Volkswagen of America, "ist heute mehr wert als sein damaliger Neupreis."

Da passt das Timing der Einführung von Volkswagens "Clean Diesel" also recht gut: die Wolfsburger Virginia-Dependance erwartet, dass fünfundzwanzig Prozent der Jetta Modelle als Diesel erstanden werden, was sich in die durchaus gesunde Zahl von knapp 30.000 Einheiten pro Jahr übersetzen und darob grosse Freude auslösen dürfte. Wäre da nicht der grosse Preisunterschied zwischen Diesel und Benzin, der in den USA heute bei guten 50 bis 70 Cents zugunsten von Normalsprit liegt (und vor nicht allzu langer Zeit gar die Ein-Dollar-Marke weit hinter sich liess). Allen Schäffer vom US-Diesel Technology Forum führt das sowohl auf die erst kürzlich vorgenommene Einführung von schwefelarmen Diesel in den USA zurück, als auch auf die langsame Umstellung der Raffinerien auf das aufwendigere Verfahren. Heftiger dürfte es den US-Konsumenten treffen, dass die passende Zapfsäule nicht überall zu finden ist: "Nur 42 Prozent aller Tankstellen in den USA verkaufen den neuen Dieselkraftstoff", erläutert Mr Schäffer und hofft auf (noch) bessere Zeiten.

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