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23. Juli 2008, 11:33 Uhr

Selbst die Amis fahren Bus und Bahn

Der hohe Bezinpreis hat auch sein Gutes: Sogar die PS-verliebten Amerikaner lassen ihr Auto immer häufiger in der Garage und nutzen öffentliche Verkehrsmittel. Bus und Bahn erleben in den USA derzeit einen Boom wie schon seit 50 Jahren nicht mehr. Von Helmut Werb

Immer mehr Amerikaner sind durch die rigoros gestiegenen Benzinpreise gezwungen die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen© David McNew/Getty Images

Kommt ein Ami in die U-Bahn... - so könnte ein eher skurriler Witz beginnen. Viele Bewohner großer US-Städte, vor allem jenen an der Westküste, hatten bislang eine unterbewusste, aber tiefe Abneigung gegen öffentliche Verkehrsmittel. Das liegt nicht nur am Image von Bussen und U-Bahnen, die vor allem in Kalifornien als reines Arme-Leute-Transportmittel gelten, sondern auch daran, dass der öffentliche Nahverkehr bisher ein Stiefkind auf dem Weg von und zur Arbeit war. Dabei sind die Verbindungen meist besser als ihr Ruf.

Mehr und mehr Amerikaner sehen sich aufgrund der gestiegenen Benzinpreise offensichtlich gezwungen, auf das eigene Fahrzeug zu verzichten. Im Sommer letzten Jahres, als die Benzinpreise zum ersten Mal die Drei-Dollar-Marke für eine Gallone Normalbenzin überschritten (umgerechnet etwa 0,85 Euro), stieg in Los Angeles der Anteil jener, die ihr Auto in der Garage liessen und mit Bus oder Bahn zur Arbeit fuhren, um rund 17 Prozent. Der letzte Preisanstieg veranlasste zusätzlich fast jeden sechsten Bewohner der 13-Millionen Metropole, auf das Auto zu verzichten. "Der Anstieg ist phänomenal", sagte ein Sprecher der Los Angeles Verkehrsbetriebe, die neben einer neuen U-Bahn die grösste Busflotte der Welt betreibt. Amis steigen um Der prozentuale Anstieg erzählt aber nur die halbe Geschichte: Im Erhebungszeitraum im Mai 2007 benutzten über 1,3 Millionen Menschen täglich die öffentlichen Verkehrsmittel. Verglichen mit den rund 4,3 Millionen Pendlern, die mit ihren Autos zur Arbeit fahren (plus 700.000 Car Pools täglich), ist der Anteil der Bus- und Metrobenutzer immer noch bescheiden, aber der Trend weg vom Auto wird immer deutlicher. In New York, einer Stadt, in der die U-Bahn schon seit langem zum tägliche Leben gehört, stiegen die Passagierzahlen bei Bus und Bahn allein im letzten um fast 5 Prozent, in Denver um 8 Prozent. "Wir sehen eine deutliche Abkehr vom individuellen Nahverkehr", staunte Clarence Marsella vom Denver Regional Transportation District.

Das amerikanische Verkehrssystem ist auf Individualverkehr aufgebaut© David McNew/Getty Images

Im Süden der USA sind die Zahlen sogar noch höher: 20-prozentige Zuwachsraten verzeichneten die Verkehrsbetriebe in Süd-Florida, fast unglaubliche 34 Prozent mehr Passagiere lösten ihr Ticket für Busse in South Carolina. "Niemand hätte je geglaubt, dass Leute vom Auto auf die Nahverkehrsmittel umsteigen würde", sagte Joseph Giuletti, der Sprecher der South Florida Regional Transportation Authority der New York Times in einem Interview, "aber genau das passiert." Auch das ist mit Zahlen belegbar. Das US-Verkehrsministerium schätzt, dass die Amerikaner zum ersten Mal seit sehr langer Zeit weniger Autofahren - insgesamt drei Prozent weniger.

Straßen in New York deutlich leerer

Eine solche Entwicklung geht auch den den ansonsten tendenziell immer optimistisch veranlagten Amerikanern nicht ohne Meckern: In San Francisco, dessen BART-System allein in den letzten drei Monaten fast 10 Prozent mehr Nutzer verzeichnen konnte und deshalb die Sitze aus den Bahnen nimmt, um mehr Platz zu schaffen, wird laut darüber gemeckert, dass die zunehmenden Zahl der BART-Benutzer ein Loch ins Budget der sonst so umweltbewussten Stadt reissen könnte. "Wir verlieren eine Menge Geld bei den Autofahrern", klagte ein BART-Manager, der ungenannt bleiben will. Da Autofahrer, die die Brücken der Stadt benutzen müssen, um zur Arbeit zu kommen, vier Dollar Brückenzoll bezahlen, fehlt der Stadt nun Geld, das bisher dem öffentlichen Nahverkehr zugute kam. Außerdem würden die hohen Benzinpreise auch das BART-Budget stark belasten.

New Yorks Bürgermeister Bloomberg hingegen ist froh, dass die Innenstadt von Manhattan nun nicht mehr mit einer Stadt-Maut wie in London belegt werden muss - die gestiegenen Benzinpreise erzielten den gleichen Effekt. Ganz ohne die umstrittene Manhattan-Maut sind die Strassen von New York nun deutlich leerer. Durch die zunehmende Abkehr vom Auto sehen sich auch die US-Gesetzgeber gezwungen, mehr Geld in öffentliche Nahverkehrsmittel zu investieren. Im Juni verabschiedete das amerikanische Repräsentantenhaus ein Gesetz, durch das 1,7 Milliarden Dollar für die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs bereitgestellt werden soll.

Konservative Republikaner sträuben sich

"Amerikaner strömen in die Nahverkehrsmittel in einer Zahl, wie wir sie in fünfzig Jahren nicht gesehen haben", sagte der demokratische Abgeordnete Peter DeFazio aus Oregon. Nur die konservativen Republikaner sträuben sich noch: "Wir subventionieren die großen Städte auf Kosten der kleinen, die keine Busse haben", moserte Frank Lucas, ein republikanischer Abgeordneter, woraufhin sich auch das Weisse Haus einschaltete: Das Hilfspaket sei eine schlechte Idee, verlautete ein Sprecher von George W. Bush. "Wir machen die Nahverkehrsbetriebe zu sehr abhängig von Subventionen."

Von Helmut Werb
 
 
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