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1. April 2008, 13:22 Uhr

Autofahrer stehen im Regen

Nach neuen Recherchen des ADAC vertragen mehr als drei Millionen Autos die für 2009 geplante Erhöhung der Bioethanolquote im Benzin nicht - weitaus mehr als bislang angenommen. Die Besitzer könnten im Schadenfall die Dummen sein - denn die Freigabelisten der Hersteller hält ADAC-Sprecher Maximilian Maurer für rechtlich wertlos. stern.de über das Biosprit-Chaos und mögliche Auswege. Von Christoph M. Schwarzer

Mindestens 3,12 Millionen Fahrer müssen mit Einführung von E10 auf Super Plus ausweichen© Volker Hartmann/ DDP

In den Freigabelisten ist festgehalten welches Fabrikat welchen Kraftstoff verträgt. "Das Freigabegedöns ist just for fun", sagt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer mit bayrischem Unterton. Damit bringt er das Hauptproblem in der aktuellen Diskussion um die zehnprozentige Bioethanolquote im Benzin (E10) auf den Punkt. Selbst wenn ein Auto vom Hersteller für den Betrieb mit dem Biosprit freigebeben wurde, ist der Besitzer bei einem Schaden gekniffen. Der Grund: Die Beweislast liegt bei ihm.

"Zu beweisen, dass Motor oder Kraftstoffsystem durch den Betrieb mit E10 geschädigt wurden, ist für den Autofahrer fast unmöglich", fährt Maurer fort. Zum Beispiel müsste ein zur Klage entschlossener Autofahrer auch nachweisen, dass er immer korrekt getankt hat, also nicht etwa Ethanol aus der Apotheke in den Einfüllstutzen gekippt hat. "Die Haftungsklausel der Hersteller ist darum ein Witz", sagt Maurer und verweist auf die Forderung des ADAC, die Beweislast umzukehren.

Mindestens 3,12 Millionen Betroffene

Trotzdem hat der ADAC in aufwändigen Recherchen eine Liste von Fahrzeugen erstellt, die E10 vertragen oder eben nicht. Das bisherige und vorläufige Ergebnis ist ernüchternd: Vergleicht man die Freigaben der Autohersteller mit den beim Kraftfahrtbundesamt (KBA) gemeldeten Zulassungszahlen, müssen mindestens 3,12 Millionen - immerhin fast zehn Prozent aller deutschen Pkw - statt der ursprünglich vom Verband der deutschen Autoindustrie (VDA) angenommenen 375.000 Autos mit Einführung von E10 auf die Bestandsschutzsorte Super Plus ausweichen. Und die kostet bis zu 15 Cent pro Liter mehr.

Diese Zahl ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Für etwa vier Millionen Autos konnte der ADAC noch kein Ergebnis recherchieren. Unter diesen vier Millionen stellen Renault und Fiat mit über drei Millionen die größte Gruppe. Wieviele von ihnen die Beimischung vertragen, ist offen, sicher ist aber, es werden nicht alle E10 verdauen können. Der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) hält sich auf Anfrage von stern.de noch bedeckt und will die Zahlen des ADAC weder dementieren noch bestätigen. Man spielt auf Zeit und möchte Mitte April zusammen mit allen anderen Herstellern endgültige Aussagen machen.

Imageschaden für die Importeure

Sollte sich herausstellen, dass ausländische Fahrzeuge sehr viel häufiger eine Biosprit-Unverträglichkeit haben, wäre das ein immenser Imageschaden für die Marken: Seht her, Du fährst einen Japaner oder Franzosen, da musst Du Dich nicht wundern, die können’s halt nicht. Als Folge haben die ausländischen Hersteller wenig Interesse an öffentlichen hohen Zahlen, selbst wenn diese den Verkauf von Neuwagen fördern könnten. Und sollte sich herausstellen, dass deutlich mehr als die vom heimischen VDA angegebenen 375.000 Autos kein E10 tanken können, gäbe es einen Erklärungsnotstand.

Umweltminister in der Bredouille

In den könnte auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel kommen. Er hatte leichtsinnig erklärt, dass man die Erhöhung der Biokraftstoffquote "vergessen könne, wenn die Zahl der Autofahrer in Richtung einer Million gehen sollte." Eine Hürde, die locker gerissen wird. Aber was passiert dann? Dann gibt es mehrere Möglichkeiten. Die erste ist, dass sich Sigmar Gabriel nicht mehr an seine Aussagen erinnert, als Geschwätz von gestern abtut und die Einführung von E10 eisenhart durchzieht. Dann freuen sich wenigstens die deutschen Autohersteller, weil der Biokraftstoff auf die CO2-Emissionen mit 10 Gramm angerechnet werden darf. Ein Rabatt beim so genannten Flottenverbrauch, für den alle bezahlen würden.

Die zweite Möglichkeit ist der vom ADAC geforderte Aufschub der Einführung bis 2012. Bis dahin hätten etliche der meist alten Autos, die E10 nicht vertragen, von selbst das Zeitliche gesegnet, und die Zahl der Betroffenen wäre unterhalb einer imaginären Schmerzgrenze. Nachteil: Auch dann würde der Spritpreis für alle steigen. Für die einen, weil sie aufs kostenintensive Super Plus ausweichen müssen und für alle anderen, weil Bioethanol teurer im Einkauf ist und mit dem gestiegenen Preis auch mehr Mehrwertsteuer fällig wird.

Natürliche Konkurrenz zum Mineralöl

Der dritte Weg wäre die komplette Abschaffung der Pflichtbeimischung zu Gunsten einer echten Marktlösung. Wie beim Biodiesel könnte Bioethanol als E85 oder reines E100 an eigenen Zapfsäulen angeboten werden. "Man könnte den Umweltbewussten durch einen niedrigen Energiesteuersatz belohnen, statt immer nur alle anderen zu bestrafen", sagt Maximilian Maurer vom ADAC. Beim Biodiesel hat das so lange geklappt, bis der Gesetzgeber angefangen hat, die Steuer schrittweise dem Niveau von Mineralöl-basierten Kraftstoffen anzugleichen. Mit der Folge, dass Biodiesel kaum noch wettbewerbsfähig ist und etliche Ölmühlen insolvent geworden sind.

Würde der Biosprit als Biodiesel, Bioethanol oder Sunfuel an eigenen Säulen ausgeschenkt und mit einem ermäßigten Steuersatz belegt werden, würden allerdings die zwei mächtigsten Akteure in die Röhre blicken: Der Staat, weil er geringere Einnahmen hätte und die deutsche Autoindustrie, die den 10-Gramm-Rabatt auf die CO2-Emissionen dringend braucht.

Von Christoph M. Schwarzer
 
 
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