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16. Oktober 2007, 09:42 Uhr

Der weiß-blaue Bummel-Palast

Auto-Abholen als Erlebnis. Bei diesem Thema fuhr BMW hinterher. Nach drei Jahren Bauzeit weihen nun endlich auch die Münchner ihre Auto-Kathedrale ein. Das Beste: Die erlebnisreiche Schlüsselübergabe kommt teurer als die alte Überführung. Von Axel F. Busse

Über einem Doppelkegel mit transparenter Fassade scheint ein Wolkendach zu schweben© ddp

Die Überführungspauschale, vielen Autokäufern ist sie ein Ärgernis. Zähneknirschend haben sie sich vom Händler dieses und jenes Extra aufschwatzen lassen, am Ende gibt es dann noch einen tüchtigen Nachschlag: Die Überführungskosten. Kosten dafür, dass die Ware überhaupt am Ort ist.

Da muss mancher schlucken. Sparsame und Reiselustige gingen dazu über, ihr Auto selbst beim Werk abzuholen. Rund 45.000 jährlich sind es heute bei BMW in München, also jeden Werktag rund 180. Bei anderen Herstellern sieht es kaum anders aus. Auf die Dauer sieht es ein bisschen armselig aus, den Kunden einfach nur den Zündschlüssel in die Hand zu drücken und freundlich hinterher zu winken. Zu verdienen war daran auch nichts, also sannen die Verantwortlichen auf Besserung - die Geburtsstunde der Auto-Welten.

Kostspielige Ereignis soll ihm in angenehmer Erinnerung

Jede Firma, die etwas auf sich hält, bietet die Fahrzeugübergabe heute als individuelle Inszenierung an. Das für den normalen Privatkunden ebenso seltene wie kostspielige Ereignis soll ihm in angenehmer Erinnerung bleiben. Gleichzeitig werden die Besucher unter informationelles Dauerfeuer genommen, Technik und Unternehmensphilosophie werden mittels Multimedia-Einsatz zu einem Bestandteil des Gesamtkunstwerks Auto aufgemotzt.

BMW-Welt aus 55.000 Kubikmetern Beton und 14.500 Quadratmetern Glasfläche© ddp

Die Autostadt Wolfsburg entstand vor diesem Hintergrund, das Audi-Forum in Ingolstadt oder die Opel-Welt in Rüsselsheim bieten ebenfalls Unternehmens-Historie und Werkbesichtigungen garniert mit Ausstellungen, Musik- und anderen Kulturdarbietungen. Und nun also die Bayerischen Motoren Werke. In unmittelbarer Nähe des 1973 eröffneten BMW-Museum und des vom Volksmund "Vierzylinder" getauften Bürogebäudes - es steht seit 1999 unter Denkmalschutz - ist für einen dreistelligen Millionenbetrag eine kühne Glas- und Stahlkonstruktion realisiert worden. Seit der Grundsteinlegung am 16. Juli 2004 wurden rund 55.000 Kubikmeter Beton verbaut und 14.500 Quadratmeter Glasfläche montiert.

Transparente Fassade und schwebende Wolke

Über einem charakteristischen Doppelkegel mit transparenter Fassade scheint ein Wolkendach zu schweben, das zwar rund 4000 Tonnen wiegt, aber nur von elf Pendelstützen getragen wird. Mit rund 16.500 Quadratmetern ist die Dachfläche etwa so groß wie der gesamte Ausstellungsbereich des Mercedes-Museums in Stuttgart mit seinen neun Ebenen. Architekt Wolf D. Prix zu seinem Projekt: "In den ersten Entwürfen sind noch viele Stützen zu finden, aber um dem Gedanken einer schwebenden Wolke näher zu kommen, wurden es im Laufe der Zeit immer weniger."

Rund 13 Meter Raumhöhe im Innern und Platz für 300 Gäste erlauben kulturelle Darbietungen vor großer Kulisse, eine 800 kW-Solaranlage auf dem Dach beruhigt das ökologische Gewissen. Trotz der Bombast-Inszenierung aus Glas und Beton soll jedoch etwas anders im Mittelpunkt stehen: Der Kunde und sein dringender Wunsch nach neuer Mobilität. Für soviel Auto-Gaudi will BMW Bares sehen. Die Fahrzeugübergabe mit Event-Charakter kostet 457 Euro – Familienanreise und Übernachtung sind nicht mit inkludiert. Also alles andere als ein billiges Vergnügen, jedoch bekommt der Besucher dafür ein Schauspiel geboten, das bereits drei Wochen vor dem eigentlichen Auslieferungstermin seine Ouvertüre erlebt und alle Sinne anspricht.

Neuwagen aus dem Tagesspeicher

Spätestens 21 Tage vor dem Besuch in München hat der Kunde nämlich ein so genanntes Abholerpaket bekommen, das unter anderem eine spezielle Tasche für die Fahrzeugkennzeichen beinhaltet. Besonders ungeduldig sollte der Käufer nicht sein, wenn er dann in der BMW-Welt angekommen ist, denn das Briefing über die Produkteigenschaften, die multimediale Probefahrt mit 3-D-Animation und der eventuelle Besuch in den diversen Material- und Desgin-Werkstätten nehmen wenigstens zwei Stunden in Anspruch. Unterdessen ist sein Fahrzeug in dem so genannten Tagesspeicher angekommen, einem verglasten Regallager im Untergeschoss, in dem aus Brandschutzgründen der Sauerstoffgehalt der Luft auf 14,5 Prozent reduziert ist. Während der Abholer der Sekunde der Schlüsselaushändigung entgegen fiebert - mittlerweile befindet er sich mit seinem speziellen Betreuer auf einer fünf Meter über der Plaza gelegenen Rampe - nimmt der BMW-Fotograf Aufstellung, um das Ereignis für die Nachwelt zu konservieren.

Wer die Abholung des Wagens als Familienausflug erleben will, findet in der BMW-Welt natürlich die entsprechenden Angebote für Ablenkung und Kurzweil. Im "Junior Campus" werden Themen wie Energie, Antriebe, Verkehr und Umwelt von pädagogisch geschultem Personal so aufbereitet, dass die Kids spielen und ausprobieren, konstruieren und testen können. Und zur Erinnerung gibt es noch ein Diplom obendrauf. Allen Besuchern steht freilich das Technik- und Designatelier offen, das auf rund 800 Quadratmetern Fläche eingehend über verwendete Materialien, ihre Bearbeitung und deren Einbau informiert.

"Einblicke in unsere Welt und unsere Philosophie"

Um die neue Begegnungsstätte am 1922 eingerichteten Unternehmenssitz auch noch als Anziehungspunkt für eine kulturell orientierte Kientel zu etablieren, werden Kino und Konzerte sowie drei bis vier wechselnde Ausstellungen jährlich das Angebot vervollständigen. Zum Festakt mit rund 800 geladenen Gästen am Mittwoch, 17. Oktober, wird ein Ensemble der Bayerischen Staatsoper der feierlichen Würde musikalisch Ausdruck verleihen. In der neuen BMW-Welt, sagt Vorstandschef Dr. Nobert Reithofer, "zeigen wir nicht nur unsere Leidenschaft für Automobilbau, sondern bieten tiefere Einblicke in unsere Welt, unsere Philosophie, unsere Vergangenheit und Zukunft."

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Anfahrt Von Münchner Hauptbahnhof:
U-Bahn U4/5: bis Odeonsplatz, umsteigen in die U3 bis Endstation Olympiazentrum (Fahrtzeit ca. 20 Minuten)
Von Flughafen München:
S-Bahn 1 oder 8 bis Marienplatz, umsteigen in U3 bis Endstation Olympiazentrum (Fahrzeit ca. 70 Minuten)
Von der Innenstadt:
U-Bahn U3 bis Endstation Olympiazentrum (Fahrzeit ca. 20 Minuten)
In der Umgebung des Komplexes stehen etwa 6000 Parkplätze zur Verfügung.

Von Axel F. Busse
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
bR4iNST0RM (16.10.2007, 18:13 Uhr)
Oh weh!
Was hat sich da BMW wieder einfallen lassen. Schlechter geht’s nicht! Wer zu diesen Neuwagenpreisen nochmals knapp 500 Euro für „mediale Beschallung“ über hat, hat eindeutig zu viel Geld. Gesetzt dem Fall, dass ich mir einen BMW neu kaufen könnte, würde ich auch die Überführungskosten zum Händler ausschlagen wollen, aber mit solch einem übertriebenen Spektakel ist das keine Alternative. Hin, Schlüssel, Auto, Weg. So stell ich mir die Übergabe vor Ort dann vor. Was bringt da noch die „virtuelle Probefahrt“, oder der Moment der Schlüsselübergabe via Fotograf protokolliert? So ein Blödsinn! Zumal dieser Infozirkus einigen Käufern mit Sicherheit keinen Deut interessiert. Damit hat BMW bewiesen, dass nicht der Kunde im Mittelpunkt steht, sondern das „Branding“ der eigenen Marke.
CheSmittyVara (16.10.2007, 16:03 Uhr)
Mercedes obenauf
Habe mir soeben die Bildergalerie angeschaut: auf jedem Bild ein Pop-Up von Mercedes!
Tolle Idee, zahlt da Mercedes des doppelten Preis?
CheSmittyVara (16.10.2007, 15:59 Uhr)
Teurer Spass
Jetzt fahre ich seit 26 Jahren fast durchgehend BMW und habe mich immer (seit ich mir Neuwagen leisten kann) über die Überführungskosten geärgert, weil es das bei keinem anderen Produkt der Welt gibt, dass ich dafür zahle, dass mein Auto zum Händler (!), nicht zu mir nach Hause, gebracht wird.
Und jetzt soll ich umständlich mit der Bahn anreisen (oder mit einem zweiten Auto), die Protzarchitektur der im Geld schwimmenden BMW AG (vom Verkauf der Autos, u.a. an mich) bewundern und noch mehr bezahlen? Die spinnen, die BMWler. Bei den abgehobenen Preisen, die sie verlangen, müsste ein solches Event bei Neuwagen inklusive sein. Bei Politikern ist es das sicher, zusätzlich zum kostenlosen oder bezuschussten Auto.
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