Immer links trotz Rechtsfahrzwang

28. Mai 2009, 14:30 Uhr

Die linke Spur der Autobahn ist eine reine Überholspur. Aber in der Praxis gibt es so viele Ausnahmen, dass von der freien Fahrt für die ganz Schnellen kaum etwas übrig bleibt. Wer glaubt, durch Schleicher genötigt zu werden, irrt meist, erklärt Rechtsanwalt Christian Demuth.

Rechtsfahrzwang

Der Schrecken aller Schnellfahrer: Lkw machen zwei Spuren "dicht", die langsamen Pkw weichen auf die linke Spur aus©

Es wird gern missachtet und lässt mehr Ausnahmen zu, als man denkt: das Rechtsfahrgebot. Nur, wenn auf dem rechten Fahrstreifen über eine längere Distanz niemand fährt, greift das gesetzliche Rechtsfahrgebot tatsächlich. Schnellfahrer wollen es allerdings nicht immer hinnehmen, dass die linke Spur dauerhaft von Fahrern mittlerer Geschwindigkeit blockiert wird. "Das ist ein häufiger Einwand, dass Drängler und Schleicher in einen Topf geworfen werden. Wenn jemand beschuldigt wird, einem anderen zu dicht aufgefahren zu sein, kommt es fast wie ein Reflex: Was hat der denn auch auf der linken Spur zu suchen", sagt Rechtsanwalt Christian Demuth. "Auf den ersten Blick ist das nicht einmal ganz falsch. Die linke Spur ist als Überholspur gedacht, und die ist nach dem Überholvorgang zu räumen."

Was ist Überholen?

Aber die Frage, was ein Überholvorgang ist, ist dehnbar. Nicht definiert ist zum Beispiel, um wie viel schneller man fahren muss, um zu überholen. Das soll zwar "zügig" geschehen, aber auch Lkw können einander mit nur wenigen km/h Differenz überholen. "Auch wann man nach dem Überholvorgang wieder rechts rüber muss, ist nicht genau geregelt. Ein Springen oder ein Fahren in gestreckter Schlangenlinie ist nicht notwendig. Da besteht ein Beurteilungsspielraum Die Rechtssprechung spricht davon, dass man mit bestehender Geschwindigkeit mindestens 20 Sekunden lang fahren sollte, bevor das nächste Hindernis auftaucht." Maßstab ist eben nicht, ob es eine Lücke gibt, in die man fahren könnte, um einen Schnelleren vorbei zulassen, sondern ob die Lücke für den Langsameren zumutbar ist.

Wenn die Lücken länger werden

Einen festen Abstandswert gibt es daher nicht. Je schneller man fährt, umso länger wird die zumutbare Lücke. Fährt man 50 km/h schneller als die Lkw auf der rechten Spur muss die Lücke etwa 300 Meter lang sein - das ist die Strecke von sechs Pfosten auf der Autobahn. Findet sich so eine Lücke nicht, handelt es sich um einen "fortgesetzten" Überholvorgang. Bei den bekannten Hahnenkämpfen auf der Autobahn im Geschwindigkeitsbereich über 180 km/h werden die zumutbaren Lücken lang und länger.

Tempolimit für eine Spur

Dazu gibt es eine weitere Ausnahme: Ist bei drei Fahrstreifen einer Autobahn, die in die gleiche Richtung gehen, der rechte mit einem Tempolimit versehen, so dürfen Verkehrsteilnehmer, die schneller fahren, durchgängig den mittleren Fahrstreifen benutzen. Niemand muss dann auf die freie rechte Spur wechseln. Wer aber dort fährt, muss das Tempolimit einhalten.

Kein Reißverschluss für Rückkehrer

Aber auch wer von der rechten Spur wieder auf die Überholspur will, hat keineswegs Vorfahrt. "Der Verkehr auf der der schnelleren Spur hat grundsätzlich Vorrang. Viele glauben, hier gelte das Reißverschlussverfahren. Das stimmt nicht. Niemand muss bremsen, damit jemand bequem rüber fahren kann. Das gleiche gilt übrigens auch bei Autobahnauffahrten."

Hier haben die Schnellen zunächst einen Vorteil, der aber eng definiert ist und nicht überzogen werden darf. Der grundsätzliche Vorrang des schnelleren Verkehrs gilt nur beim eigentlichen Spurwechsel. Ist der Spurwechsel bereits abgeschlossen, ist dieses Privileg verloren. Dann befindet sich ein langsameres Fahrzeug auf der linken Spur. Plakativ gesagt: Wer jetzt dem langsameren Vordermann hinten rein fährt, baut einen Auffahrunfall, und kann sich nur in echten Notfällen auf den Vorrang seiner Spur berufen.

Meist keine Nötigung

"Wenn es dann passiert, dass der Schnellere herunterbremsen muss, kommt schnell die Idee auf: "Der hat mich genötigt"", so Demuth. "Das ist juristisch extrem hoch gegriffen. Eine Nötigung liegt nur vor, wenn der schnellere Fahrer Angst um Leib und Leben haben musste. Das muss daher eine echte Notbremsung sein. Der Fakt allein, dass es nicht so schnell weiterging, wie gewünscht und man bremsen musste, macht eben keine Nötigung aus."

Kommt es zu einer juristischen Auseinandersetzung können die Schleicher einen entscheidenden Vorteil nutzen. Sie behaupten einfach, nicht aufmerksam gewesen zu sein. Eine Absicht ist dann nur selten nachzuweisen. Wer aber einen anderen hinten auffährt und mit der Lichthupe traktiert, kann sich kaum auf ein Versehen herausreden.

Aber wer bei freier rechter Spur gegen das Rechtsfahrgebot verstößt und einen anderen behindert, kassiert ein Bußgeld von 80 Euro und einen Punkt in Flensburg. Einziges Problem: Wann ist die rechte Spur wirklich einmal frei?

Gernot Kramper mit "www.straffrei-mobil.de"

Mit Informationen von

Mit Informationen von straffrei-mobil.de bietet Orientierung im verwirrenden Dickicht des Verkehrsrechts und des Strafrechts. Die Seite wird von Rechtsanwalt Christian Demuth, Düsseldorf, und Rechtsanwalt Uwe Lenhart, Frankfurt, betrieben.

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KOMMENTARE (10 von 37)
 
Knuffiman (13.06.2009, 08:44 Uhr)
t-flower, nein sind sie nicht,
der ist so. am liebsten würde er den stern oder den kofferraumdeckel des daimlers, der ihn überholen will, haben von wegen der umverteilung von reich nach arm.
interpolantics (13.06.2009, 08:38 Uhr)
RE: Abgesehen davon...
Das Hauptproblem am Tempolimit von 100km/h auf den Landstraßen ist, glaube ich, dass manche es als "normale" Geschwindigkeit betrachten, die jeder in jeder Kurve beherrschen kann und immer voll ausgefahren werden sollte. Das manche dazu nicht in der Lage sind und das Tempolimit lediglich den erlaubten Maximalwert darstellt, zeigt sich in der Unfallstatistik.
ganzbaf (12.06.2009, 16:35 Uhr)
Abgesehen davon...

gibt es kein "Rechtsfahrzwang", nur ein Rechtsfahrgebot ;-)
.
Außerdem sind die Tempo 100 auf Landstraßen deutlich zu hoch.
Ich würde auf 70 bis maximal 80km/h plädieren...;-?
JackDaniels78 (12.06.2009, 14:12 Uhr)
ignorante Schleicher
Ich fahre täglich 200 km zur Hauptberufszeit über die A3 im Ruhrgebiet. Seit Jahren. Und dabei kann man eindeutig feststellen, die meisten schlechten Autofahrer sind die Schleicher. Die meisten sog. Raser passen wenigstens auf. Aber diese elendigen Schleicher:
- Stur mit 120-130 auf der mittleren Spur.
- Können keine Geschwindgkeiten einschätzen, ziehen einfach links rüber. Autos die 200 fahren scheint es nicht zu geben.
- selbsternannte Verkehrspolizisten die die linke Spur blockieren und keinen vorbei lassen, weil sie ja schon 120 fahren und mehr wäre ja unverantwortlich.
- Schlimm sind auch unsichere Frauen. Einmal ist eine mit 40 auf die Autobahn aufgefahren. Weil die unsicher war. Führerschein wegnehmen! Das war für mehrere Leute lebensgefährlich.
- Ich fahre auf der linken Spur mit einem PS starken Auto hinter ner untermotoriserten Karre her. Dem Fahrer sieht man schon an das der aus Prinzip noch nie in nem etwas schnelleren Auto gesessen hat (Strickpuli, Bart, Brille, wahrscheinlich Lehrer). Ne Lücke von 200 Meter, wo der mal nach rechts fahren würde, reicht mir ja vollkommen zu überholen. Aber die kapieren es nicht, das es Autos mit schneller Beschleunigung gibt. Wird dann gerne von mir rechts überholt!
Alle die Leute die hier entspannt Autofahren wollen, hasse ich! Die schlafen fast ein, hören Hörspiele, hinderen mich am weiterkommen durch ihr entpanntes hingleiten auf der Autobahn.
Übrigens Drängler hasse ich auch. Ihr werdet mich trotzdem alle als miesen Autofahrer beschimpfen, weil keiner der das nicht täglich 2 Stunden miterlebt, kann das verstehen. Und ja, ich bin umweltfreundlich. mein Auto verbraucht 6,5 Liter bei 180 auf der Bahn. Wahrscheinlich weniger als die ganzen Schleicherkarren.
Massnahmen:
-Keine Autos unter 100 PS auf der linken Spur bzw. Mindestgeschwingkeit beim wechseln auf die Linke Spur: 160 KMH
- Keine Fahranfänger auf der Bahn
- Benzin muss deutlich teurer werden
- Fahrverbot von LKW und Rentner während der Rushhour auf stark befahren Autobahnen
Und alle die jetzt wieder denken. Wie kann man nur so schnell fahren, unverantwortlich, blabläblubb:
Ich fahre seit 15 Jahren unfallfrei und tut euch den gefallen, leiht euch mal nen schönen Porsche, A6, 540i. Dann versteht jeder das 180 ne sehr angenheme Reisegschwinbdigkeit sein können.
acitapple (12.06.2009, 14:12 Uhr)
@s-achte:volle zustimmung
rücksicht ist wirklich der schlüssel für einen ordentlichen strassenverkehr. wenn einer einschert um die schnellen vorbei zu lassen, dann aber über mehrere km einfach nicht rausgelassen wird, dann wird er es sich beim nächsten mal gut überlegen, ob er wieder so "grosszügig" sein wird oder ob er weiter stur links fährt. ist auch nachvollziehbar...
ich bin auch schon in den usa gefahren. anfangs hatte ich meine zweifel am tempolimit, aber nach einigen tagen hat man sich dran gewöhnt und es läuft viel entspannter. niemand drängeld oder rast und auch an schwierigen kreuzungen wird man rausgelassen, während einem in deutschland an so einer kreuzung der sprit ausgeht. trotzdem hätte ich gerne die möglichkeit schneller zu fahren, wenn ich es mal eilig habe...
ganzbaf (12.06.2009, 14:03 Uhr)
Ganz (fast) ohne Regeln...

funktioniert auch! Siehe "Shared Space" Konzepte.
Klappt aber nur im städtischen Bereich mit den entsprechenden baulichen Maßnahmen.
.
Auf BABs brauchen wir nötig ein Tempolimit, zum Austoben sollte man besser auf die Rennstrecke gehen.
S-achte (12.06.2009, 12:45 Uhr)
Immer das Gleiche
Alles in Allem ist's immer das Gleiche: Je mehr reguliert wird, desto weniger Eigenverantwortung übernimmt der Einzelne, desto rücksichtsloser, aber rechthaberischer wird gefahren. Das gilt für Stadtverkehr wie für Autobahn und alles dazwischen.
Wir haben kein Raserproblem oder Linksschnarcherproblem, o. ä., wir haben ein Problem der mangelnden Um- und Rücksicht.
Ach, und btw: Das gilt auch für andere Verkehrsteilnehmer, wie z. B. Radfahrer und Fußgänger.
Ach und nochwas: Das Ganze juristisch zu beleuchten, mag zwar im Streitfall sachdienlich sein, ist aber meines Erachtens für den gemeinsamen Umgang auf der Straße nicht zielführend, weil: siehe oben.
Lou123 (12.06.2009, 12:38 Uhr)
@michianso
Richtig. Das Tempolimit machts alles ein wenig angeglichener. Ich war letztes Jahr in den USA und bin ca. 3000 oder 4000 Km gefahren. Und das noch nie so entspannt...
.
Tempomat rein und gut is. Schon bewegt sich die Autoschlange ganz harmonisch, schmerzfrei und von Raserattaken verschont.
Mindsplitting (12.06.2009, 11:30 Uhr)
Raser/Schleicher
Also ich fahre auch gerne Schnell, also um die 200. ICh rege mich auch auf wenn ich ausgebremst werde weil jemand pennt und nicht rechts rüber fährt.
AAABER: Das gibt einem doch nicht das Recht zu dicht aufzufahren und zu drängeln -.-
Nur weil jemand anders Fehler macht ist das keine Rechtfertigung für so ein Risiko, ab und an muss man halt mal ins Lenkrad beissen und Ruhe bewahren.
Abgesehen davon gibt es in Deutschland jährlich zahlreiche Führerscheinfrischlinge, auch mal daran gedacht was in denen vorgeht wen so ne dicke Karre hinter denen hockt und auffahren würde wenn was passiert. Lasst dem Alten Fiat vor euch mal nen Reifen platzen, dann gibt es Tote...
Also ich mag es schnell zu fahren, wenn es möglich ist, ist es das nicht, habe ich pech gehabt. Denn in der STvO steht auch "Die Geschwindigkeit ist an die Witterung, die Straßenverhältnisse und dem Verkehr angemessen anzupassen" (so oder so ähnlich)
Fertig.
DANJOST (12.06.2009, 10:45 Uhr)
Blinken...
Auch ich rege mich immer wieder auf, wie wenige Autofahrer blinken. Gerade im Stadtverkehr, wo es ja auch immens wichtig ist. Auf der Autobahn stelle ich es auch immer wieder fest, hier aber auch die gewohnten Mittelspurfahrer, ätzend!!! Und wenn man dann links überholt und scharf rechts rüber zieht, sieht man nur verwunderte Blicke...
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