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28. April 2010, 15:15 Uhr

"Wir sind kein Höllenkommando"

Nach dem tödlichen Unfall eines Mercedes-Testwagens auf der A81 stehen die Fahrer der oft rasend schnellen Autos in der Kritik. Dabei seien die Könner unter den Testern ideale Autofahrer, souverän und verantwortungsvoll, schreibt Dirk Vincken, ehemaliger Test- und Erprobungsfahrer. Aber auch sie machen Fehler.

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Strecken wie die Nordschleife sind der Arbeitsplatz der Testfahrer© BMW

Testfahrer – ein Traumjob für jeden richtigen Mann, das Berufsziel eines jeden wahren Jungen. Ein Job, bei dem echte Helden das tun dürfen, was sie am besten können: Mut beweisen, Abenteuer bestehen, Gefahren meistern. Bewundert werden, weil sie das tun, was andere sich nicht trauen. Rasen und schleudern, bis die Physik kapituliert.

Ist das wirklich so? Der Job des Testfahrers ist so vage umschrieben und klischeehaft in den Köpfen verankert, dass jede Negativ-Schlagzeile ein "Typisch!" oder "Na klar, wieder diese Rowdies auf Firmenkosten" entlockt. Der Testfahrer, ein Zwischending zwischen Held der Straße und Gesetzesbeuger? Wenn ein Testfahrer in den Medien auftaucht, ist die Schlagzeile immer negativ. Dann ist ein schwerer Unfall passiert. Das geschieht zwar zigtausendfach auf unseren Straßen, jeden Tag rasen Autos in andere hinein, hat ein Mensch versagt, ein anderer das makabre Zufallsspiel verloren, die Technik nichts mehr retten können. Doch sobald ein Testfahrer beteiligt ist, ist die Schuldfrage "irgendwie von vorneherein klar": Der Mann hat einfach zu viel Gas gegeben, der hat’s übertrieben, und andere müssen dafür ins Gras beißen. Wer stoppt endlich diese wild gewordenen Asphalt-Cowboys?

Ein Unfall schädigt das Ansehen einer ganzen Gruppe

Als "Turbo-Rolf" wurde ein Mercedes-Testfahrer bekannt, der eine junge Mutter auf der Autobahn mit seinem schnellen Oberklasse-Testwagen so sehr bedrängt und erschreckt hat, dass sie in Panik die Kontrolle über ihren Kleinwagen verlor und ihr Leben und das ihres Kindes ein schreckliches Ende fand. Testfahrer gelten seit "Turbo-Rolf" als Berufs-Raser mit scheinbarem Immunitäts-Pass. Immer gedeckt von ihrem Auftraggeber und immer eher ein "bedauerlicher" Einzelfall. Tatsache ist: Ein professioneller Testfahrer ist nicht jemand, der bei Mercedes, VW oder Porsche anklopft und Minuten später den Werkshof mit dem neuesten Modell oder gar einem Erlkönig verlässt. Ein Profi-Tester hat meist eine Ingenieurs-Laufbahn hinter sich und verfügt über überdurchschnittliches Fahrtalent. Sei es, dass er einfach talentiert ist, sei es, dass er sich die Beherrschung eines Fahrzeugs im Grenzbereich über Jahre angeeignet hat, etwa auf Rennstrecken oder in speziellen Kursen. Testprofis werden aber noch nach ganz anderen Kriterien von den Auto- oder auch Reifenherstellern ausgesucht: Sie müssen charakterlich stark sein, verantwortungsbewusst, vorbildlich im Straßenverkehr und in der Präsentation der Marke in der Öffentlichkeit, sicher in der Entscheidung in brenzligen Situationen. Im Prinzip also der ideale Autofahrer? Klares Ja. Ausnahmen leider nicht ausgeschlossen.

Brav, bieder – stinknormal

Ein Testfahrer ist ein völlig unauffälliger Typ. Er sieht nicht besonders cool aus, eher bieder, trägt lässige, bequeme Kleidung und liebt seine Familie. Wie viele andere international Reisende hängt er Stunden in muffigen Flughafen-Warteeräumen ab. Passiert er dann aber auf dem abgesperrten Testgelände in Texas oder auf dem heimatlichen Nürburgring die rot-weiße Schranke, die jeden Privatier in der Woche kategorisch abweist, wird er wenige Meter später zum Rennfahrer, zum Kurvenkünstler und Auto-Beherrscher. Das muss er auch, denn nur wenn er sich nicht auf die Beherrschung des Autos konzentrieren muss und ihm die Aktionen an Lenkrad, Gaspedal und Bremse wie im Schlaf von der Hand gehen, fallen ihm all die Dinge auf, die am seriennahen Auto noch nicht so sind, wie die Entwickler sich das wünschen.

Das Lenkgefühl ist noch nicht direkt genug, die Hinterachse macht noch Geräusche beim kraftvollen Beschleunigen, die Reifen könnten noch etwas mehr Grip in engen Kurven entwickeln. Greift das ESP doch etwas zu spät ein? Ist der Bremsweg aus Tempo 100 endlich unter 38 Meter? Tag für Tag spulen diese Profis ihr Programm ab, spektakulär, regelmäßig, unauffällig. Den Körper in den Sitz gepresst, Ellbogen und Knie abgestützt, die Füße tänzeln virtuos auf den drei Pedalen. Sie lesen Daten aus, füttern fest verzurrte Laptops auf dem Beifahrersitz, kalibrieren Messfühler, diskutieren mit den Konstrukteuren. Abends schmerzt der Rücken. Schatz, bringst Du auf dem Heimweg noch etwas H-Milch mit? Und komm nicht wieder so spät.

Berufskrankheit Rückenschäden

Der eigentliche Testfahrer fällt nie auf, weil er sich stets auf abgesperrten Strecken und Geländen bewegt. Die Öffentlichkeit bekommt nicht mit, wenn auf der Rennstrecke, in der Wüste, auf dem abgesperrten Winterpass oder im Windkanal Mensch und Maschine an ihre Grenzen gehen. Es ist ein Traumjob, keine Frage, aber auch ein Knochenjob. Kaum ein Testfahrer gibt seinen Beruf vorzeitig auf, es sei denn, aus körperlichen Gründen. Wer permanent im Auto hin- und her geworfen wird oder hundertfach in den Sicherheitsgurt gepresst wird, wird zwangsläufig zum Dauerkunden des Orthopäden.

Etwas anders sieht das außerhalb dieser gut gehüteten und hermetisch abgesicherten Areale aus. Verlässt ein Testfahrer das Werksgelände und biegt auf die A81 oder A4 oder die B10 ein, muss er sich selbst zum Versuchsfahrer reduzieren. Eine Stufe tiefer. Und doch von ganz anderem Kaliber. Denn jetzt gilt die Straßenverkehrsordnung, die besagt, dass keiner den Umständen nach gefährdet, behindert oder sonst wie in Bedrängnis gebracht werden darf. Paragraf 1 dieser StVO gilt für jedermann, auch für noch so schräg vermummte Erlkönige und deren Fahrer. In ganz besonderem Maße sogar. Jetzt sind diese Versuchsfahrer nämlich Repräsentanten ihres Auftraggebers. BMW oder Audi oder Opel setzen darauf und trainieren ihre Fahrer so, dass sie vorbildlich und unauffällig unterwegs sind. Gleichzeitig sollen die Versuchsfahrzeuge unter "ganz normalen Bedingungen wie eben auf der öffentlichen Straße" zeigen, was sie können und was noch nicht. Kundennahe Erprobungsfahrt heißt so etwas. Unverzichtbar ist das. Und legal.

Versagen auf dem ur-eigenen Terrain

Warum jüngst auf der nicht limitierten A81 ein M-Klasse-Versuchsfahrzeug so schnell unterwegs sein musste, dass es in ein Unfallfahrzeug hineinraste und dieses völlig zerstörte – das lässt sich nicht pauschal mit "typisch Testfahrer" oder "schreckliches Unglück, aber eins von vielen" abfertigen. Testfahrten sind nicht bereifte Höllenkommandos, die wahllos harmlose Zivilisten von der Bahn fegen. Ihre Piloten fallen aber per se auf, wenn sie in einen Unfall verwickelt sind. Mehr als fast jede andere motorisierte Berufssparte. Sie hätten es doch "besser wissen und auch können müssen". Ein Testfahrer, der auf dem Asphalt versagt? Wie kann das sein, die können es doch! Statistisch betrachtet gibt es sicher mehr Bäcker oder Sekretärinnen, die in ähnlich leidvolle Unfälle verwickelt sind. Doch wer würde für sie einen besonderen Verhaltenskodex fordern, wie es Bundesverkehrsminister Ramsauer für Testfahrer jetzt populistisch und Volksmeinung nachplappernd forderte?

Kein typischer Test-Unfall

Die große Masse der Test- und Versuchsfahrer verhält sich so, wie wir es zu Recht erwarten: besonnen, verantwortungsvoll, diszipliniert. Doch Unfälle geschehen, weil unglückliche Umstände dazu führen. Manche hätten vermieden werden können. Doch hätte besagter schrecklicher Unfall auf der A81 nicht mit jedem anderen Verkehrsteilnehmer genau so passieren können? Nun geraten die Testfahrten der Automobilkonzerne wieder in die öffentliche Kritik, insbesondere Mercedes steht in der Schusslinie. Die Unternehmensleitung ist zerknirscht, bemüht sich um Sachlichkeit und Aufklärung. Und wird sich künftigen Diskussionen dieser Art kaum mehr aussetzen wollen. Erlkönigfahrten auf öffentlichen Straßen werden mit Sicherheit weniger werden. Der moralische Druck auf die Fahrer wird sicher noch stärker. Auch auf die, die nur ihren ganz normalen Job machen.

Der Autor Nach dem Abitur sammelte Dirk Vincken ein paar Jahre Erfahrungen in der Deutschen Rallyemeisterschaft, studierte danach Maschinenbau mit Schwerpunkt Kfz-Technik. Ging als Dipl.-Ing. 1988 bei Continental in die Reifenentwicklung und wurde dort zum Handlingfahrer ausgebildet. Er wechselte 1995 zum Motorjournalismus und hat bei der Auto Zeitung jahrelang den Reifentest geleitet. Vincken hat dabei immer Autos getestet und im Grenzbereich bewegt und war in all den Jahren in keinen nennenswerten Unfall verwickelt. Dirk Vincken beschreibt sich privat eher als "langweiligen" Fahrer. Passend dazu sein derzeitiges Auto: VW Bus

Dirk Vincken
 
 
KOMMENTARE (10 von 52)
 
habe_zeit (01.05.2010, 12:13 Uhr)
Die Testfahrer...
welche ich auf den verschiedenen BABs sehe, fahren eher defensiv.
Ich sehe öfter irgendwelche Erlkönige oder zumindest getarnte Fahrzeuge auf den Autobahnen. Diese bewegen sich eben nicht, wie manche das scheinbar vermuten auf der linken Spur mit hohem Tempo, sondern fahren eher defensiv.
Und ich habe noch keinen erlebt, welcher rast oder drängelt.
Das sind leider, mal in den Rückspiegel schauen, nicht mehr Oberklassewagen, sondern Passat oder o.ä.

ganzbaf (30.04.2010, 10:22 Uhr)
Gerade mal recherchiert

Die weltweit einzigen Länder ohne Limits:

Afghanistan, Bhutan, Haiti, Libanon, Myanmar, Nepal, Nordkorea, Somalia.

Allerdings haben die auch alle höchstens ein paar dutzend Kilometer Highways oder die Straßen sind in einem solch desolaten Zustand, dass sich jedes Limit von selbst erübrigt ;-D
ganzbaf (30.04.2010, 10:14 Uhr)
@jomimo

Auf der ganzen Welt gibt es sonst keine Tempolimit auf Autobahnen.
Oder halt; Ich glaube in Afghanistan haben sie keins...;-S
jomimo (30.04.2010, 00:53 Uhr)
Tempo 120 ..
auf Autobahnen und Tempo 90 auf Bundesstraßen in D wäre toll und end lich eine Angleichung an EU.

Die schnellen Autos werden doch schon ewig in USA , dem Land der Geschwindigkeitsbegrenzung, gut verkauft.

Und in EU gibt es nirgendwo eine Lizens zum Rasen, nur in D .

Tempolimit in D !!
Kauz01 (29.04.2010, 21:35 Uhr)
Landstraße 120?
Rechnen wir mal kurz was bei 120 statt 100 so passiert. Hier ist die Führerschein-Faustformel ganz gut geeignet:
Anhalteweg bei 100:
30 Meter Reaktionsweg + 100 Meter Bremsweg macht 130 Meter Anhalteweg.
Anhalteweg bei 120:
36 Meter Reaktionsweg + 144 Meter Bremsweg macht 180 Meter Anhalteweg.
Bei 120 hab ich also einen um 50 Meter längeren Anhalteweg.
Schauen wir mal, wie schnell man sein muss um noch 50 Meter mehr Bremsweg zu brauchen. (Das ist natürlich das Tempo, das man noch fährt, wenn man bei Ausgangsgeschwindigkeit 100 schon stehen würde):
Faustformel rückwärts sagt, dass ich aus den 50 (Metern) die Wurzel ziehen muss und dann mit 10 multiplizieren. Damit ist die Restgeschwindigkeit, die ich noch habe, wenn ich bei 100 stehen würde 71 km/h - bei Aufprall bedeutet dieses Tempo den Tod.
Jeder darf gerne nachrechnen oder auch nachfragen.
Wer meint, dass die Faustformel nicht passt:
Die Reaktionszeit ist bei der Faustformel mit weniger als eine Sekunde angesetzt. In dieser Zeit muss man unter anderem den Fuß vom Gas zum Bremspedal bewegen und enthalten ist auch die Zeit, die die Bremsklötze brauche um sich an die Bremsscheibe anzulegen.

Bei höherer Bremsverzögerung (Bremswag von 100 auf 0 in 40 Metern oder noch weniger), also guter Fahrbahnbeschaffenheit ist die Restgeschwindigkeit übrigens höher als oben berechnet.

Wollte ich mal so in den Raum stellen. Ist nicht meine Meinung, sondern Physik, die niemand ändern kann.

Grüße vom Kauz01
Turboper (29.04.2010, 18:39 Uhr)
@ganzbaf und @Jerk
1.) Nur 30 bis 40% der Deutschen Autobahnen haben ein kein Tempolimit.
2.) 60% aller Unfälle geschehen auf Landstraßen aufgrund falsch eingeschätzer Streckenführung und unangepasster Geschwindigkeit.

Ich habe auch einen Daimler. Der ist 20 Jahre alt und hat 75PS. Von 0 auf 100 km/h benötigt er nach Herstellerangabe 20 Sekunden. - Diese Fahrleistungen sind aus heutiger Sicht nicht mehr "zeitgemäß", aber dafür der Verbrauch: 6,3 Liter/100 km.
- Ich fahre bisher unfallfrei und defensiv!

Warum ist aber die Qualität dieser Autos sehr gut? Weil wir keine Tempolimits haben? - Weil das Auto bei 140 km/h nicht klappern soll?

Natürlich können wir heute neue Technik verteufeln und auf Hersteller und ihr Mitarbeiter schimpfen.
Durch die neue Technik wiegt sich der verantwortungslose Kunde in falscher Sicherheit. Die Unternehmen sorgen sich aber sehr dafür, dass wir sicherer unterwegs sind - wenn wir Kunden bereit sind dafür zu bezahlen. - Und wir sind es auch!
Lena631 (29.04.2010, 18:36 Uhr)
Vorsicht
Silentium, das Stockholm-Syndrom der Autofahrer überrascht mich in der Tat. Schon krude, wieviele Menschen dem Daimler-Konzern beispringen, nur weil sie eines seiner Produkte nutzen. (Hoffen die, sie würden, weil sie sich auf Gedeih und Verderb für den konzern verwenden, im Zweifelsfall verschont?)

Vielleicht hilft es der Überforderung mancher Kommentatoren hier, ganz einfach und ohne Nebensätze zu formulieren:
Es geht nicht um private Nutzer von Daimlerprodukten. Es geht auch nicht um alle Test fahrer. Denn Testfahrer aller (!) anderen Autohersteller töten nicht.
Es geht um Daimler. Und darum, dass ich mir wünsche, der Konzern beendete seine Tötungsfahrten. Die Welt wäre sicherer.
silentium99 (29.04.2010, 18:25 Uhr)
@lena
Ein wie Sie vom Hass zerfressener Mensch ist für die Menschheit eine viel größere Gefahr. Ihr Gerülpse ist unerträglich.

Oder sitzen Sie vielleicht im Büro eines anderen Automobilherstellers?

Mir hat ein Arzt schon gesagt "Sind sie froh, dass Sie in einem Mercedes saßen" Ich war weder Unfallverursacher noch zu schnell unterwegs...

ganzbaf (29.04.2010, 11:56 Uhr)
@Jerk

Auf Landstraße gilt Tempo 100. Nur mal so als kleiner Hinweis ;0)

Und auch dort sollte das Limit um 10 bis 20 Km/h abgesenkt werden, so wie es "Vision Zero" Konzept der EU es auch vorsieht.

Du kannst dann ja zukünftig gerne von München nach Hamburg nur über den Stadtverkehr bewältigen ;-S

In ALLEN anderen Ländern der Welt gibt es ansonsten ein Tempolimit af BABs.
ganzbaf (29.04.2010, 11:50 Uhr)
@also-ne...

"Statistisch gesehn" wäre das nur relevant, wenn man das Tempolimit in anderen Ländern aufheben würde, und dort dann tatsächlich dann WENIGER Unfälle als vorher geschehen.

Was natürlich nicht der Fall sein wird.

Auch bei uns haben limitgebenden Verkehrsleitsystem auf BABs die Unfallzahlen deutlich gesenkt!
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