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Mobil auch ohne Atomkraft

Wir brauchen Atomkraftwerke, wenn die Pkw elektrisch angetrieben werden. Das sagen die Lobbyisten, aber es stimmt nicht. In Wirklichkeit verbraucht der Verkehr weit weniger Energie, als man zuerst glaubt.

Von Christoph M. Schwarzer

"Wir sollten über Atomkraft neu nachdenken", sagt VW-Chef Martin Winterkorn. Weil der Strom für Elektroautos zwar aus der Steckdose kommt, aber im Kraftwerk produziert werden muss. Und schon kommen die Lobbyisten und rufen nach dem Atomkraftwerk als Energiequelle für die leisen Stromer. Eine Provokation für alle Ökologie- und Ökonomiebewegten, die im vollelektrischen Fahren zuerst eine vor Ort emissionsfreie und effiziente Form des Fahrens sehen. Und ein Unsinn, wenn man den aktuellen Rechenmodellen zum Mehrverbrauch durch Elektroautos glauben darf.

IFEU: Nur 0,3 Prozent Mehrverbrauch

Das Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg (IFEU) hat errechnet, dass eine Million im typischen Berufspendelverkehr eingesetzte Kleinwagen mit 10.000 Kilometer Jahreslaufleistung den Bruttostromverbrauch in Deutschland nur um 0,3 Prozent ansteigen lassen würden. Ein vernachlässigbar geringer Wert. Hier wende Kritiker ein, dass statt einer immerhin 46 Millionen Autos beim Kraftfahrtbundesamt gemeldet sind. Richtig, aber 10 Millionen Fahrzeuge entsprächen dann einem Anstieg von 3 Prozent. Für diesen Gesamtbestand hat Tomi Engel von der Deutschen Gesellschaft für Solarenergie ein Zukunftsszenario erarbeitet.

Langsamer Übergang wahrscheinlich

Engel geht nicht davon aus, dass es einen radikalen, schnittartigen Übergang zum reinen elektrischen Fahren gibt. Dagegen spricht schon die lange Lebensdauer der Fahrzeuge. Ein Benziner, der heute zugelassen wird, zieht noch in 15 Jahren seine Bahn. Außer, der Benzinpreis würde seinen Betrieb unmöglich machen. Aber selbst nach erfolgtem Flottenwechsel, glaubt Tomi Engel nicht ans reine Elektromobil. Vielmehr sieht sein Modell den alleinigen Elektromotor für ein knappes Viertel oder gut zehn Millionen Fahrzeuge als Antrieb, nämlich bei Zweit-, Klein- und Pendlerautos. Für das Gros aller Wagen (64 Prozent) glaubt er an Plug-In-Hybride, also eine Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor, wie sie jetzt schon vom Toyota Prius bekannt ist. Allerdings mit der Zusatzmöglichkeit, die Batterie im öffentlichen Stromnetz aufzuladen. Und für die Oberklasse, die weiterhin vor allem geschäftlich genutzt werden wird, prognostiziert Engel eine Bestandgröße von 13 Prozent, deren Spritdurst weiter vor allem durch Diesel und Benzin gestillt und deutlich unter dem heutigen liegen wird.

"Keine signifikante Auswirkung"

Als Ergebnis seiner Studie sieht Tomi Engel "keine signifikante Auswirkung auf den Stromverbrauch". Präzise: bei 40 Millionen teil- oder vollelektrisch fahrenden Pkw rechnet er mit nur zehn Prozent Mehrstrombedarf bei gleichzeitiger Halbierung des Erdölverbrauchs im Pkw-Sektor. Diese zehn Prozent entsprechen 60 Terrawattstunden (TWh) oder 60 Milliarden Kilowattstunden. Zum Vergleich: Die Stadt Hamburg mit 1,7 Millionen Einwohnern, ihren Haushalten, der Industrie und dem Hafen verbraucht laut Vattenfall 13 TWh im Jahr. Und das geplante Steinkohlekraftwerk Moorburg soll 11,5 TWh produzieren, was in etwa auf dem Niveau des Kernkraftwerks Krümmel liegt – 10 TWh, wenn es denn funktioniert. Sechs Großkraftwerke wären demnach nötig, um den Pkw-Verkehr bundesweit zu elektrifizieren. Das Szenario von Tomi Engel rechnet dabei nicht mit irgendeiner Zukunftstechnik, die erst noch erfunden werden muss. Die Technik gibt es bereits, wenn auch nicht in Großserie und im Verkaufsraum. Interessant auch: Es ist kein Verzichtsszenario. Grundlegende Veränderungen im Verkehrsverhalten – nur noch mit der Bahn, keine Fernpendler etc. – werden nicht unterstellt.

Vorsicht vor zuviel Optimismus

Das Magazin Spiegel ging kürzlich noch einen Schritt weiter: Nur 16 Prozent des aktuellen Strommixes wären erforderlich, wenn alle Autos elektrisch führen. So viel produzieren ungefähr sämtliche erneuerbare Energien in Deutschland zusammen. Eine Rechnung, die mit großer Vorsicht zu genießen ist. Nicht nur, weil ähnlich optimistische Szenarien noch vor kurzem analog beim Biosprit durchgespielt wurden - wie viel Prozent der Ackerfläche würden gebraucht, um alle Autos mit Pflanzenkraftstoff zu befeuern, lautete die gern gestellte Frage.

Stromzähler im Auto

Der Preisnachteil der ersten Generation der Elektroautos könnte durch staatliche Förderungen ausgeglichen werden. stern.de hat darum beim Bundesumweltministerium (BMU) und beim Bundesfinanzministerium (BMF) nachgefragt, wie eine Kfz-Steuer bei den E-Mobilen aussehen könnte. Offiziell gibt es dazu noch keine Pläne. Inoffiziell hat aber das oben genannte IFEU, dass auch beratend für das BMU tätig ist, einen Vorschlag: Plug-In-Fahrzeuge sollten einen internen Stromzähler haben. Eine Steuer sollte dann komplett entfallen, wenn der Strom nachweisbar aus zusätzlich geschaffenen, erneuerbaren Quellen kommt.

Die Knappheit fossiler Ressourcen könnten für das Elektroauto ein Katalysator der Evolution sein. Eine Gesellschaft, in der schnelle Elektroautos mit gutem Design als schick und trendy gelten, würde die Entwicklung ebenso beschleunigen. Den Tod des Verbrennungsmotors bedeutet das trotzdem noch lange nicht. Im Schwerlastverkehr wird ein 40-Tonner, der heute knapp 30 Liter Diesel schluckt, lange unschlagbar sein.

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