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Tanken, nein danke!

Individuell und flott unterwegs sein ganz ohne Benzinkosten? Das Elektro-Bike macht es möglich. Ohne größere Anstrengung ist man so schnell wie ein Kurierfahrer. stern.de hat es ausprobiert.

"Sssht" und ab geht es. Wenn man will, tritt man richtig in die Pedale, aber wenn man nicht will, lässt man die Beine nur mitdrehen. Elektro-Biking - eine tolle Sache. Mit Tempo 25 ist man in der Stadt unterwegs und das geschieht mühelos. Eigentlich eine perfekte Alternative zum teuren und umweltschädlichen Autofahren. Vor allem für "mittellange" Strecken zwischen 10 und 20 Kilometern Länge. Man arbeitet sich nicht ab, man schwitzt nicht durch, die subjektiv empfundene Anstrengung entspricht eher einem Spaziergang als einem Wettkampf.

Scheinbar perfekt. Aber eben nur scheinbar. Kein Mann im Büro ließ sich überzeugen, das Elektro-Bike zu benutzen. "Wie sieht das denn aus?" die moderne Form von "Was sollen bloß die Nachbarn denken" wurde auf das Ansinnen entgegnet. Nein, strampeln mit Stromhilfe? Das sei etwas für Warmduscher. Das Erstaunliche dabei, diese Kollegen sind eher als Warmduscher bekannt, denn als Triathleten. Also lieber mit dem Auto und der Bahn unterwegs als mit dem Elektrorad. Nur die Frauen sind mutig und trauen sich aufs Rad.

Frauen trauen sich was

Yamina Merabet, Redakteurin für Medizin und Gesundheit, war begeistert: "Endlich habe ich auf dem Weg zur Arbeit alle überholt, vor allem am Berg!" Wenn man im Fahrradanhänger hinten zwei Kinder und den Wocheneinkauf bewältigen müsse, freue man sich besonders über den Extraschub aus der Steckdose bzw. aus dem Akku. Abschreckend wirkt allerdings der Preis: "Ich persönlich würde das Elektrorad für den Preis nur kaufen, wenn ich auf dem Land längere Strecken fahren müsste." Ihr Rat als Gesundheitsredakteurin: "Für Menschen, die gesundheitlich eingeschränkt sind, z.B. mit leichter Herzschwäche und die sich trotzdem gerne bewegen wollen, könnte das Fahrrad hilfreich sein, wenn die Kondition früher nachlässt als geplant."

Susanne Baller, redaktionelle Producerin, fühlte sich in die Kindheit zurückversetzt: "Wunderbar, als wäre man wieder drei Jahre alt und immer, wenn es anstrengend wird, gibt einem Papa einen kräftigen Schubs. Beim Anfahren an der Ampel, bei Gegenwind auf freien Flächen, bei Müdigkeitserscheinungen. Ist man einmal im Tritt, glaubt man zunächst, die weitere Unterstützung durch den Hilfsmotor bliebe aus. Aber plötzlich existieren Ampelphasen, gibt es eine grüne Welle, die auf dem eigenen antriebslosen Drahtesel zu keiner Tageszeit zu schaffen ist. Was den letzten Zweifel an den unsichtbaren Kraft auslöscht: bewundernde Blicke von Fahrradkurieren, wenn man kein bisschen aerodynamisch gekleidet und ohne eine Schweißperle auf der Stirn an ihnen vorbeizieht."

Spritsparen mit Elektro-Fahrrad. Was sagen Sie dazu?

Starkes Helferlein

Die Technik arbeitet perfekt. Der zusätzliche Eingriff des Motors ist zu spüren, aber man gewöhnt sich so schnell daran, dass er nicht störend auffällt. Man verzichtet schnell darauf, allzu häufig die Gänge zu wechseln. Wozu auch? Unten arbeitet ja der schnurrende Knecht. Seine Zusatzkraft wird man richtig zu schätzen wissen, sobald größere Lasten transportiert werden sollen. Kinder auf einem Kindersitz oder Einkäufe. Mit entsprechenden Packtaschen lassen sich auch größere Mengen am Gepäckträger befestigen und mühelos transportieren. Der Motor leistet immerhin 250 Watt. Für ein Fahrrad ist das enorm viel. Nur ein echter Athlet kann eine so hohe Leistung längere Zeit abgeben, selbst ein ambitionierter Hobbysportler wird langfristig nicht wesentlich über 200 Watt hinauskommen und der Normalbürger bremst innerlich schon bei 100 Watt ab.

Markenrad oder Noname

Das Kalkhoffrad ist perfekt verarbeitet. Das muss es auch sein, ein Preis von 2200 Euro ist auch kein Pappenstiel. Das Preisniveau liegt nicht nur am aufwändigen Elektroantrieb. Ein ganz normales Tret-Rad mit dieser Ausstattung gibt es eben auch nicht für 350 Euro beim Discounter. Beim "Pro Connect S" sind durchweg hochwertige und sinnvolle Komponenten verbaut worden. Im Markt gibt es zahllose No-Name-Bikes zu Preisen deutlich unter 1000 Euro. Hier muss man entsprechende Abstriche bei Komponenten, Verarbeitung, Akku und Art des Elektroantriebes machen. Außerdem sind Schwierigkeiten bei Wartung und Reparatur zu erwarten. Viele Fachhändler weigern sich schlichtweg, Räder von Discounter bzw. Versender auch nur anzusehen. Technisch Unbegabte sollten die Service-Frage, wenn sie ein Billig-Bike erstehen wollen, unbedingt vor dem Kauf klären. Für Markenfahrräder muss man allerdings mehr als 1500 Euro einkalkulieren.

Bequem und mühelos

Ganz einfach lässt sich beim Kalkhoff-Bike der Akkublock entnehmen und bequem in der Wohnung aufladen. Aber trotz edler Komponenten, vom Aussehen her ist das Bike eher ein "Mutti-Rad" als ein Racer. Die Sitzposition entspricht einem normalen Citybike. Man thront aufrecht auf einem bequemen Sitz und gleitet dahin. Ein Feeling wie auf dem guten alten Hollandrad. Wer ein sportlicheres Fahrgefühl schätzt oder eine bessere Kontrolle über das Rad gewohnt ist, wird mit dieser Form nicht glücklich werden. Für wen das Kalkhoffbike und die meisten anderen Elektrobikes gemacht sind, verrät schon der extrem tiefe Einstieg am Rahmen. Er garantiert ein müheloses Auf- und Absteigen auch für Personen, die ihre Beine nicht mehr über einen hohen Rahmen schwingen können.

Die Form des Tiefeinsteigers dominiert den Markt, wenn es auch inzwischen Elektroräder in Form von Herrentourenrädern gibt. Auf die Fülle von Varianten, wie sie der Handel für normale Räder bereithält, muss man allerdings verzichten. Schade eigentlich, denn das "Bequemlichkeit-ist-Trumpf"-Konzept engt den Kreis der Benutzer ein. Mit einem sportlicheren Design - sei es als Speedbike oder als MTB - das den gewissen Boost per Motorkraft verspricht, wäre die Hemmschwelle der Herren sicher zu überwinden.

Keine Wunder

Wunder wirkt der Elektro-Motor nicht. Im Berufsverkehr mit einem Fahrrad unterwegs zu sein, erfordert Mut und Beharrlichkeit. Problem Nummer zwei: Das Kalkhoffrad ist nicht ganz billig und das sieht man ihm auch an. In der Großstadt kann man leider eher ein Portemonnaie auf der Motorhaube liegen, als ein gutes Fahrrad an der Straße stehen lassen. Es wird geklaut, es werden Teile entwendet oder falls das beides nicht geht, wird es eben sinnlos kaputt gemacht. Also muss man das edle Elektro-Bike genauso behüten, wie es ein normaler Biker mit seinem Carbon-Renner machen muss. In gewissen Gegenden kann man es keine fünf Minuten aus den Augen lassen und nachts muss es entweder in den Keller oder in die Wohnung geschleppt werden.

Schade, hier stößt sich das schöne Konzept endgültig an der rauen Wirklichkeit. Wer sich Erleichterung beim Strampeln erkauft, wird von der Idee, seinen 20-Kilo-Schatz jeden Tag in den dritten Stock zu hieven, nicht angetan sein.

Gernot Kramper

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