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9. Mai 2008, 10:04 Uhr

"Kein Kampf Nahrung gegen Kraftstoff"

Der Bioersatz für 50 Prozent des Autobenzins kann auf 1 Prozent der Anbaufläche in Brasilien gewonnen werden. Erleben wir nach den Ölscheichs die Renaissance der Zuckerbarone? Marcos S. Jank, der Präsidenten der brasilianischen Zuckerrohr-Vereinigung, rechnet mit einer goldenen Zukunft für Brasilien und den Sprit vom Acker.

Brasilien produziert schon gut 35 Jahre Ethanol aus Zuckerrüben© Press-inform

Alternative Kraftstoffe sind in den letzten Monaten stark ins Gerede gekommen. Viele befürchten eine Verknappung von Nahrungsmitteln und weiter steigende Lebensmittelpreise, da immer mehr landwirtschaftliche Regionen Mais, Weizen und Zuckerrohr für Kraftstoffe anbauen. stern.de sprach mit Marcos S. Jank, dem Präsidenten der brasilianischen Zuckerrohr-Vereinigung UNICA, die mehr als Hälfte der Zuckerrohrbetriebe repräsentiert.

Herr Jank, in Brasilien tanken die Autofahrer seit vielen Jahrzehnten Ethanol. Die Bio-Beimischung zu Benzin und Diesel ist in Europa dagegen zuletzt stark ins Gerede gekommen. Wieso ist Ethanol in Brasilien derart erfolgreich?

Es ist schon verrückt, was hier in den letzten drei Monaten passiert ist. Wir produzieren schon gut 35 Jahre Ethanol aus Zuckerrüben. Auf einmal wollen wissen, was wir hier machen. Bei uns kommen derzeit 45 Prozent der PKW-Kraftstoffe aus Zuckerrohr. Wir haben hierbei zudem eine sehr gute Energiebilanz. Deutlich besser als die bei Mais oder Weizen.

Wann hat die Ethanol-Produktion bei Ihnen genau angefangen?

Die brasilianische Militärregierung hat das Programm für einen professionellen Zuckerrohranbau Mitte der 70er Jahre initiiert. Damals hatten wir alle unter den Auswirkungen der Ölkrise zu leiden. Damals kostete eine Barrel Öl 20 Dollar, Ethanol war mit 60 Doller dreimal so teuer. Seither bauen wir in großen Mengen Zuckerrohr an und verarbeiten ihn nicht nur zu Zucker, sondern insbesondere als Energieträger weiter.

Zunächst stieg der Ethanolanteil auf dem brasilianischen Fahrzeugmarkt stark an, um dann in der zweiten Hälfte der 80er Jahre stark abzufallen. Wieso?

Nach dem Einstieg in den Massenanbau von Zuckerrohr in den 70ern gab es fast nur Ethanolfahrzeuge. Doch noch und nach kamen immer weniger Fahrzeuge mit Ethanolantrieb nach; der Benzinpreis war günstig und so stiegen immer mehr Leute auf Benzinmodelle um. Die Autos mit FlexFuel-Antrieb, die in beliebiger Weise mit Benzin und Ethanol betankt werden können, erst 2003 auf den Markt. Jetzt werden es immer mehr. Schaut man sich den gesamten brasilianischen Energiemarkt an, so kommen 38 Prozent aus der Petrochemie und 14,6 Prozent aus erneuerbaren Zuckerrohrpflanzen.

In den letzten Jahren steigt die Zahl der Ethanolfahrzeuge in Brasilien wieder deutlich an.

In der Tat. Derzeit sind über 90 Prozent aller Neuwagen mit FlexFuel-Antrieb unterwegs. Das gilt auch für die Marktführer von Fiat und Volkswagen. Ohne FlexFuel braucht man hier kein Auto mehr anzubieten. Ausnahmen sind nur ein paar exotische Importmodelle. Im Jahre 2012 wird die Hälfte unseres PKW-Bestandes mit FlexFuel-Technik unterwegs sein - Tendenz steigend.

Zuletzt wurde verstärkt kritisiert, dass unter den Ausweitungen der Zuckerrohrflächen der tropische Regenwald zu leiden hat und weiter zurückgedrängt wird.

Das ist absolut falsch. Nur ein Prozent der brasilianischen Landesfläche werden derzeit mit Zuckerrohr bepflanzt. Das sind rund 3,4 Millionen Hektar. Diese Fläche reicht aktuell aus, um den Ölanteil in Kraftstoffen um fast die Hälfte zu reduzieren. Die Anbauflächen befinden sich fast ausschließlich im Staat Sao Paulo. Der tropische Regenwald ist zwischen 2.000 und 2.500 Kilometer in Richtung Norden entfernt. Hier würden die Zuckerrohrpflanzen überhaupt nicht wachsen. Es kann übrigens nicht die Rede davon sein, dass es in Brasilien einen Kampf Nahrung gegen Kraftstoff gibt.

Wie wird sich der Zuckerrohrmarkt in Brasilien in den nächsten Jahren entwickeln?

Derzeit nutzen wir mit dem Saft des Zuckerrohrs gerade einmal ein Drittel der Pflanze. Das wird sich mittelfristig ändern. In den nächsten zehn Jahren werden wir den Rest der Pflanze ebenfalls als Energieträger nutzen können. Wir legen Wert darauf, dass wir mit Zuckerrohr und Ethanol hier eine regionale Lösung haben, die uns unser großes Land durch seine Lage und die Sonneneinstrahlung ermöglicht. Zuckerrohr ist eine Alternative, aber nicht die einzige. Auf der Welt könnten rund 100 Staaten - zumeist in Äquatornähe - Biokraftstoffe produzieren. Wir hätten nichts dagegen, wenn es mehr wären.

Wie ertragreich sind ihre Zuckerrohrfelder?

Deutlich ertragreicher als viele andere auf der Welt. Zudem ist Zuckerrohr deutlich besser als Energieträger geeignet als Mais, Weizen oder Zuckerrüben, die in Europa oder den USA angebaut werden. Was man jedoch braucht, sind große Flächen und die haben wir. Wichtig ist zudem die Wechselwirtschaft. Alles fünf bis sechs Jahre werden die Felder umgestellt - auf Sojabohnen.

Wie groß sind die Mengen Ethanol, die Sie ins Ausland exportieren könnten?

Zumindest mehr als genug, um die Benzin-Beimischungen in den USA (15 Prozent) und Europa (10 Prozent) zu befriedigen. Jedoch gibt es für Ethanol derzeit überhaupt keinen Weltmarkt. Wir verbrauchen das allermeiste bei uns im Land. Einige Länder wie Schweden zeigen sich sehr interessiert. Bei Ländern wir Deutschland oder Frankreich ist die Agrarlobby sehr stark und ein Problem. Da gibt es europaweit keine einhellige Meinung.

Stefan Grundhoff
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
piro (10.05.2008, 22:49 Uhr)
Keine Schnapsidee
Nach einer Bio-Euphorie folgt jetzt weltweit die pauschale Schwarzmalerei. Niemand will (hoffentlich) Kinder durch seine Autofahrten verhungern lassen! Treibstoff aus Mai ist das letzte, was wir brauchen! Aber es gibt Produktions-Verfahren von Treibstoffen, die Sinn machen: In der Schweiz wird Ethanol (also der reine Alkohol) ausschliesslich durch Holzabfälle (nach der Zellulose-Produktion) hergestellt, bei der übrigens auch kein Wasser vergeudet wird. Laut EMPA, der eidg. Forschungsanstalt in Dübendorf könnten in der Schweiz mit Küchen-, Holzabfällen und Gülle immerhin 10% aller Autos bewegt werden. Schon mal Holz gegessen, Gülle getrunken? Biotreibstoffe sind nicht einfach des Teufels oder eine Schnapsidee. Aber der Widerstand der Erdöl-Lobby ist gewaltig und Milliardenschwer. Habe dies bei der ersten Ethanoltankstelle in meiner Region selber festgestellt. Zudem sind neue Verfahren (z.B. aus Rutenhirse) weit gereift. Falls "man" sie nutzen will. Denn: Erdöl brauchen künftige Generationen u.a. auch für die Herstellung von Medikamenten: "Nach uns die Sintflut?"
Aus der Schweiz grüsst mit Alkohol im Tank (statt am Steuer)
AP
RomanTicker (10.05.2008, 10:24 Uhr)
Lustig
In einem Schwellenland wie Brasilien kann Biokraftstoff zu hohem Prozentsatz genutzt werden, während hierzulande Autoverbände und Fahrer jammern, wenn mal 10% beigemischt werden sollen.
Richtig lustig ist das Scheinargument, dass es zum Konflikt kommt, weil es zu wenig Fläche zum Anbau für Lebensmittel gibt. Das ist Schwachsinn, wie dieses Interview mal wieder zeigt. Wenn wir so weiter machen und keine Alternativen zum Erdöl für Kraftstoffe und Heizung nutzen, dann wird das Erdöl in einigen Jahrzehnten verbraucht sein, und dann werden sich einige mal umsehen, wozu das sonst noch gebraucht wird, z.B. für Medikamente und Kunststoffe.
Sanjoaquin (10.05.2008, 08:02 Uhr)
Und wieder der Redaktionsazubi
Herrlich die Bildbeschreibung von dem Trecker vor dem Zuckerrohrfeld und darunter die Aussage, dass Brasilien Ethanol aus Zuckerrüben gewinnt. Ist doch Peanuts, steht ja beides auf 'nem Acker.
Und Guinness hat natürlich recht. Man muss sich, wenn man ein Bier trinkt, echt Gedanken darüber machen, wie brutal die Hopfenstengel von einer erbarmungslosen Maschine zermalmt worden sind. Ich werd meinen Körper demnächst auf Granderwasser umstellen, wobei da hab ich auch schon gelesen, dass die Mikrolebewesen im Wasser durch die Linksdrehung extrem gequält werden.
gejotka (10.05.2008, 00:05 Uhr)
leben von Luft und Liebe?
@guinness.1
wie viele unschuldige Radischen und Kartöffelchen ermordest Du denn so im Jahr aus lauter eigennutz um zu überleben? ...-unglaubliche Heuchelei!
bj_berlin (09.05.2008, 21:52 Uhr)
mal halblang ...
"lebende Wesen zu Kraftstoff": solange Menschen hungern ist das ein gewisses Problem. Das Hungerproblem könnte (durch gerechtere "Strukturen") aber gelöst werden und trotzdem Ethanol als Kraftstoff dienen! Und nebenbei: Sie laufen nie über eine Wiese? Über all die Wesen, die unter Ihren Füssen zermalmt werden? Schon mal Rasen gemäht? Ist das Massenmord?
guinness.1 (09.05.2008, 19:39 Uhr)
Was für eine perverse Welt....
... in der lebende Wesen (denn das sind Pflanzen auch!) zu Kraftstoff verarbeitet werden!
.
Und die zweite Perversität:
während täglich tausende von Menschen verhungern, verbrauchen wir landwirtschaftliche Fläche für den Anbau von Kraftstoffersatz!
.
Denken unsere Entscheidungsträger eigentlich niemals nach?
.
Sowas macht traurig und wütend zugleich!
heiner5362 (09.05.2008, 18:58 Uhr)
1%
der landesfläche ja.
wieviel prozent der landesfläche bedeckt regenwald ?
und eigentlich :
wieviel prozent der möglichen anbaufläche wird für diese stinkenden schrottkisten verhunzt, anstatt nahrungsmittel anzubauen ?????????????
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