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Der Terror fährt Rad

"Links vor rechts in jeder Lage - Rot heißt vorwärts keine Frage!" In Berlin bekennen sich nicht nur "Radterroristen" zur rabiaten Gangart. Seitdem sich durchtrainierte Angestellte auf dem Rad fit für den Konkurrenzkampf im Büro machen, ist Schluss mit der Gemütlichkeit auf dem Hollandrad.

Von Roland Brockmann

Morgens gegen acht in Berlin. Rushhour auf dem Fahrradweg: Kleinkinder wollen zur Schule; Angestellte müssen ins Büro - oft mit Schlips und Kragen unterwegs auf dem Trekkingrad, weil es auf zwei Rädern einfach schneller geht als mit dem Auto.

Ein Mittdreißiger, im Anzug, aber mit Helm bahnt sich in Slalomfahrt seinen Weg durch eine Gruppe Schulkinder. Dass die Kinder sich bewegen, hat er nicht einkalkuliert. Sein Rad streift ein Kind, es fällt hin. Erst scheint nicht Schwerwiegendes passiert zu sein, doch später stellt sich heraus, der Junge hat sich einen Arm gebrochen. Doch da ist der Rüpel mit seinem Rad längst über alles Berge.

Fühlen Sie sich von rabiaten Radfahrern drangsaliert?

Radler im Geschwindigkeitsrausch. Alle treten kräftig in die Pedale, nur bremsen will keiner mehr - ansonsten brave Bürger, auf der Radspur entdecken sie ihre Kämpfernatur.

Der Angestellte ist das Problem

"Risikogruppe sind weniger junge Leute, die nicht hin wissen wohin mit ihrer Energie, " sagt Polizeirat Markus van Stegen, "sondern Erwachsene, die eigentlich Vorbildfunktion ausüben sollten." Der "Leiter Verkehrssicherheit" im Stab des Polizeipräsidenten weiß: "Mehr als die Hälfte aller Unfallverursacher auf dem Rad sind zwischen 25 und 65 Jahren alt."

Kein Einzelfall. Immer öfter sind Fahrradfahrer in Unfälle verwickelt. Ein internes Strategiepapier der Polizei warnt: "Seit mehreren Jahren ist die Gesamtzahl aller polizeilich registrierten Verkehrsunfälle in Berlin rückläufig. Gleichzeitig steigen die Verkehrsunfälle mit Radfahrbeteiligung jedoch kontinuierlich an." Allein in Berlin kam es im letzten Jahr zu 6894 Unfällen mit Radfahrerbeteiligung (2001 waren es rund tausend Unfälle weniger). Das sind fast zehn Prozent aller Opfer eines Fahrradunfalls bundesweit (2006: 77.000).

Jeder vierte Verkehrstote und jeder vierte Verletzte in der Hauptstadt war im letzten Jahr ein Radfahrer. Und Schuld sind keinesfalls immer die bösen Autofahrer: In 47 Prozent der Fälle mit klarer Schuldfrage waren Radfahrer die Verursacher.

In der City wird es eng

Typen, wie der 19jährige, der sich ohne Licht mit seinem Drahtesel auf die A 3 verirrte bilden eher die Ausnahme. Hauptgefahrenzone sind urbane Ballungszentren. Allein schon weil hier die Verkehrsdichte zunimmt: von 2000 bis 2007 wuchs der Radverkehr in der Hauptstadt um satte 18 Prozent. Mit dem Anstieg wechselte aber auch der Typus des Radfahrers. Der klassische Dauerstudent auf dem klapprigen "Diamant" zählt zur Minderheit, genau wie der Nostalgiker auf seinem Hollandrad. Stattdessen satteln immer mehr Berufstätige aufs Zweirad um, allein schon wegen der steigenden Spritpreise. Gleichzeitig mutiert das Fahrrad zum Prestigeobjekt. Vor allem Männer neigen zu rasanten Rädern. Wer in Berlins größtem Fahrradladen ein bequemes Rad sucht, findet vor allem Damenmodelle. "Männer wollen meist sportliche Modelle", weiß der Verkäufer.

"Der typische Radfahrer von heute will vor allem schnell zur Arbeit", erklärt Polizeirat van Stegen: "Der guckt sich nicht bei acht Km/h die Blumenrabatten an."

Dorthin, wo es schnell geht

Vor allem "Fehlverhalten beim Einfädeln in den Fliessverkehr" führt laut Polizeirat van Stegen dabei zu Unfällen. Denn trotz immer mehr ausgewiesener Radspuren: Nur all zu gerne wechselt der Radfahrer mal die Seite, je nachdem wo es gerade schneller weiter geht. Egal ob Bürgersteig, Radweg oder Strasse – dem Pedalritter sind oft alle Wege recht. Bloß nicht anhalten oder gar mal absteigen. Frei nach dem Motto eines bekennenden "Radterroristen" aus dem Internet: "Anarchie im Stadtverkehr - Fahrradterror ist der Herr - Links vor rechts in jeder Lage - Rot heißt vorwärts keine Frage."

Die Diagonale ist der kürzeste Weg zum Ziel

Berlin Mitte. Es ist 13 Uhr 30. Im zentralen Szeneviertel und Touristengebiet passieren mit 1300 die meisten der Berliner Fahrradunfälle. Oranienburger Straße Richtung Hackescher Markt. Einbahnstrasse, nicht freigegeben für Radfahrer. Eilige Fahrradboten treffen auf junge Mütter mit Kindern im Rücksitz. Hippe Biker mit Sporträdern a la "Streethammer" umkurven sperrige Fahrradrikschas auf dem Platz. Touristen auf Leihrädern radeln verträumt an Stuckfassaden aus der Gründerzeit vorbei. Bierkutscher versperren die Sicht, eine Tram will gerade abbiegen. Da taucht aus der Einbahnstraße plötzlich ein junger Mann auf seinem "Beachcruiser" auf und kreuzt quer durch das Geschehen. Die Straßenbahn kommt kreischend zum Stehen, Autofahrer hupen, und ein Rentner springt verängstigt zurück. Dabei hatte er als Fußgänger grün. Wütend sieht er dem Rad-Rambo hinterher, doch der ist längst im Großstadtdschungel abgetaucht.

Einfach weiterfahren bei Kontrollen

Und auch die Polizei schaut den Desperados nur hilflos hinterher, räumt Markus van Stegen ein. Während immer mehr Radfahrer in den Verkehr drängen, stagniert die Zahl der jährlichen Bußgeldverfahren in Berlin seit Jahren bei etwa 5000. Das interne Strategiepapier der Polizei räumt offen ein: Der "notwendige Überwachungsdruck wird gegenwärtig nur unzureichend ausgeübt."

Kein Wunder: Egal ob rasante Fahrer in der Fußgängerzone oder Spurwechsler ohne Rücksicht – die Flucht vor dem Bußgeld gelingt gerade Fahrradfahrern ohne Probleme. Zu Fuß hat der Verkehrwächter sowieso kaum eine Chance, und in der nächsten Grünanlage hängt der Fahrradflüchtling auch Streifenwagen locker ab. "Wer nicht angehalten werden will, der fährt halt einfach weiter", so Polizeirat van Stegen: "Der Beamte kann ihn ja schlecht vom Rad schubsen."

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