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23. September 2008, 14:51 Uhr

Dicke Dinger gehen immer

Während der Autoabsatz stagniert, explodieren die Verkäufe bei den Nutzfahrzeugen. Selbst ein kleiner Konjunkturknick kann das nur kurzfristig ändern: Immer mehr in Osteuropa produzierte Waren werden auf Lastern importiert. Von Christoph M. Schwarzer

Hübsch machen vor dem großen Tag© Joerg Sarbach/AP

Bis zum Horizont reicht die Schlange der schweren Lastwagen auf der rechten Spur der A2. Denn dort ist der Osten. Die Fahrbahn hält das nicht lange aus. Und es kommt zu katastrophalen Unfällen. Trotzdem: "Die rechte Spur ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland notwendig", sagt Professor Ferdinand Dudenhöffer von der FH Gelsenkirchen. Und prophezeit in seiner aktuellen Nutzfahrzeug-Studie zur IAA in Hannover zwar eine kurzfristige Nachfragedelle, langfristig aber wieder einen kräftigen Zuwachs bei kleinen und großen Lastern.

Westeuropa ist satt

Für Lkw und Busse sieht er in den EU 15-Staaten, also dem vom ehemaligen US-Verteidigungsminister Rumsfeld so genannten "Old Europe" im Westen, eher eine Sättigung des Marktes. Bis 2010, so Dudenhöffer, werden eine konjunkturelle Schwäche und die Folgen der US-Immobilienkrise die Nachfrage schwächen. Die treffen zwar grundsätzlich auch Osteuropa und Russland. Dort können sie die explodierende Nachfrage aber nur bremsen.

Die Zuwachsraten in den EU 12, den neueren Mitgliedern der Europäischen Union im Osten, sowie in Russland sind immens. Selbst im vergleichsweise schwachen Jahr 2008 haben die Verkäufe mit insgesamt 335.000 Fahrzeugen aller Klassen noch um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt. Dabei wächst vor allem das Segment der ganz dicken Brummis über 16 Tonnen.

Neue Standorte im Osten

Alles nur neue Elefanten für die rechte Spur? Nein, widerspricht Ferdinand Dudenhöffer, sie sind die logische Folge der Verlagerung von immer mehr Produktionsstandorten nach Osteuropa. Preisgünstige Teile werden dort gebaut, um sie in Bochum und Rüsselsheim zu verbauen. "Ohne die Lkw gibt es ein Kostenproblem für deutsche Fabriken", sagt Dudenhöffer und ergänzt, dass die gesamte Logistikbranche weiter auf dem Vormarsch sei.

Prunkstücke am Stand von Iveco© Kay Nietfeld/DPA

Trend: Sprit sparen bei den Nutzis

Neben dem Ost-Boom wird wegen der steigenden Kraftstoffkosten die Entwicklung neuer Spartechniken bei der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover im Vordergrund stehen. Gerade für Stadtbusse kommt der Hybrid, der auf den ewigen Überlandfahrten der 40-Tonner wenig Sinn machen würde. Gleichzeitig werden heute schon immer mehr neue Laster mit einem Stickstoff-Katalysator ausgerüstet. Mit einer Harnstoffeinspritzung, bei Mercedes höflich AdBlue und SCR-Kat genannt, kann das gesundheitsschädliche Abgas herausgefiltert werden. Eine Entwicklung, die in Diesel-Pkw erst mit der Abgasnorm Euro 6 im Jahr 2014 auf breiter Front eingeführt werden wird.

Sind Nutzfahrzeuge am Ende ökologischer? Für sich genommen schon. Eine Studie des Umweltbundesamtes (UBA) aus dem Jahr 2005 sieht zumindest beim Personentransport den Reisebus an erster Stelle – vor Bahn, Pkw und Flugzeug. Das UBA arbeitet zurzeit an aktuellen Werten, lässt aber durchblicken, dass sich an der Reihenfolge nichts grundsätzlich ändern wird. 27 Liter Diesel pro 100 Kilometer für das Mercedes-Busflagschiff Travego sind eben eine Ansage. Und das inklusive aufwändiger Abgasfilter.

Die Masse macht’s

Fast genau so gut steht ein moderner 40-Tonner da, der um 30 Liter Diesel schluckt. Ein Superwert, wenn man die Kilos und die Strecken sieht. Ein mieser Wert, wenn man die Gesamtbilanz betrachtet. Denn die stetig wachsende Masse der Lkws macht’s: 70 Prozent des Dieselsprits in Deutschland fließen in sie hinein. Und das, obwohl gerade die Riesen-Trucks Tanks haben, die einen Zwischenstopp im deutschen Transitland längst überflüssig machen. Die Kostenbilanz von Waren, die durch ganz Europa gekarrt werden, mag positiv sein. Zum Beispiel weil die Lohnkosten in Rumänien noch niedrig sind. Wenn die Krabben zum Pulen aber über Gibraltar nach Marokko gekarrt werden, um dann an den Ladentheken zwischen Flensburg und Oberstdorf auszuliegen, ist zumindest die Ökobilanz schlecht.

Von Christoph M. Schwarzer
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
troller (24.09.2008, 17:49 Uhr)
Das Thema
Güter von der Straße auf die Schiene mag ja zur Unterhaltung ganz gut taugen, aber wie kommen denn die Güter zum Waggon? Und von Selbigem zum Kunden? Die Bahn schloß (und schließt) alle Gleisanbindungen, die aus ihrer Sicht unrentabel erscheinen. Teilweise unverschämte Fracht-Volumen werden den potentiellen Kunden als Bedingung diktiert. Darüber hinaus gibt es die die angepriesene "Flexibilität" nur in diversen Werbespots. Wer öfters mit dem Transport von Gütern per Bahn zu tun hat sowie über entsprechendes Wissen darüber verfügt, weiß, daß die ganze Thematik nur zur Unterhaltung der Masse taugt.
Joe67 (24.09.2008, 14:22 Uhr)
Keine neuen Milliarden in Betongräber
Die Prognosen wiederholen sich und erfüllen sich selbst. Wenn die Schienentrassen in Osteuropa vernachlässigt werden und stattdessen mit europäischem Geld jede Menge Autobahnen gebaut werden, wird immer mehr Verkehr auf die Straße verlegt. Dies ist dann wiederum Begründung für den weiteren Autobahnbau.
Ein Reisebus verbraucht weniger Energie als die Bahn, weil dort die Reisenden enger aufeinander sitzen.
Der Transport per LKW benötigt dagegen mehr Energie als der Transport mit Gütterzügen.
Wenn die Autos mal mit Wasserstoff fahren sollten, wird der Unterschied noch deutlicher: Heute wird Strom mit Wandlungsverlust aus Öl hergestellt. Dagegen würde Wasserstoff mit Wandlungsverlust aus Strom hergestellt werden. Die Bahn hat also künftig einen Wandlungsverlust weniger und die Straße einen mehr.
Zeit also endlich umzusteuern - niemand will von heute auf morgen den gesamten Güterverkehr auf die Bahn verlagern. Es gibt jedoch einige Lobbyisten, die versuchen den gesamten Bahnverkehr auf die Straße zu verlagern!
340600 (24.09.2008, 10:40 Uhr)
@ RBrunnerHH
WARUM DENN?
damit man auf der Autobahn rasen kann - drei Spuren für sich alleine hat?
wenn der ganze Güterverkehr auf der Schiene ist, ja dann fährt ein ICE auch nur noch mit 80km/h.
ist das besser? ist das schlechter?
das ist letztendlich die Frage, die zur Diskussion steht.
RBrunnerHH (24.09.2008, 08:15 Uhr)
Das ist ein Horrorszenario
Schwerlastverkehr auf Strassen ist eine verkehrstechnische Perversion. Auf die Schiene damit, auch wenn wir infrastrukturell derzeit noch in der Lage sind, dies zu realisieren, irgendwann muss mal angefangen werden, warum nicht jetzt? Die 8-15% Güterverteuerung geht mir dabei am Arsch vorbei!
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