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18. Oktober 2007, 11:18 Uhr

Der unscheinbare Mr. Toyota

Wenn in dieser Woche die Tokyo Motor Show beginnt, dann steht ein unscheinbarer Mann im Rampenlicht: Unter Katsuaki Watanabe wurde Toyota zum größten Autokonzern der Welt. Das war freilich nur eine Frage der Zeit, denn seit Jahren macht die Firma alles richtig. Doch der Präsident des Giganten steht vor einer riesigen Herausforderung. Von Frank Janßen

Genauer Beobachter: Toyota-Präsident Katsuaki Watanabe© Karsten Schöne

Diese Momente, die nimmt er sich heraus. Kleine Abweichungen vom Protokoll, an dem zuvor wochenlang akribisch gefeilt worden war. Unzählige Emails sind dafür geschrieben, endlose Telefonate geführt und Dutzende Meetings in Europa und in Japan ausgesessen worden, bis alles passte. Und dann so etwas. Für Japaner, das wohl planungsversessenste Volk dieses Planeten, das reinste Chaos.

Jedoch: Er ist der Chef, der seit mehr als vier Jahrzehnten seiner Firma dient. Und wer wollte es ihm verübeln - bei der Aussicht, an einem strahlenden Sommermorgen auf Schloss Bensberg? Vom Portal blickt man bei guter Sicht geradewegs auf den rund 16 Kilometer entfernten Kölner Dom. Der Mann - ein strahlendes Lächeln im Gesicht - liebt Kunst und Kultur, er singt leidenschaftlich gern im Chor, und der Dom, das wäre ein Konzertsaal seiner Träume. Und dann beschließt Katsuaki Watanabe kurzerhand, dass der Konvoi für ihn und sein Gefolge auf dem Weg zum Autohaus Yvel im Süden Kölns einen kleinen Umweg fahren wird. Nur mal gucken. Der streng getaktete Zeitplan gerät für eine Viertelstunde durcheinander. Aufregung bei den Organisatoren. Aber Watanabe ist schließlich das erste Mal in Deutschland. Wer weiß, wann sich so eine Gelegenheit wieder bieten wird?

Dabei sind kleine Fluchten wie diese für den Präsidenten das Äußerste der Gefühle. Beharrlichkeit und Pflichtbewusstsein prägen den drahtigen 65-Jährigen aus der Präfektur Aichi, in der Toyota City liegt, die neue Welthauptstadt des Automobilbaus.

Japanische Höflichkeit: Immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen© Karsten Schöne

Eine Klasse für sich

Unter Watanabes Regie hat die Toyota Motor Corporation (TMC), 70 Jahre nach ihrer Gründung, General Motors als größten Autobauer abgelöst. Im ersten Quartal dieses Jahres setzten die Japaner (inklusive der Marken Toyota, Lexus, Daihatsu und den Lastwagen namens Hino) erstmals mehr Fahrzeuge ab - insgesamt rund 9,1 Millionen. Das war absehbar: Nach Umsatz und Gewinn ist Toyota schon längst eine Klasse für sich und wächst unaufhörlich; das Unternehmen ist mehr wert als die wichtigsten Konkurrenten zusammen.

Katsuaki Watanabe könnte stolz sein wie Bolle. Doch ihm ist nicht wohl dabei. "Unser Ziel ist es nicht, vor General Motors zu liegen", sagt er. Kraftstrotzende Auftritte sind den Japanern ohnehin fremd. Watanabe hält den Oberkörper ganz gerade. Wenn er sitzt, wie beim Gespräch mit dem stern im Hauptquartier von Toyota City, ruhen die Hände meist auf den Oberschenkeln. In dem riesigen Besprechungsraum wirkt er beinahe verloren, obwohl er doch der Herr im Haus ist. Seine Bewegungen sind sparsam und wenig ausladend. Am Rednerpult ist er so konzentriert, dass er kaum aufsieht. "Unser Ziel ist es, gute Autos zu bauen. Wir wollen, dass unsere Kunden zufrieden sind und auch das nächste Auto bei uns kaufen."

Zauberwort: Kundenzufriedenheit

Wenn seine Produkte die Ranglisten von Studien zur Kundenzufriedenheit anführen, dann trifft das die Vorstellung des Toyota-Präsidenten von Erfolg. Ranglisten von Konzernen hingegen interessieren Katsuaki Watanabe wenig. Doch die Tatsache, dass der Erste anders wahrgenommen wird, ist schon wichtig. Watanabe weiß, dass sein Konzern deshalb mehr denn je unter Beobachtung steht. Ihn treibt zum Beispiel die Sorge um, dass den Japanern irgendwann die Schuld am derzeit laufenden Niedergang der amerikanischen Autoindustrie gegeben werden könnte - weil Toyota dort höchst erfolgreich ist. Die USA ist nicht nur der wichtigste Exportmarkt, sondern auch strategischer Produktionsstandort. Nur in Japan betreibt Toyota mehr Fabriken. Watanabe erinnert sich an die Warnung Bill Clintons aus den Neunzigern, man werde Einfuhrzölle in Höhe von 100 Prozent erheben. Und er kennt die Bilder aus den Achtzigern: Detroiter Arbeiter zertrümmern japanische Importfahrzeuge.

Nach den Attentaten vom 11. September 2001 hatte es die bisher letzte Kampagne gegeben, die Amerikaner aufforderte, nur noch einheimische Produkte zu kaufen. Ohne großen Erfolg, denn die Marktanteile ausländischer Hersteller wuchsen weiter. Doch was wäre, wenn die Stimmung eines Tages kippte? Zwar haben auch Honda, Nissan und Subaru längst Fabriken in den USA und bieten allesamt sicherere Arbeitsplätze als General Motors, Ford oder Chrysler. Doch ob dann sachliche Argumente Gehör fänden? Eines scheint sicher: Toyota als Primus würde es am härtesten treffen.

Hinter den Kulissen: Watanabe mit Rede-Manuskript© Karsten Schöne

Erfolg ohne Hochmut

Kaum hatte Watanabe kürzlich erneut ein Rekordjahr mit einer beeindruckenden Steigerungsrate verkündet, das siebte in Folge, da warnte er, dass es so nicht ewig weitergehen würde: Die Rohstoffpreise stiegen, der Yen stehe gegenüber Dollar und Euro derzeit hoch, und die Nachfrage im Heimatland sei rückläufig.

Doch das Vorzeigeunternehmen steckt nicht etwa in der Bredouille. Watanabe hält bloß den Ball flach. Im schlimmsten Fall könnte sich die Ausdehnungsgeschwindigkeit des Toyota-Universums im laufenden Geschäftsjahr einen Tick verlangsamen. Aber: Man kann doch trotz des Erfolgs vorsichtig sein wie ein dreibeiniger Fuchs. Das ist ein Teil der Denkweise: sich niemals selbstzufrieden auf die Schulter klopfen, sich niemals zurücklehnen, sich niemals sicher fühlen. "Unterscheiden Sie zwischen dem, was erreicht wurde und dem, was noch nicht erreicht wurde", erinnert Watanabe seine Mitarbeiter immer wieder.

Seit er Anfang 2005 zum Präsidenten des Konzerns berufen wurde, fällt er vor allem dadurch auf, dass er mahnt. Auch wenn er vor der Belegschaft Reden hält wie bei seinem ersten Besuch bei der Deutschland-Tochter in Köln. "Ich bitte Sie um Wachstum mit Qualität", wendet sich der kleine Mann mit einer überraschend kräftigen Stimme an die Mitarbeiter in der rappelvollen Kantine. "Die Qualität zu sichern hat oberste Priorität." Er appelliert. Und er fordert.

Immer besser

Watanabe wird nicht müde, seine Leute an die Werte und Ziele des Unternehmens zu erinnern. Eines davon ist "Kaizen", das Prinzip der ständigen Verbesserung. Der Präsident lebt das Motto, nie zufrieden zu sein, intensiver vor als seine Vorgänger, weil er sein gesamtes Berufsleben - 43 Jahre - in der Firma präsent ist. Toyota gibt es mit Watanabe länger als ohne. Und er hatte, anders als viele seiner Vorstandskollegen, nie einen Posten im Ausland. "Er war immer in Toyota City", sagt einer von ihnen zu stern.de. "Er ist daher ein starkes Symbol für den Toyota Way."

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
Lupinthethird (23.10.2007, 18:12 Uhr)
Japaner...
sind wie Autofahrer, die gleichmaessig mit 140 km ueber die Autobahen fahren. Viele unserer Manager sind Porschfahrer, die gleichzeitig auf Gas und Bremse stehen. Am Ende kommen bei fast gleich schnell an, nur dass die Japaner weniger Sprit verbraucht haben. Gleichmaessigkeit und warten auf Fehler der anderen zahlt sich halt aus. Im uebrigen sind Japaner intoleranter und zielorientierter, als es die Fassade vorgibt. ... schoene Gruesse aus Aichi.
Freaker (23.10.2007, 15:09 Uhr)
Toyota...
Ist einfach eine sagenhafte Marke... und zudem der einzige Autobauer der Welt, der alle seine Fabriken und Kapazitäten vollausgelastet hat. Dort gibt es solche Alpträume wie Werksschließungen nicht.
Malt (23.10.2007, 14:43 Uhr)
Bezug zur Basis
Der Erfolg von Toyota liegt vor allem daran, dass bei diesem Multimillionenkonzern die Manager noch nicht den Bezug zur Basis und zum Kunden verloren haben. Die haben sich halt angeschaut und angehört, was die Kunden wollen, was die Mitarbeiter brauchen, und haben danach gehandelt. DAS ist es, was Toyota jedem anderen Automobilbauer, und vor allem den Deutschen, voraus hat. Eine Ausnahme bildet dabei vielleicht Porsche, die auch immer sehr genau darauf hören, was Ihre Kundschaft so von sich gibt. Und auch da blüht der Erfolg.
Bambla (23.10.2007, 13:38 Uhr)
Die Japaner sind Wölfe im Schafspelz..
..und zwar im positiven Sinn.
Die Entscheider in japanischen Erfolgsunternehmen lächeln höflich und demütig, aber es bleiben trotzdem harte Wirtschafts-Samurai mit stählernen Eiern.
Ihr müsst die westlichen Manager-Platzhirsche mal nachts erleben. Da wachen sie schweißgebadet auf weil sie wieder davon geträumt haben, dass sie unter einem japanischen Mittelklassewagen liegen, dessen Gewicht ihnen die Brust zerquetscht.
chatahootchee (23.10.2007, 13:24 Uhr)
Auch die Japaner ...
... kochen nur mit Wasser, aber dies sehr gut und ohne grosse Worte. Ich komme gerade von Japan zurueck und konnte selbst erleben, wie dort pingelig aber direkt geplant und untersucht wird. Die europaeischen und amerikanischen Automobilfirmen haben es nur verpasst, eigene Fabriken in Japan durchzusetzen. Das raecht sich jetzt.
StefanAugsburg (23.10.2007, 13:22 Uhr)
Bescheidenheit ?
Das ist wohl wahr, aber das Problem ist, daß den europäischen Managern die richtige innere Einstellung für so etwas fehlt. Von durchaus positiven Ausnahmen einmal abgesehen denken diese Herren oft viel zu kurzfristig, nur ans eigene Wohl und nicht wirklich global und zukunftsweisend. Schnelle Erfolge sind angesagt, Shareholder Value ist wichtiger als solide Firmenpolitik, die nicht jedem Trend hinterherhüpft - all das müssen die Herren und Damen erst noch lernen. Sicher, die Asiaten haben auch schwarze Schafe, aber hier wird das Wort "Dienen" noch anders verstanden - und man ordnet sich auch unter ohne dies gleich als persönliche Niederlage anzusehen. "Kaizen" gibt es hier übrigens auch schon, nur wird es nicht in letzter konsequenz umgesetzt, da speilt wohl die deutsche Mentalität nicht immer gleich so mit ... ;-)
einsatzreicht (23.10.2007, 12:45 Uhr)
Von der Bescheidenheit könnten
sich deutschen Manager mal eine Scheibe abschneiden
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