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10. Dezember 2007, 20:06 Uhr

Auf den Asphalt, Baby

Was Manni und Ditsch auf deutschen Motorshows präsentieren, bauen die Chicanos von Los Angeles seit über 60 Jahren. Mit viel mehr Gold, mehr Bass und echtem Chica-Sex. Auf der "La Vida Lowrider"-Ausstellung protzt der Stolz Mexikos. Von Helmut Werb

Ein Kunstwerk der Hydraulik© Helmut Werb

La Vida Lowrider, aber wie! Du kriegst die Hand nicht unter die Schweller! Der mit Chrom und Klavierlack überpackte Packard aus dem Jahr 1937 liegt so tief, dass du mit dem Auspufftopf Zigarrettenstummel auf dem Asphalt anzünden kannst. Amor Barut, ein total "loco" Cholo aus East El Lay, baute fast zehn Jahre an einem Jetta "The Passion", den er nicht nur auf Rechtslenkung umbaute und dessen Mechanik er vergoldete, sondern in dessen Türschweller auch ganze Bibelpassagen in Minitaturschrift eingelegt sind.

Die Hochglanz-polierten Scheibenbremsen des "Sundance" genannten Chevy haben noch kein Gramm Autogewicht verzögert, "dafür kannst du dich aber in der Reflektion rasieren", sagt Anthony Fuentes, der gar nicht mehr weiß, wieviel Arbeit in dem quietschgelben Impala steckt, der im Petersen Automuseum in Los Angeles aufgebockt ist, damit man die feinziselierten Radnaben und Hydraulikzylinder, die die Bodenfreiheit regulieren, überhaupt wahrnehmen (und dann genießen) kann. Und was der "Orgullo Mexicano", der Stolz von Mexiko, noch mit einem normalen Chevy Monte Carlo aus dem Jahr 1967 gemein hat, können weder Chino und Lolo Vega erklären. Was aber vor allem daran liegt, dass sie diese idiotische Gringo-Frage gar nicht verstehen. "It’s history", grinst der nicht mehr ganz junge Chino, das sei Geschichte, während er fast zärtlich über die üppigen Masse eine Aztec Göttin streicht, die er auf die Kühlerhaube des lenkradlosen, nur durch Knopfdruck steuerbaren Chevy Monte Carlo gemalt hat.

Zum Bremsen viel zu schön© Helmut Werb

Geschichte? Und ob! Was Manni, Ditschi und Kollegen heute auf Tuningmessen wie der in Essen bewundern, praktizieren die Chicanos in den Barrios von East Los Angeles, der Stadt der Engel, seit den 40er Jahren. "Pimp up your ride". schaffte Paco schon, als die Gallone Sprit noch für fünf Cent zu haben war, und Marijuana noch Weed genannt wurde. Trip the wheel? 23 Zoll-Monsterfelgen sind out, "Candy" ist in, wie die silber- und goldglänzenden Spezial-Lackierungen bei den "Cholos", den Latino Homeboys von El Lay, genannt werden. Oje Hombre, Lowriding is alive and well, und eine wunderbare Ausstellung im Petersen Automuseum in Los Angeles beweist es.

Cruisers und Lowriders, in "Bombs", ein milder Lowrider aus den 30er und 40er Jahren, und "EuroKits", die modernen Lowriders aus Honda, Toyotas und (vereinzelt) VWs, mit Airdams, Spoilern und was haste. Aber wo in Europa und Japan ganze Industrien davon leben, die Auto-Individualisierung fließbandmäßig zu uniformieren, zählt in East Los Angeles, wo die Cholos in ihren Clubs heute noch vorfahren, nur das Handgefertigte. Jahre und Geld kostet das, eine stinknormale Lahmkrücke wie den Mercury Cougar in ein Kunstwerk namens "El Gato Loco" zu verwandeln.

Chino Vega schätzt den Einsatz für seinen "Orgullo" auf runde 70.000 Dollar, und das nur fürs Material, die unzähligen Jahre Arbeitszeit, die die beiden Brüder in den ehemaligen Monte Carlo gesteckt haben, sind nicht berechenbar.

Bump the Bomber

In den späten 30er und 40er Jahren begannen Chicanos mit ihrer besonderen Art der "Car Culture". Als nach dem 2. Weltkrieg die Soldaten wieder in die Barrios zurückkehrten, mit etwas Geld in der Tasche und mechanischem Können gesegnet, blühte die Lowrider-Kultur auf, obwohl der Begriff der Lowrider erst in den 60er Jahren von der Polizei von Los Angeles geprägt wurde, als die Latino Gangs mit ihren "Bombs" und "Gangsters" den Sunset Boulevard unsicher machten. Besonders die Entdeckung, dass sich die Fahrwerkshydraulik ausgedienter Weltkrieg 2-Bomber ganz trefflich zum "Bumpen" eignete, dem rhythmischen Auf-und Abwippen im Takt der Chicano-Musik, brachte nicht nur viel Spaß auf den Boulevard, sondern auch die "chicas" in Laune. Anders als die Gringos, die ihre Hotrods in den 50er und 60ern hochstellten und auf Leistung trimmten, galt bei den Cholos das Motto "bajito y suavecito", tief und SEHR langsam fahren, und wenn der Wagenboden so tief über den Teer schrammte, dass die Funken flogen, war der Preis gesichert. Legendäre Duelle haben sie sich geliefert, Joe Ray in seinem 71er Buick "Dressed to Kill" (dessen Lenkrad als erstes vollgepolstert war), mit dem 64er Chevy Impala "Gypsy Rose" von Jesse Valadez. Auf dem Sunset, auf dem Pico Boulevard, bei den Treffs ihrer Auto-Clubs.

1938 Packard 120B Sedan "Mr Mafioso"© Helmut Werb

Der Geist bleibt gleich

Nicht viel hat sich geändert - "Fadeaways" haben die Lackierungen ersetzt, die von Azteken-Tempelmalereien inspiriert waren, "Glare Shades" die ziselierten Fenster-Etchings aus den alten Tagen. 5000 Watt Stereoanlagen pumpen Bässe, wo früher ein schräges Akkordeon aus "tin can speakers" kam. Aber der Enthusiasmus ist noch der gleiche geblieben. Immer noch arbeiten ganze Familien, Vater und Söhne, Brüder und Vettern an einem Auto – oder an Harleys, wie der Road King von Mister Cartoon, die er trefflich "Tangerine Pie" taufte – und die heute laut Versicherungspolice des Museum anderthalb Millionen Dollar wert ist. ¡Mucho dinero, loco!

Von Helmut Werb
 
 
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